Auferstehen, klar. Aber wann und wie?

Sinnstiftung ist etwas feines. Aber man sollte doch ein bißchen achtgeben, wo man ihn hinstiftet, den Sinn.

Immer öfter wird uns purpurn vor Augen: beim Warten auf den Bus, beim Telefonieren, beim Falafel-Sandwich-vom-Naschmarkt-Essen. Auf der Purpurfläche steht in Blockschrift: “Zu Ostern ist Jesus Christus von den Toten auferstanden.”

Zu der Freudigkeit, die sich diese Botschaft selbst zuschreibt (in einem übersehbar kleinen Untertitel: “Ein Fest der Freude für die Menschen”), paßt nicht ganz der strenge, altmodische Schrifttypus, in dem sie prangt, weiß auf Kardinalspurpur. osterplakatTatsächlich zeichnen für diese Plakataktion Kardinal Christoph Schönborn und die Seinen verantwortlich, also: Kardinal-Spur pur.

Peinliche Belehrung

Schwerlich wurde in den letzten fünfzig Jahren ein törichterer Satz an Wiens Wände geschlagen. Nicht nur, daß er schlicht als Tatsache behauptet, was sich nur glauben läßt – und damit seinen Zweck subtil verfehlt. Er sollte Menschen, denen Ostern zum Fest der bunten Eier und Schokohäschen verkümmert ist, auf den ursprünglichen Hintergrund aufmerksam machen; und statt ihnen etwas zu erklären oder nahezubringen, bevormundet er sie nun. Platsch. Es ist eben so.
Bei allem Glaubensaufwand: es ist nicht so. Der Satz stimmt nicht einmal, wenn man die Auferstehung Jesu als geschichtliche Tatsache voraussetzt (und dazu gehört schon einiges, denn historischerseits gibt es kaum Grund zu der Annahme, daß Jesus je gelebt hat). Natürlich hieß Jesus bei Lebzeiten nicht (latinisiert, mit aus dem Hebräischen übersetztem griechischem Titel!) “Jesus Christus”, sondern vielleicht “Jeschu aus Nazareth, Sohn des Zimmermanns”; und der Tag, an dem er auferstand, war nicht Ostern. Wir wollen uns hier nicht auf Spekulationen um sein Todes- und Auferstehungsdatum einlassen – mit solchen könnte man Bände füllen. Aber Ostern war es nicht.
Die frühen Christen feierten einfach das jüdische Pessachfest und gedachten dabei ihres verstorbenen Meisters – wann Ostern und Pessach tatsächlich zu verschiedenen Festen wurden, läßt sich schwer sagen. Und auch als es soweit war, hieß der Tag noch lange nicht “Ostern” – das erste Mal, daß eine halbwegs wie “Ostern” klingende Benennung auftaucht, ist im 8. Jahrhundert bei Beda Venerabilis. Jesus hatte nicht die mindeste Chance, zu Ostern aufzuerstehen. Man müßte umgekehrt sagen: “Ostern ist der Tag, an dem christliche Kirchen die Auferstehung Jesu feiern” – unabhängig davon, ob und wann sie tatsächlich geschehen ist.

Leerer Schall (mit und ohne Rauch)

Man versuche das einmal mit einem anderen Feiertag, und es klingt sofort wie Schwachsinn: “Zu Dreikönig haben die drei Könige das Jesuskind besucht.” Oder man versuche es mit Festen anderer Religionen. Hat etwa die israelitische Kultusgemeinde unlängst Plakate aufgehängt: “Zu Purim wurde Haman aufgehängt – ein Fest der Fröhlichkeit für die Menschen”? Das gäbe glatt antisemitische Krawalle. Nicht auszudenken, wenn sich die Muslime vergleichbare Sprüche zu Aschura und zum Opferfest ausdächten. – Haben Sie das generalisierende “die Menschen” registriert? Dahinter steckt der übliche katholische Absolutheitsanspruch – zu Ostern haben sich alle über die Auferstehung zu freuen, auch die Buddhisten.
Die Richtigkeit der Aussage läßt sich retten, indem man “ist auferstanden” nicht auf eine punktuelle Handlung bezieht, sondern als Zustand auffaßt. Er, den wir im Nachhinein Jesus nennen, ist damals auferstanden, zu einem Datum, das wir im Nachhinein Ostern nennen – und seither “ist” er auferstanden, die Tatsache seines Auferstandenseins ist seither gegeben. Dann trifft der Satz aber auf jeden Tag zu, nicht nur auf Ostern: “Zu Weihnachten ist Jesus auferstanden; zu Ostern ist Jesus geboren.” Eben nicht der Sinn eines Gedenktages. Also ist der Satz auf dem Plakat entweder falsch oder trivial.

