Als die Bilder sprechen lernten

Der erste erfolgreiche Tonfilm kam ohne viele Worte aus und hatte trotzdem einiges zu sagen – über den Spielfilm „The Jazz Singer“ (USA 1927) und welcher Film wirklich als Erster sprechen konnte.

Viel gesprochen wird im ersten Ton-Spielfilm nicht: Bis Hauptdarsteller Al Jolson in „The Jazz Singer“ erstmals spricht, ist die erste halbe Stunde des Films fast um. Aber auch mit wenigen Worten kann bekanntlich viel gesagt werden – und jene Worte von Al Jolson, der den Jazzsänger Jack Robin spielt, machen eine Nebenbemerkung zur eigentlichen Hauptaussage des Films: Eben hat Robin in einem kleinen Kaffee auf der Bühne stehend ein Lied geträllert, als er sich zu den applaudierenden Gästen wendet und zum ersten Mal im Film spricht: „You ain’t heard nothing yet.“ Das Kinopublikum hört mit.

Erstmals macht ein Filmbild Al Jolsons Stimme hörbar und damit einmontierte Textfelder, Livemusik-Orchester-Begleitungen oder einen neben der Leinwand postierten Filmerzähler entbehrlich. Zumindest theoretisch, denn anstatt Al Jolson und die übrigen Schauspieler losplaudern zu lassen, verlässt sich der Film lieber auf Gewohntes – und so kommt es, dass sich „The Jazz Singer“ in der ersten halben Stunde nur wenig vom Stummfilm unterscheidet: Textfelder, wild gestikulierende Schauspieler und ein Al Jolson, der so traurig und sehnsuchtsvoll in die Kamera schauen kann, dass sowieso jedes Wort überflüssig wird. Die Warner Brothers zeigen mit ihrer Produktion zwar, dass sie Filmbilder zum Sprechen bringen können, der Großteil der Dialoge bleibt aber dann trotzdem stumm.

Synchronsprechen für Anfänger

Dennoch wurde der Film als großer Erfolg gefeiert und die Produktionsfirma damit vor dem finanziellen Ruin gerettet. Vitaphone-Verfahren nennt sich das Zaubermittel, mit dessen Hilfe Bild und Ton synchronisiert werden konnten: Jolsons Gesänge wurden auf Schallplatte aufgenommen und synchron zum Film abgespielt. Die Methode barg jedoch einige Gefahren: Sprang die Nadel oder riss der Film, verschoben sich die Spuren und sicherten damit eines: Das Gelächter des Kinopublikums, wenn sich auf der Leinwand ihre Lippen bewegen und dazu seine Stimme ertönt.
Gröbere filmische Peinlichkeiten wie diese blieben „The Jazz Singer“ aber erspart. Erfolgreich war der Film jedoch nicht primär wegen des funktionierenden Tons:Die Geschichte traf den damaligen Zeitgeist und Al Jolson als bekannter Broadway-Star den Geschmack des Publikums. Heutzutage mutet der Film eintönig an, nicht zuletzt weil die Story vorhersehbar inszeniert ist, die Texttafeln längst verstaubt und die Gesten allzu theatralisch sind. Zudem wirkt ein mit Afrohaar-Perücke versehener, schwarz bemalter Al Jolson mit weißen Riesenlippen, dem mehr als einmal vor lauter Sentimentalität die Tränen runterkullern, etwas skurril. Von der „political correctness“ ganz abgesehen.

Geschichte des Films und Filmgeschichte

Al Jolson als Jack Robin weint, weil er zwischen zwei Welten hin- und hergerissen ist: Eigentlich heißt er ja Jackie Rabinowitz, stammt aus einem jüdischen Viertel in New York und ist in orthodoxem Hause groß geworden: Der Vater ist Kantor, die Mutter dem Gatten treu untergeben. Für das einzige Kind hat der Vater viel vor: Sein stimmliches Talent soll er in die Synagoge einbringen, ganz wie der Herr Papa und die drei Vätergenerationen vor ihm. Jackie jedoch will lieber unorthodoxen Jazzgesängen frönen und flieht von Zuhause, um seinen Traum vom Showbusiness zu verwirklichen. Bis ihm seine jüdische Vergangenheit und die familiären Wurzeln Gewissensbisse machen und die unausweichliche große Versöhnung naht. Geendet wird mit Ton: Zum Schluss darf sich das Kinopublikum nochmals satthören an Jolsons Singstimme.
Auch der älteste bekannte Tonfilm setzte auf Musik: William K.L. Dickson, Chef-Ingenieur von Thomas Edison, spielt darin Geige in ein Aufnahmehorn, welches so groß ist, dass sein ganzer Körper leicht darin verschwinden könnte. Das Horn führte zu einem Phongraphen, der die Geigenklänge aufzeichnete. Gefilmt wurde die Szene mit dem sogenannten „Kinetoskop“, vom Hauptdarsteller selbst 1891 entwickelt. Wirklich synchron konnten Bild und Ton aber mit dem Verfahren nicht abgespielt werden und da Edison selbst nicht daran glaubte, dass Tonfilme jemals Stummfilme verdrängen würden, gaben er und seine Mitarbeiter bald auf.
Erst der Erfolg von „The Jazz Singer“ löste in Hollywood einen regelrechten Tonfilm-Boom aus: Innerhalb von zwei Jahren war die Umstellung der Kinos und Filmstudios fast flächendeckend vollzogen, zumindest in den USA. Zu groß war bereits das Interesse des Kinopublikums, die Stimmen der Stummfilmstars hören zu können. Wie Charlie Chaplin wohl klingen mag? Oder Buster Keaton? So mancher Stummfilmstar scheiterte kläglich an einer allzu hohen, piepsigen, jedenfalls unhörbaren Stimme und musste die Karriere beenden. Charlie Chaplin weigerte sich lange standhaft, auch nur ein Wort im Film zu sprechen. Als er 1940 endlich sprach, parodierte er damit als Adenoid Hynkel, Diktator von Tomania, den „großen Diktator“ höchstpersönlich – im gleichnamigen Film. Der Stummfilm war endgültig tot.

Neuen Kommentar schreiben

Plain text

  • Keine HTML-Tags erlaubt.
  • Internet- und E-Mail-Adressen werden automatisch umgewandelt.
  • HTML - Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.
By submitting this form, you accept the Mollom privacy policy.