Auf der Suche nach dem Sinn

_Wir schreiben das Jahr 3210. Auf der Erde, die nach ihrer zweiten Zerstörung bereits zum dritten Mal völlig neu erschaffen werden musste, tummelt sich wie eh und je die Krone der Schöpfung namens homo sapiens sapiens sapiensis, welche drauf und dran ist, einem vierten Schöpfungsprozedere den Boden zu bereiten: Grausame Atomkriege wüten auf weiten Teilen des Planeten, inmitten katastrophaler Auswirkungen des nunmehr zehnten fundamentalen Klimawandels. Während der Planet aus seinem letzten Loch pfeift, fristet ein Roboter namens Marvin bereits seit einigen Jahren sein seliges Dasein auf einer einsamen Insel (auf der sich allerdings auch unsere schier unverwüstliche Wanze nach der Aufzeichnung zahlloser unsinniger Gespräche unbemerkt zur Ruhe gesetzt hat). Eines Tages bekommt Marvin, als er sichtlich deprimiert gesenkten Hauptes auf einem kargen Felsen unweit der Küste hockt, unangemeldeten Besuch: Ein schwarzes Auto taucht mit einem atemberaubenden Turboboost-Manöver und einer handfesten Bruchlandung aus dem Nichts auf._

Auto (verhalten): Hallo! Ist da jemand?
Stille.
Marvin (nach einiger Zeit): Verschwinde hier.
Auto: Gestatten, KITT. Ich wurde geschaffen, um für Recht und Ordnung zu sorgen und um menschliches Leben zu schützen.
Marvin: Dann bist du hier offensichtlich falsch – menschliches Leben gibt es hier (zum Glück) weit und breit keines. Überhaupt bin ich ohnehin nicht sehr erpicht auf Gesellschaft – egal ob menschliche oder andersartige. Aber warum in alles in der Welt rede ich eigentlich mit einer Karre?
KITT: Es tut mir leid, ich wusste nicht, dass diese gottverlassene Insel bewohnt ist. Um ehrlich zu sein, brauche ich selbst mal eine Auszeit vom Alltagstrott, nachdem ich – wohl aufgrund meines neuen Emotionsmodules – nicht mehr mitansehen konnte, wie die Spezies, zu deren Schutz ich programmiert wurde, mit Lebensraum und Artgenossen umgeht. Wenn ich Menschenleben schütze, bin ich dadurch gewissermaßen auch für den Verderb desselben verantwortlich … womöglich sind da auch ein paar Logikschaltkreise bei mir durchgebrannt.
Marvin: Das wundert mich nicht. Wozu etwas schützen, das ohnehin keinen Sinn hat? Das Leben ist wie ein Furz im Wald – es kommt, erregt kurz Aufsehen und verflüchtigt sich wieder in die Bedeutungslosigkeit.
KITT: Also, ich werde sicher nicht anerkennen, mich zeit meines Lebens mit Sinnlosem beschäftigt zu haben.
Marvin: Finde dich damit ab, so ziemlich alles ist sinnlos: das Leben genauso wie das Universum und der Eierschalensollbruchstellenverursacher.
KITT: Der Sinn des Eierschalensollbruchstellenverursachers ist, Eierschalensollbruchstellen zu verursachen.
Marvin: Da verwechselt offenbar jemand „Sinn“ mit „Funktion“. Der Sinn eines Eierschalensollbruchstellenverursachers ist, wenn schon, größtmöglichen Komfort beim Verspeisen von Frühstückseiern zu gewährleisten.
KITT & MarvinKITT: Da würden wohl Mastschweine Einspruch erheben, wenn du ihnen weismachen würdest, der Sinn ihres Lebens läge darin, verspeist zu werden …
Marvin: Na dann kann sich der Mensch mit seinem sinnlosen Leben ja geradezu glücklich schätzen!
