Asche zu Asche, Staub zu Staub

FriedhofÜber unseren Umgang mit Sterben und Tod

Allerheiligen, Allerseelen und der Totensonntag erinnern uns an unsere Verstorbenen und den Umgang, den wir mit ihnen pflegen. Welcher Rituale be­dienen wir uns aus welchem Grund? Eine Annäherung.

Novemberstimmung. Zähe Ne­bel­schwaden, eine feuchte Kühle, Heerscharen von Krähen. Zu dieser Zeit wird der christliche Mensch durch das Kirchenjahr angehalten den Friedhof aufzusuchen und sich mit seinen verstorbenen Angehörigen auseinanderzusetzen.

Man begibt sich zum Grab, deckt selbiges ab, verziert es mit Gestecken, entzündet ein ewiges Licht und betet für das Heil des Toten. Nebenbei wird man immer auch Beobachter anderer Grabstätten – der ländliche Zugang, wonach nur ein gepflegtes Grab von der Liebe der Hinterbliebenen spreche, ist ebenso weit verbreitet wie Neugier hinsichtlich der letzten Selbstverwirklichung durch Grabsteinwahl und Datenpreisgabe. Da gibt es heute mitunter seltsam erscheinende Informationen zu lesen: Titel und Beruf gehörten im 19. Jahrhundert dazu, oftmals auch berührende Aussagen hinsichtlich des entstandenen Verlusts und Beteuerungen der immerwährenden Liebe der Familienmitglieder. Im südlicheren Raum prangen oft auch verblassende Fotografien der Verstorbenen mit am Stein und füllen die Leere des Nichtmehr mit dem Augenblick des einstigen Jetzt. Überhaupt – die Visualisierung wird gerne genutzt: Die Tradition der Sterbebilder ist lang und hilft einen Verstorbenen als Lebendigen zu bewahren. Zwar ist oftmals nur ein amtliches Passfoto aus Formatgründen gewählt – doch auch darauf lächeln manche Menschen. Ein verliebtes venezianisches Paar in Schwarzweiß, das selbstvergessen sein Eis schleckt, ist mir zum dauerhaften „memento mori“ geworden. Der Tod als immerwährende Möglichkeit – und freilich auch: Gefahr.

Alternativen zum Armengrab

Gefahr läuft v.a. der verarmte Mensch, nämlich um sein würdiges Ende gebracht zu werden. Ist während der Krankheit, des Sterbens als letzter Akt des Lebens noch eine Gleichheit vor der Medizin(ischen Notwendigkeit) gewährt – so bescheidet der Staat dem Mittellosen ein Armengrab. Die Grabstätte wird klein und schlicht ausfallen, eine Feuerbestattung wird bevorzugt. Der dem Wiener nachgesagte Anspruch „eine schöne Leich“ zu feiern wird nicht immer möglich sein. Daher überlegen sich schon zu Lebzeiten viele Menschen, wie sie ihren Angehörigen Kosten sparen können – freilich gibt es in unserer Sicherheitsgesellschaft die Möglichkeit der Begräbnisversicherung. Aber auch andere Alternativen existieren: Man kann sich der Wissenschaft zur Verfügung stellen, so im Tod (nach vorheriger Organspende) noch weiters nützlich sein. Oder man veräußert sich an die Körperwelten – und wird zum Schaustück. Etliche deutsche Rentnergruppen fahren ins benachbarte Ausland und erkunden sich dort nach den billigeren Krematorienkosten. Bemerkenswert – und mutig. Und doch befremden Dokumentationen, die von einer solchen Entwicklung künden.

Selbstbestimmung der Bestattung

Im letzten Willen verfügt der bereits Gestorbene ein letztes Mal über sich. Ein Freiheitsrecht. Und wenn in diesem Akt dann das eigene Ende aus rein finanzieller Zweckmäßigkeit schon vor­bestimmt werden muss und nicht Ausdruck der Trauerhilfe oder gar der letzten Selbstverwirklichung sein darf, so ist das ein betrüblicher Schluss. Sachzwänge zu Lebzeiten, Sachzwänge im Tode. Wählt der Verfügende hingegen in geistiger und materieller Freiheit eine Bestattungsform fernab des Erdbestattungsstandards, so ist das wieder eine andere Sache. Zwar könnten solche Verfügungen für die Angehörigen gleichfalls schwierig sein – wo ist der dauerhafte Ort für Trauer bei Seebestattung, wie ist mit dem aus der Asche des Toten gewonnenen Diamantring umzugehen? Aber es wäre zumindest ein echter gewollter Wille. Den dann allein schon aus Respekt die Hinterbliebenen umsetzen werden … Oder sollte nicht lieber den Angehörigen der Modus des Abschieds freigestellt werden? Wer bleibt denn schließlich übrig?

