Ana hod imma des Bummerl ...

Das Schicksal literarischer Klassiker ist die Tatsache, dass sie zwar jedermanns Wertschätzung als Kulturgut an sich genießen, jedoch meist ungelesen verstauben. Und das ist verständlicherweise das Traurigste, was einem als Buch passieren kann.

Als uns seinerzeit in der Phase des pubertären Sturm und Drang Goethe, Schiller und Konsorten im intellektuellen Reclamformat entgegenstaksten, hinterließen sie einen eher eigenartigen Nachgeschmack. Irgendetwas zwischen Revolution und Wanderliedern, zwischen wogenden Ähren auf lichtdurchflutetem Felde und den unheilbaren Seelenqualen eines verschmähten Herzens, denen nicht selten Gewaltakte folgten.

Der Genius ist Klassikern per definitionem nicht abzuerkennen, das wollen auch die wenigsten, bloß lesen muss man sie nun auch nicht gerade.
Den russischen Klassikern eilt ein besonders eigentümlicher Ruf voraus. Die Werke von Puschkin, Tolstoi und Dostojewski sind meist sogar in der Taschenbuchausgabe furchteinflößende Schinken mit Seiten aus feinstem Seidenpapier, lassen langatmige, verstrickte Familienstammbäume erahnen, schwülstige Liebesszenen à la Doktor Schiwago, ein Gewirr aus schwierig zu lesenden und noch schwieriger zu merkenden Vor- und Vatersnamen. Moralstücke über Krieg und Frieden, Schuld und Sühne in kaltem, weitem Land.
Wer sich jedoch aufgrund solcher Ober­fläch­­lichkeiten die Bücher von F. M. Dostojewski (1821 -1881) bisher entgehen lassen hat, dem seien sie nun ans Herz gelegt, denn die Themen, die der analytische Dichter behandelt, besitzen in jeder Epoche Aktualität. Dostojewski geht es um den Menschen an sich. Meisterhaft die Psyche durchleuchtend, wird er, wie wenige nach ihm, der Abgründe, Leidenschaften und Schwächen habhaft. Der scheiternde Mensch ist Dostojewskis Protagonist. In dem 1867 erschienenen Werk „Der Spieler“, verfällt der junge Aleksej Iwanowitsch, ein Hauslehrer in den Diensten eines hochverschuldeten Generals, beim Wellnessaufenthalt in einem fiktiven deutschen Kurort mit dem sperrigem Namen „Roulettenburg“, dem, genau, Roulette. Um 1850, als beinahe in ganz Europa das Glücksspiel verboten war, waren rheinländische Städte wie Bad Homburg oder Baden-Baden Anziehungspunkt für den spielwütigen Adel. Dostojewski, ebenfalls leidenschaftlicher Spieler, begegnete auf einer Deutschlandreise wenige Jahre vor Veröffentlichung seines Romans selbst zum ersten Mal dem Rouletterad, das ihm prompt die Reisekasse leerte.
Die Beziehungen zwischen den Charakteren in dem kurzen und nicht ohne Sinn für Humor verfassten Roman sind anfänglich undurchsichtig. Das Familienoberhaupt, der in die zwielichtige französische Edelhure verliebte General, hofft, wie der Rest der Sippschaft, auf das Ableben der vermögenden Tante im fernen Moskau. Es treten auf: ein Franzose und ein Engländer in klassischen Rollen. Das Mädchen, Polina, die Stieftochter des Generals, berechnend und verliebt. Die Tante, die nicht sterben will, sondern nach Roulettenburg ­reist und ebenfalls Freude am Glückspiel findet. Aleksej entzieht sich trotz der Nähe zur Familie des Generals und seiner leidenschaftlichen Liebe zu Polina mehr und mehr den Seinigen und ihren umtriebigen Spielchen, sein Begehren ist ein stärkeres: „All dies musste ich enträtseln, in all dies klaren Einblick gewinnen, und zwar so schnell wie möglich. Aber vorläufig, im Augenblick hatte ich dazu keine Zeit: ich musste zum Roulette.“
Dostojewski beschreibt detailliert und kühl die Obsession des jungen Mannes, während dieser zu einem Fremden in seiner Welt wird, alles verliert, außer dem Glauben, das Verspielte wieder zurückgewinnen zu können. „Begreife ich denn nicht, dass ich ein verlorener Mensch bin? Aber doch … warum sollte ich nicht auferstehen können? Ja! Ich brauch nur ein einziges Mal in meinem Leben ein guter Rechner zu sein und Geduld zu haben; das ist alles!“
Mehr soll an dieser Stelle nicht vorgebracht werden, das haben in den letzten 150 Jahren unzählige andere in beliebiger Form und Ausführlichkeit bereits getan.
Wem die blümchenverzierten Frühlingsgefühle jetzt schon wieder auf den Keks gehen, der findet in Dostojewski den Kübel mit kaltem Wasser.
Auf der letzten Seite übrigens hilft ein Namensverzeichnis der werten Leserschaft, den Überblick zu bewahren. Die Ausrede also zählt nicht.

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