Aller Laster Anfang?

IgelEin müßiges Streitgespräch.

Märchenhafte ProtagonistInnen würden be­kannt­lich noch heute leben – wenn sie nicht schon gestorben wären. Glücklicherweise leben sie aber (zumindest genetisch betrachtet) doch noch ein kleines bisschen, nämlich in Gestalt ihrer Nach­kommen, so, wie sie beispielsweise ein Hase und ein Igel (vierter Generation) darstellen. Eines Tages (no na!) trafen sich die beiden, um über diverse Familien­ge­pflogen­heiten zu debattieren. Und ungeachtet jeglicher Daten­schutz­richt­linien konnte es unsere Wanze wieder einmal nicht lassen, einen ihrer berüchtigten Lauschangriffe zu starten …

Igel: Guten Abend, Hase! Na, Lust auf ein kleines Wettrennen?

Hase (verstimmt): Mein lieber Freund, als ob deine gerissene Stachelsippschaft nicht schon genug meiner Ahnen am Gewissen hätte! Auch wenn mein hasenhafter Leistungswille schier unbändig scheint, habe ich wieder einmal einen harten Arbeitstag hinter mir – und im Gegensatz zu dir Faulpelz etwas Erholung redlich verdient!

Igel: Scheinst ja nicht unbedingt zu scherzen aufgelegt zu sein … den Faulpelz will ich jedenfalls überhört haben. Es zwingt dich ja niemand dazu, jeden Tag bis zur Erschöpfung und darüber hinaus zu wirtschaften.

Hase: Nun, von nichts kommt bekanntlich nichts. Ich wage es gar nicht auszudenken, wie denn die Welt voller arbeitsscheuer Stachelwesen heute aussähe!

Igel: Ich muss doch sehr bitten! Ich streite ja keineswegs ab, dass ich nicht unbedingt den Workaholic schlechthin abgebe. Aber glaube mir, Hektik wäre alles andere als sinnvoll für meine Profession. Dein krampfhafter Übereifer wirkt ja geradezu kreativitätstötend!

Hase: Papperlapapp! Wie, wenn nicht durch Leistungsbereitschaft wäre denn unser heutiger Wohlstand möglich? Gerade dich möchte ich gerne dabei beobachten, wie du dir dein Bratwürstchen – Verzeihung, Tofuwürstchen – selber erlegst!

Igel: Werd’ nicht frech, sonst setze ich meinem Eisenmangel sogleich einen saftigen Hasenbraten entgegen – nicht zuletzt, weil du dich ohnehin ins eigene Fleisch schneidest! Gerade die Müßigen waren es doch, die uns in der Vergangenheit die Zivilisation bereitet haben, wie wir sie heute kennen. Künste, Wissenschaft, Literatur und dergleichen wären wohl sonst nicht möglich gewesen – ganz zu schweigen von der Philosophie, die wir gerade zu betreiben pflegen!

Hase: Ach, geh’ mir doch bloß mit der Philosophie aus der Sonne! Für die Ansammlung nutzlosen Wissens ist selbst mir die Zeit zu schade.

Igel: Erschreckend, wie du alles durch die Brille der Produktivität betrachten musst! Hätte man in der Vergangenheit lediglich aus Gründen der Nützlichkeit Forschung betrieben, so würden wir wohl heute noch mit Faustkeilen hantieren …

Hase: Andererseits schafft eben unser Wohlstand erst die Grundlagen dafür, dass Taugenichtse wie du unproduktiven Tätigkeiten, wie sie das Philosophieren oder auch das unentgeltliche Schreiben für Zeitschriften darstellen, nachgehen können. Und dieser Wohlstand konnte mit Sicherheit nur durch Arbeitsleistung erreicht werden, welche wiederum nur dann zu erwarten ist, wenn ein angemessener Nutzen ebendieser Arbeitsleistung besteht.

Igel: Ein Nutzen namens „Geld”, welcher rein darin besteht, den Charakter zu verderben. Obendrein vergisst du, dass wir Tätigkeiten nicht nur des Geldes wegen, sondern auch um der Tätigkeit selbst willen ausführen. Ich bin mir zwar jetzt nicht sicher, aber ich gehe davon aus, dass du schon einmal ein Buch gelesen hast, ohne hinterher Geld oder sonstwas dafür zu bekommen.

Hase: Sehr witzig. Ja, auch ich gebe mich von Zeit zu Zeit unproduktiven Tätigkeiten hin – hingegen nur zur Entspannung und auch nur in dem Maße, wie und wann es mir gerade Spaß bereitet.

