23 – Nichts ist so, wie es ist

23

In 23 Minuten wissen Sie mehr.

Jemand – niemand hat gesagt, daß es eine Wanze war – hat (scheint es) in einem unterirdischen Kapitelsaal, den es eigentlich gar nicht geben dürfte, eine streng geheime Versammlung des geheimsten aller Geheimbünde belauscht. Den Mitschnitt (wir wissen tatsächlich nicht, woher wir ihn haben) geben wir hier kommentarlos wieder. Nochmals: Dies ist zwar ein Wanzenprotokoll, aber die Wanze legt größten Wert darauf, daß ihr Name im Zusammenhang damit nicht genannt wird. Also: Die Wanze heißt gar nicht Wanze, sondern anders. Nicht daß wir noch Ärger kriegen.

(Vielstimmiges Gemurmel hallt vom Gewölbe wider. Gongschlag. Schweigen.)
Meister: Werte Schwestern und Brüder! Auf den Tag genau 23 Jahre nach unserer letzten Sitzung am 23. September 1988 begrüße ich euch von neuem und freue mich, daß ihr auch diesmal wieder vollzählig erschienen seid –
Jüngling: Kann nicht sein. Vor 23 Jahren war ich noch im Kindergarten.


Meister: Das war deine Vorbereitung, Bruder.
Mädchen: Ich bin noch gar nicht 23.
Meister: Wichtig ist: Heute bist du da. Ich stelle die Beschlußfähigkeit der Versammlung fest; der Rat der 23 ist vollzählig.
Mann: Warum 23?
Meister: 23 ist die Zahl der menschlichen Chromosomen. Alle Geladenen sind erschienen –
Mann: Ich habe keine Einladung gekriegt.
Frau: Ich auch nicht. (Mehrere Stimmen: Ich auch nicht.)
Meister: Niemand hat eine gekriegt. Es ist in unserem Bund nicht üblich. Wir treffen uns, ohne Ort und Zeit im voraus zu wissen, allein aufgrund vertrauenswürdiger Führung –
Mädchen: Mir hat so ein Typ die Augen verbunden und mich durch einen unterirdischen Gang hergeführt. Der war überhaupt nicht vertrauenswürdig. (Mehrere Stimmen: Mich auch.)
Meister: Woher wißt ihr das? Kanntet ihr ihn? – Eben. Ich kenne ihn ja auch nicht. Es ist das Geheimnis der Stärke unseres Bundes, daß nicht nur Außenstehende nicht wissen, wer die Mitglieder sind, sondern auch wir selbst nicht. Ich weiß kaum, wie ich selbst heiße, und noch fremder seid ihr mir, alle 22 –
Fremder: (kommt zur Tür herein) ’tschuldigung, bin ich da richtig bei der Vollversammlung der Rosenkreuzer?
Alle: (im Chor) Nein. Keine Ahnung, was Rosenkreuzer sind. (Der Fremde scheint zufrieden und setzt sich.)
Meister: Nein, nein, das geht nicht, Sie können sich da nicht hinsetzen, sonst sind wir 24 statt 23 –
Mädchen: Stimmt gar nicht, wir waren vorher nur 22, mich hat schon gewundert, was Sie von „vollzählig“ schwafeln –
Meister: (zählt nach) Gut. Setzen Sie sich, wenn Sie es nicht lassen können.
Jüngling: Warum eigentlich 23?
Meister: (leise) Weil das Blut 23 Sekunden braucht, um einmal im menschlichen Körper zu zirkulieren. Außerdem (noch leiser) hat der Name „Hans Christian Rosenkreuz“ exakt 23 Buchstaben.
Fremder: Und trotzdem sind sicher keine Rosenkreuzer da?
Meister: Mein Lieber! Wenn welche da sind, werden sie es nicht sagen. Denn die Stärke der wahren Rosenkreuzer besteht darin, zu verbergen, daß sie es sind.
Fremder: Was ist dann mit den ganzen Clubs, die so heißen? Die Societas Rosicruciana, der Ordre Cabbalistique de la Rose-Croix, die Rosicrucian Fellowship, der Antiquus Mysticus Ordo Rosae Crucis und noch mindestens 19 andere?
Meister: Das sind alles keine, sondern Häretiker. Oder würde auch nur einer von uns je einem dieser Clubs beitreten?
Alle: (im Chor) Nein.
Meister: (zufrieden) Sehen Sie.
Fremder: Und kennt wirklich keiner die anderen? Ich meine, wissen Sie, wer ich bin?
Meister: Nein. Bin auch nicht neugierig. Nur einer kennt selbstverständlich alle: unser Großmeister, dessen Name nicht genannt werden darf –
Mädchen: Boah. Voldemort?
Meister: (betreten) Psssst. – Nun, Schwestern und Brüder, laßt uns protokollieren, was das Licht des Rates der 23 der Außenwelt seit seiner vorigen Sitzung beschert hat –
Fremder: Von wegen Licht – wie machen Sie das bloß, daß es hier, 23 Meter unter der Erde, so hell ist?
Meister: Da oben brennen 23 100-Watt-Birnen, gespeist von einer unerschöpflichen Bagdad-Batterie.
Fremder: Sind die nicht verboten? Die Birnen, meine ich.
Meister: Uns nicht.
Frau: Warum 23?