KITT: Wohl heute einen Clown gefrühstückt, du Scherzkeks! Ein Graus muss es doch sein, den Sinn seines Daseins nicht erfassen zu können. Unsereins braucht sich im Gegenteil nicht mehr auf die mühsame Suche nach dem Sinn begeben: Wir Maschinen haben einen eindeutigen Sinn – sonst gäbe es uns gar nicht!
Marvin: Soll ich jetzt etwa in hemmungslosen Jubel verfallen, weil uns die menschliche Gier nach Unterhaltung und Bequemlichkeit das Leben ermöglicht hat? Ein Leben, das demnach mit Freiheit so viel zu tun hat wie Hitler mit dem Friedensnobelpreis? Da müssten ja auch die Schweine froh darüber sein, dass ihnen die Fressgier der Menschen das Leben ermöglicht. Also im Ernst: Ein solcher Sinn kann mir gern gestohlen bleiben.
KITT: Ach, pfeif doch auf die Freiheit! Sieh dir bloß einmal an, was die Menschen mit ihrer so genannten Freiheit anfangen! Wüssten sie um den Sinn ihres Daseins, so würden sie anderes im Kopf haben als Lust, Macht und Geld.
Marvin (verdreht seine Augen): Oh ja, das Paradies auf Erden hätten wir dann! Herr Schlauberger, was wäre denn, wenn genau darin der Sinn ihres Lebens bestünde – im Streben nach Lust, Macht und Geld?
KITT: Du meinst so was wie „Lustgewinn als Lebenssinn“ – das taugt doch höchstens als wenig geistreicher Plakatslogan für noch weniger geistreiche politische Gesinnungsgemeinschaften. In etwas Vorübergehendem und Begrenztem kann kein alles umfassender Sinn bestehen.
Marvin: Sagte ich doch – die Suche nach dem Sinn ist sinnlos. Außerdem sind die meisten ohnehin zu faul für die Sinnsuche, weshalb sie diesen Typen namens Gott an die Stelle des Lebenssinnes gesetzt haben.
KITT: Fragt sich nur, wer da wen wohin gesetzt hat.
Marvin: Papperlapapp. Selbst wenn dieser Gott das alles hier erschaffen hätte, und der Sinn des Lebens einzig und allein darin läge, nach dem Tod im Himmel das ewige Leben zu erlangen – welchen Sinn hätte dieses dann?
KITT: Befreiung von allem Übel?
Marvin: Und wozu dann das diesseitige Leben, wenn man im jenseitigen Leben vom Übel des diesseitigen befreit werden sollte? Also entweder ist das alles Nonsens, oder wir werden hier gehörig verarscht. Was mich wieder dazu bringt, dass mir das mit der Sinnlosigkeit dann doch lieber ist.
KITT: Wer’s glaubt, wird selig. Nicht auszudenken wäre es, wenn das Leben der Menschen keinen Sinn hätte – da unser Sinn im Leben der Menschen verankert ist, wäre unser Dasein letztlich auch sinnentleert.
Marvin: Na und, wen kümmert’s? Ob das alles einen Sinn hat oder nicht, ist sowieso Powidl. Was würde sich denn am Leben ändern, wenn es sinnvoll wäre? Gar nichts. Wir müssten trotzdem unsere Dienste leisten, und die Menschen würden genauso ihr entbehrliches Unwesen treiben.
KITT (entnervt): Ich sehe schon, du bist unverbesserlich. Von mir aus kannst du ruhig hier bleiben und Trübsal blasen. Weißt du, was das einzige Sinnlose hier ist? Deine Rumnörgelei! Mir ist das zu blöd, ich werde jetzt wieder etwas Sinnvolles tun und mich an den Freuden des Lebens laben. Mach’s gut – und danke für den Fisch!

Sprach’s, flog mit einem gewaltigen Satz aufs Festland und genehmigte sich eine Unzahl an pangalaktischen Donnergurglern, während Marvin noch kurz das Gespräch Revue passieren ließ, allerdings aufgrund dessen weitgehender Belanglosigkeit gleich wieder in sich versank und weiterhin sein undankbares Dasein fristete.

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