Igel: Spaß hört sich ja nicht unbedingt übel an.

Hase: Für dich vielleicht. Mein lieber Igel, das Leben ist nun mal kein Ponyhof! Es scheint mir nicht dem Wohle der Gesellschaft zu dienen, wenn jeder nur nach Lust und Laune und ohne leistungsgerechte Entlohnung arbeiten würde. Erstens, weil es höchst unterschiedliche Auffassungen von Leistung gibt (wirft dem Igel einen verächtlichen Blick zu) und zweitens, weil sich die Fleißigen als Folge dieser Ungerechtigkeit die Frage stellen würden, warum sie dann mehr beisteuern sollten als andere. Leistung muss sich ganz einfach auch lohnen, und dazu braucht‘s Motivation.

Igel: Und Motivation ist Betrug am Willen eines anderen, wie Schopenhauer so schön sagte. Wohin der Weg einer aufgezwungenen Motivation führt, merkt man bereits im Kindesalter: Schülerinnen und Schüler werden zum Lernen gezwungen und sie tun es wenn überhaupt nur deswegen, um gute Noten zu bekommen. Der eigentliche Sinn des Lernens geht verloren, und das Lernen an sich wird als etwas Schlechtes erachtet. Ich bezweifle, ob das dem Wohle der Gesellschaft dienen soll – vom unheilbringenden Geld ganz zu schweigen!

HaseHase: Zumindest stinkt es nicht. Im Ernst, es mag schon sein, dass das nicht unbedingt eine Idealsituation darstellt, es ist mir aber noch tausendmal lieber als ein Zustand des Mal-sehen-was-passiert-wenn-jeder-tut-was-er-oder-sie-will! Was würden Schülerinnen und Schüler machen, wenn man das Lernen der Freiwilligkeit unterstellt? Richtig, alles außer lernen – Bildung adé, willkommen im Reich der Verblödung! Genauso wie Bildung individuelle Mühe bedeutet, bedeutet gesellschaftlicher Wohlstand kollektive Mühe, was nicht immer lustig sein kann. Dem Herrn Philosophen ist wohl auch das Höhlengleichnis Platons ein Begriff! Die Menschen geben ihre gemütlichen Fesseln nun mal nicht gerne auf …

Igel (überrascht): Jetzt wird der Saulus noch zum Paulus! Da mag was dran sein – aber ich frage mich, ob nicht eher der Leistungswahn zur Verblödung beiträgt. Wessen Freizeit von Erschöpfung geprägt ist, verlangt wohl eher nach geistloser Unterhaltung denn nach sinnstiftender Muße – und das beträchtliche mediale Überangebot an Geistlosigkeit zeugt nur allzu gut von den unschönen gesellschaftlichen Auswirkungen des ach so tollen Leistungsgedanken! Außerdem wären da noch die gesundheitlichen Folgen zu erwähnen, weswegen die Krankenkassen aus dem letzten Loch pfeifen! Da lobe ich mir immer noch einen gesunden Müßiggang …

Hase: … welchen du dir erlauben kannst, weil andere darauf verzichten. Die Müßigen mögen uns in der Vergangenheit zu den schönen Dingen des Lebens geführt haben, aber ermöglicht werden sie durch die schuftende Masse! Sonst könntest du dir deine Hängematten und Wasserpfeifen selber herstellen, auf Kosten der Zeit für deinen geliebten Müßiggang!

Igel: Da hätte ich immerhin selbst was davon, wohingegen du dich Tag für Tag für deine nackte Lohnarbeit ausbeuten lässt.

Hase: Wodurch sich Leute wie du wiederum über Wohlstand und gesellschaftlichen Fortschritt freuen.

Igel: Pah! Dein hochgepriesener Leistungswahn mag vielleicht schnelleren Fortschritt ermöglichen, ebenso beschert er uns aber den sicheren Ruin: Zerstörung von Lebensraum, Umweltverschmutzung und Krieg – da muss ich nicht einmal das Wort „Klimawandel” in den Mund nehmen!

An dieser Stelle wurde es unserer leidgeprüften Wanze, die bereits eine beträchtliche Abneigung gegen dieses böse Unwort entwickelt hatte, eindeutig zu bunt. Schnellen Schrittes suchte sie das Weite, um sinnvolleren Konversationen lauschen zu können – und wenn die beiden Streithähne nicht gestorben sind, dann diskutieren sie ja ohnehin noch heute.

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