Möglichkeiten des Abschiednehmens

Diese Fragen stellen sich in Zeiten, in denen das Ritual nicht mehr übermächtig ist. Blickt man in Philippe Aries „Geschichte des Todes“, so findet man klare Abläufe – von Aufbahrung angefangen hin zu Totenwache mit Wehklagen, einer großen kirchlichen Trauerfeier und dem Beerdigen. In anderen Kulturen gibt es noch immer zeremoniestarke Abschiedsrituale – der japanische Film „Nokan“ gab darüber trefflich Auskunft. Waschungen und Schmückungen, bis der Tote im schönsten Ausdruck den Angehörigen zur Verabschiedung präsentiert wird. Ganz anders erscheinen da das „Leichenschauhaus“, die „Aussegnungshalle“ in unseren Breiten – das Problem des Todes, aber auch des Sterbens in Institutionen. Verschämt werden die verschiedenen Heimbewohner, die nicht mehr am Leben gehaltenen Spitalspatienten „um die Ecke“, in ein anonymes und unwirtliches Zimmer gebracht, wo den Angehörigen nicht die Chance eines bewussten Abschieds von der Hülle des geliebten Menschen gegeben wird. Ausnahmen bilden wohl die numerisch erstarkenden Hospize, wo der schon zum Sterben Gekommene in seinem Einzelzimmer verbleiben darf, bis die Tränen der Angehörigen getrocknet sind. Der Übergang des da und doch nicht mehr- Seins wird hier spürbarer und verkraftbarer.

Lebensraum für den Tod

Tod wird leichter als Tatsache begreifbarer, wenn er Raum in unserem Leben einnehmen darf. Die östlichen Kulturräume pflegen einen anderen symbolträchtigen Umgang mit dieser Unabänderlichkeit. Jeder weiß vom Ganges, dem heiligen Fluss der Hindus, in dem sich Leben und Tod auf solch faszinierende Weise mischen: Neben Waschungen frommer Pilger wird dem Fluss Wasser zum Lebensvollzug entnommen, aber auch eine Vielzahl toter Körper überantwortet. Alles fließt – Sein, Werden und Vergehen im selbstverständlichen Nebeneinander. Und diese jenerorts nie absolut vollzogene Trennung zwischen Totem und Lebendem kann lehrreich sein.

Für eine neue Friedhofskultur

Denn in gewisser Weise sind unsere Friedhöfe abgesperrte Bereiche, Sonderzonen des (Nicht)Lebens, eine eigene Welt, in die wir selten genug eintreten, um eine „meditatio mortis“ anzustoßen. Und wenn – dann ist das endgültige „Vorbei“ sich aufdrängender Gedanke und dieser wird uns wohl eher beunruhigen. Ein Gewahrwerden der ewiglichen Koexistenz von Werden und Vergangensein ist auf solchen Steinfeldern schwer. Friedlicher sind da mutige Versuche (z.B. in Amsterdam gesehener) Parkanlagen-ähnlicher Friedhöfe mit Bänken und Waldteilen anstelle der Urnenhochhausgrabstätten, die das schlechte Leben in Platzangst zu perpetuieren scheinen. Auch die Friedwälder können mehr Frieden schaffen – hier sind dem Zyklus des Jahreskreises unterworfene Bäume Ruhestätten der Verstorbenen. Auf diese weisen nur mehr kleine Schilder in der Rinde des mächtigen, schirmenden Baumes hin. So wird dem Toten ein allmähliches Vergehen und Eingehen ins ewige Sein ermöglicht und vielleicht auch dem Hinterbliebenen eine leichtere dahingehende Meditation.

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