Alessandro Baricco: Diese Geschichte

Über seltsame Figuren von großer Traurigkeit.

Spätestens seit der Verfilmung des Buches Novecento ist Alessandro Baricco über die Grenzen Italiens hinaus bekannt. Seine Bücher Land aus Glas, Seide oder Oceano Mare sind in mehrere Sprachen übersetzt worden und machten Baricco zu einem der interessantesten zeitgenössischen Schriftsteller Italiens. Baricco, der 1958 in Turin geboren wurde, studierte Philosophie und Musikwissenschaft und unterrichtete später an der von ihm gegründeten Schule für kreatives Schreiben (Scuola Holden). Er lässt 2005 mit seinem neuen Buch Questa Storia aufhorchen, das 2008 endlich auch ins Deutsche übersetzt erschienen ist.

Diese Geschichte, so der Titel des neuen Buches, erzählt wie alle Bücher Bariccos von Ausnahmecharakteren. Baricco bewies bereits in seinen bisherigen Büchern großes Können, was die Konzeption witziger Plots, gepaart mit Tristesse und philosophischen Theorien anbelangt. Baricco würzt sein Werk überdies mit Figuren, welche den Leser immer wieder überraschen. Handelte z.B. Oceano Mare von einem Mädchen, das vor nichts und allem gleichzeitig Angst hat, einem Wissenschaftler, der den Moment des Brechens der Wellen am Meer festhalten möchte und einem Maler, der das Meer mit Meereswasser auf Leinwand einzufangen versucht; so geht es auch in Diese Geschichte um ebensolche Figuren, Figuren der Unmöglichkeit.
1903 ist das Jahr, in dem diese Geschichte ihren Anfang nimmt. Ultimo, so nennt man in Italien sein Kind, wenn man keine weiteren Kinder mehr bekommen möchte, diesen Namen trägt in diesem Fall jedoch ein kleiner sonderbarer Junge, ein Einzelkind, dessen Vater (ein Bauer) auf den Geschmack der Maschinen kommt und seine Kühe verkauft, um in einem Dorf die erste Autowerkstatt zu bauen – paradoxerweise um an Autorennen teilzunehmen. In spannender Weise beschreibt Baricco, wie um 1900 und den darauf folgenden Jahren dessen Begeisterung für Maschinen ein überdimensionales Ausmaß annahm – so wie auch sein Interesse für Waffen, wobei er dann auch im ersten Weltkrieg involviert ist.

Nach dem Krieg zieht er als Fahrer mit einer jungen Russin durch amerikanische Städte, um Steinway-Klaviere zu verkaufen. Elizaveta ist das Opfer der russischen Revolution, eine ehemals reiche Tochter aus gutem Haus, die mittellos darum kämpft, wieder reich zu werden. Diese beiden Charaktere zieht Baricco durch das Buch, Ultimo, der von Kindheit an von der perfekten Rennstrecke träumt und traumatisiert durch den Krieg, kaum spricht und Elizaveta, deren Boshaftigkeit unerträglich ist, die jede Familie, der sie ein Klavier verkauft, zerstört und abkassiert, um so schnell wie möglich reich zu werden.
Obwohl dieses Buch wie Bariccos andere Bücher von merkwürdigen Figuren lebt, unterscheidet es sich doch von seinen weiteren Werken. Die Erbarmungslosigkeit, mit der Elizaveta Familien zerstört, dreht einem streckenweise alles im Magen um, so eine durch und durch negative Figur hatte es bei Baricco noch nie gegeben, genauso wie Anmerkungen des Autors am Ende des Buches, die nicht minder interessant sind.

Die 312 Seiten beginnen mit Ultimos Kindheit, gelangen dann zum ersten Weltkrieg, wechseln dann in die Form von Tagebucheintragungen Elizavetas und so ändert Diese Geschichte mehrmals seine Erzählweise.
Wie alle seine anderen Bücher ist auch dieses sehr empfehlenswert, auch wenn es nicht ganz so verspielt ist, wie man es von ihm erwartet. „Er erklärte mir, dass die Menschen viele Jahre lang leben, seiner Meinung nach leben sie aber nur in einen kleinen Teil all dieser Jahre wirklich, und zwar in den Jahren, in denen sie das tun können wofür sie geboren wurden. In diesen Jahren ist man glücklich. Die übrigen Jahre sind eine Zeit, die mit Warten oder Erinnern vergeht. Wenn man wartet oder sich erinnert, sagt er, ist man weder traurig noch glücklich. Man wirkt traurig, aber das liegt nur daran, dass man wartet oder sich erinnert. Menschen, die warten, sind nicht traurig, und die, die sich erinnern, auch nicht. Sie sind ganz einfach weit weg.“ (176)

Alessandro Baricco, Diese Geschichte, 2008, Carl Hanser Verlag München.

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