17 vor 8

17vor8Kennen Sie auch wen, der in der gleichen Minute geboren ist wie Sie? Oder wissen Sie die Minute gar nicht?

Matt Rigby, Polizeikonstabler in der britischen Grafschaft Greater Manchester, und seine Lebensgefährtin Lowry Dairsley haben zwei Töchter: Ella, geboren am 10. Oktober 2005 um 7h 43, und Evie, geboren am 26. Dezember 2007 um 7h 43. Seit 20. Januar 2011 haben die Mädels ein Brüderchen namens Harrison – um wieviel Uhr kam der wohl zur Welt? Auch um 7h 43. Grund genug für den Vater, sich den Schriftzug „Seven Forty Three“ auf den Arm tätowieren zu lassen (tatsächlich tat er das schon nach Evies Geburt). Grund auch für britische und weltweite Medien, Schlagzeilen daraus zu machen.

Babyfotos sind immer süß, und schließlich ist die Wahrscheinlichkeit für eine solche Übereinstimmung nur (wie es in allen Pressemeldungen hieß) „ungefähr 1 zu 300 Millionen“.
Echt? Wie haben die das ausgerechnet?

Der Tag hat 1440 Minuten. Evies Chance, in der gleichen Minute geboren zu werden wie Ella, war also 1/1440. Die Wahrscheinlichkeit, daß Harrison wiederum die gleiche Minute erwischte, war 1 zu 1440 zum Quadrat =2 073 600. Keine Rede von 300 Millionen. Ein Blick auf die offiziell eingetragenen Geburtszeiten der drei Kinder (abgedruckt in The Sun, 24. 1. 2011) zeigt außerdem, daß Ella im Gegensatz zu ihren Geschwistern um 19h 43 geboren wurde, sprich „7:43 p.m.“ – man hat mit einem 12-Stunden-Tag gerechnet, also nur mit 720 verschieden bezeichneten Minuten, demnach betrug die Wahrscheinlichkeit 1 zu 720 zum Quadrat=518 400. Da in Großbritannien über 1 Million Kinder pro Jahr geboren werden, könnte so etwas durchaus alle paar Jahre vorkommen (die Frage ist nur, wieviele britische Elternpaare überhaupt 3 oder mehr Kinder kriegen).
Vermutlich wurde übersehen, daß bei Ellas Geburt noch keine Zeitvorgabe galt. Die Wahrscheinlichkeit, daß alle drei Kinder um genau 7h 43 (a.m. oder p.m.) zur Welt kamen, war 1 zu 720 hoch 3=373 248 000 – dann waren die 300 Millionen großzügig abgerundet. Oder man ging doch von 24 Stunden aus: 1440 hoch 3=2 985 984 000, also knapp 3 Milliarden – dann hat jemand eine Null vergessen. Dann war die Wahrscheinlichkeit doch so gut wie beinah richtig, nur für das falsche Ereignis: 3 Kinder um Punkt 7h 43, statt in einer beliebigen gleichen Minute.

Diese Wahrscheinlichkeiten gelten natürlich nicht speziell für Geschwister, sondern für jede zufällig gewählte Gruppe von 3 Personen. Und sie gehen davon aus, daß Geburten gleichmäßig über den Tag verteilt sind. Chronobiologisch betrachtet stimmt das vielleicht nicht – angeblich häufen sie sich rund um 3h morgens. Erwartungshaltung als psychosomatischer Faktor und/oder individuelle Tagesrhythmen (etwa bezogen auf schwankende Hormonkonzentrationen im Blut) könnten außerdem bewirken, daß ein und dieselbe Mutter ihre Kinder tendenziell innerhalb eines Zeitfensters gebiert, das deutlich kleiner ist als 24 Stunden. Lowry Dairsleys Beispiel – mit einer Schwankungsbreite von 12 Stunden! – spricht allerdings eher dagegen.
Andererseits dauert eine Geburt nicht eine Minute, sondern gut 8 Stunden, manchmal gar 15 oder 20. Wann gilt das Kind eigentlich als geboren? Wenn sein Kopf sichtbar wird? Wenn es ganz außerhalb des Mutterleibs ist? Zur Rechtsperson wird es (in Österreich und Deutschland) mit dem Einsetzen der Eröffnungswehen. Als Geburtszeit notiert wird meist die Uhrzeit der Abnabelung. Wann die Nabelschnur durchtrennt wird – sofort nach der Entbindung oder etwa erst nach dem Ausstoßen der Plazenta, was eine gute Viertelstunde später sein kann –, liegt aber im Ermessen der Geburtshelfer. Hier konnte also informiertes Klinikpersonal (alle drei Kinder kamen, scheint es, in derselben Klinik zur Welt) den Zufall leicht um ein paar Minuten auf- oder abwärts pushen, ohne auch nur beim Eintragen schummeln zu müssen.

Diese Journalisten! Ist es denn bemerkenswert, wenn ein unwahrscheinliches Ereignis alle Jubeljahre einmal vorkommt? Eine Sensation wäre, wenn etwas, das nur einmal in 3000 Jahren passieren sollte, plötzlich jeden zweiten Mittwoch geschähe. Warum dann überhaupt Wahrscheinlichkeiten angeben, wenn man sie nicht einmal richtig ausrechnen kann?
Wenn Sie nächstens auf einer großen Party sind, wetten Sie doch mit jemandem um viel Geld, daß mindestens zwei der Anwesenden in der gleichen Minute (von 24 Stunden) geboren sind. Ab 45 Personen werden Sie mit größerer Wahrscheinlichkeit gewinnen als verlieren, und wenn 80-90 Leute da sind, ist die Wette schon fast unmoralisch. Aber Vorsicht: Nicht jeder kennt seine Geburtsminute. Auch heute noch gibt es Gegenden auf der Welt, wo sie gar nicht registriert wird. Dort wetten Sie besser auf übereinstimmende Geburtsdaten (ohne Jahreszahl, dafür einschließlich 29. Februar) – das beginnt sich ab 23 Personen auszuzahlen, und bei 50 können Sie kaum noch verlieren.
Ansonsten können Sie aus Geburtszeiten höchstens Kapital schlagen, wenn Sie Rechtsanwalt für strittige Erbfälle sind. Oder Astrologe.

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