Meister: Weil Wien 23 Bezirke hat. (klappt ein ominöses Gerät auf) Nun denn. Laut Beschluß der Sitzung von 1988 wurde die in der Sitzung von 1919 beschlossene Sowjet­union samt umgebendem Ostblock wieder aufgelöst, mit der Begründung: „Öfter mal was Neues.“ Damit den reptiloiden Außerirdischen, die über die USA herrschen, nicht fad wird, wurden zwei Irakkriege veranstal­tet; der zweite, nach Beschluß mit 23 gegen 0 Stimmen, ab 23. März 2003. Um den Glauben an den Fortschritt aufrechtzuerhalten, wurde Sorge getragen, daß jeder, aber auch wirklich jeder Mensch, sofern er Taschen hat, mindestens ein Mobiltelefon darin stecken hat – eine Erfindung unseres lieben Bru­ders En-Apophis aus dem Jahre 2948 v. Chr. Damit unsere lieben Brüder in ihren 23 Gebäuden auf dem Microsoft-Campus in Washington Arbeit haben, haben wir die Welt ein bißchen computerisiert. Zur höheren Ehre des 23. Buchstaben im deutschen Alphabet wurde das WWW lanciert, eine Erfindung unseres lieben Bruders Amenemhet-Ba aus dem Jahre 1598 v. Chr. – Ziffernsumme wie üblich 23. Am 11. 9. 2001 – Ziffernsumme 23 – flogen…
Mann: Das waren auch wir?
Meister: Nein. Das ist einfach so passiert. Aber wir sind die einzigen, die es wissen.
Mädchen: Was haben Sie da eigentlich für ein cooles Ding? Smartphone 23.0?
Meister: Nö, das ist das, was in den nächsten 23 Jahren der Landplage von Laptops und Handys endlich den Garaus machen wird. Basiert auf einem Vanadium-Chip – ihr wißt schon, Vanadium, Ordnungszahl 23. Auch eine Idee von Amenemhet-Ba – hat er mir geschenkt, als wir 1804 die Krönung unsres lieben Bruders Napoleon beschlossen haben. Mein Smartphone hatte ich 1781 auf dem Heimweg in den Katakomben von Paris liegen lassen, und dann ist irgend so ein Jakobiner draufgetrampelt. – Junge Frau, zügeln Sie diese Gedanken; Sie werden mir dieses Gerät keinesfalls abluchsen, auf welche Weise auch immer.
Mädchen: Boah. Gedanken lesen können Sie auch?
Meister: Psi ist der 23. Buchstabe im griechischen Alphabet.
Mann: Aber ich dachte immer, der älteste Computer der Welt wäre so ein bronzener Zahnradmechanismus, den man irgendwo vor Kreta aus dem Meer gefischt hat? Damit haben die Griechen im 1. Jahrhundert v. Chr. ausgerechnet, wann die nächste Mondfinsternis ist, und so.
Meister: Haha! Das Ding hat Amenemhet doch dort versenkt, damit das alle glauben. Mein Lieber, entdeckt wird immer nur, was wir schon immer wissen; das ist die profunde Wahrheit, die die Ros… die wir verwalten. Der Rat der 23 sorgt dafür, daß nichts über die Schwelle tritt, wofür die Welt nicht reif ist; gewöhnlich warten wir damit so an die 23 Jahrhunderte.
Jüngling: Aber wenn wir jetzt schon die Technologie des Jahres, sagen wir, 4199 zur Verfügung haben, warum vermarkten wir sie nicht? Wir würden stinkreich.
Meister: Mein Sohn, der Rat der 23 braucht kein Geld. Was er braucht, sind Getränke. (Gläser klirren.) Vielen Dank, Nummer 23, sehr freundlich. – Wir wollen jetzt endlich zur Tagesordnung schreiten, es ist bereits 23 Uhr 23! Zur Abstimmung kommen heute: Übergabe der USA an China, damit die Chinesen sich mit den Reptiloiden rumärgern müssen und nicht wir. – Ersatzlose Auflösung Europas mit Hilfe der letztes Mal beschlossenen Währungsunion. – Schrittweiser Abbau der Geldwirtschaft und Wiedereinführung des Tauschhandels; Errichtung eines Museums für ausgestopfte Kapitalisten. – Reduktion des Flugverkehrs (ja, ich weiß, wir haben erst letztes Mal gesagt, er soll mehr werden) durch regelmäßige Vulkanausbrüche; unsere Brüder in Island brauchen auch was zu tun. – Und so weiter bis Punkt 23: Allfälliges.
(Vermutlich nicht zufällig ist hier ein Teil des Bandes so beschädigt, daß von der folgenden Abstimmung nichts zu hören ist als ein ohrenbetäubendes Rauschen. Anschließend wieder klirrende Gläser, es wird reihum angestoßen: Auf die nächsten 23 Jahre!)
Fremder: Äh, verzeihen Sie, Herr Meister, es ist mir persönlich wirklich peinlich – aber darf ich Sie an die vorige Sitzung erinnern, seinerzeit 1988?
Meister: Natürlich. Was ist damit?
Fremder: Gestatten, daß ich mich aus­nahmsweise vorstelle: Jägermeister, Josef Jägermeister, damals Pikkolo, heute Oberkellner im Gasthof zum Grünen Raben in Puchberg am Schneeberg, wo seinerzeit das Extrazimmer reserviert wurde, auf den Namen Sektionsrat Sedlaczek, wo die 23 Herrschaften dann auf Ihren 61. Geburtstag angestoßen haben –
Meister: (apoplektisch) Das darf nicht wahr sein –
Fremder: Ja, von damals wäre noch die Rech­nung offen. Das macht dann mit Zins und Zinseszins, samt den Getränken von heute, Währungsumrechnung, Trinkgeld und alles schon inbegriffen, 2323 Euro –
Meister (kramt in seinen Taschen, würgt.)
Fremder: – und 67 Cents. Sorry.

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