Wahrhaftig

Das heißt, vielleicht doch nicht. Man muß nur, wie in Glaubensdingen üblich, die Ratio ein wenig vor der Türe lassen (und gut anbinden, damit man sie nachher wiederfindet). Es gibt eine durchaus reale Möglichkeit, wie Jesus Christus gerade zu Ostern, zum Unterschied von allen anderen Tagen, auferstanden sein kann. Sie ist allerdings so unvernünftig, daß sie sich nur erzählen läßt, nicht nachvollziehbar beschreiben. Wenn man das Osterwochenende, sagen wir, in Athen verbringt, und in der Absteige, wo man übernachtet, bekommt man rotgefärbte Eier zum Frühstück; den ganzen Tag grüßen einen alle, wirklich alle, der Typ an der Rezeption, der Zeitungsverkäufer, der Kellner in der Imbißstube, die Souvenirhändlerin, mit der zweitausend Jahre alten Formel Χριστός ανέστη, und abends läuft im Fernsehen Franco Zeffirellis Machwerk “Jesus of Nazareth”, englisch mit griechischen Untertiteln – dann sieht man sich das tatsächlich mit einer gewissen Andacht an, und man hat all den Leuten den ganzen Tag wirklich mit Αληθώς ανέστη geantwortet, nicht nur weil es so im Sprachführer steht, selbst wenn man gar kein Christ ist. “Er ist wahrhaftig auferstanden”, genau an dem Tag, nicht gestern, auch zwei, drei Tage später nicht mehr – in einer ungreifbaren, romantischen Weise.
So ein Ausbruch von romantischen Gefühlen, ein Empfinden, daß Längstvergangenes oder selbst nur Erträumtes für mich geschehen ist, genau jetzt, ausgelöst durch dieses oder jenes einfache oder komplexe Zeichen – so eine mit Gefühlen belastete Assoziation ist nun aber nicht exklusives Eigentum eines Festes oder der Religion überhaupt. Sie ist menschlicher Alltag. Insbesondere Verliebte oder Trauernde (und man kann beides zugleich sein) begegnen auf Schritt und Tritt einem solchen Geschehen: in einem Pflasterstein, einem Brunnen, einer Forsythie, einer Kannenpflanze – manchmal vielleicht sogar in einem Plakat. Warum fördert aber der Kardinal nicht diese Sorte von Romantik? Es hat den Anschein, als wollte er die Emotionen in einen bestimmten Kanal umleiten.

Paarungszeit pur

Ostern ist nämlich ein Frühlingsfest, verdammt! Eier sind Fruchtbarkeitssymbole – und tatsächlich Medium der Fortpflanzung, solang man sie nicht hartkocht. Hasen stehen für ausgelebte Sexualität – man muß den Viechern nur mal zuschauen! Und weil Ostern praktischerweise kalendertechnisch mit dem Frühlingsvollmond gekoppelt wurde, fällt es alljährlich mit dem Platzen der Blatt- und Blütenknospen zusammen, mit dem Aufblühen von Blümchen und dem Sprießen des jungen Grases. Kuckucke singen, und so weiter. Wer soll sich das anschauen, ohne Gänsehaut zu kriegen? Ist es angesichts dessen nicht schnurzpiepegal, ob vor zweitausend Jahren einer auferstanden ist? Eben. Auferstehung hin oder her, Ostern ist allein der Paarungszeit wegen ein Fest der Freude für alle, einschließlich der Tiere und Pflanzen – das heißt, wenn sie dort daheim sind, wo jetzt gerade Frühling ist. Das ist nämlich auch nicht selbstverständlich – eurozentristisch ist das kirchliche Weltbild auch noch! Folglich: Frühling lieber doch ohne Purpur. Es sei denn purpurne Flüssigkeit im Glas – nicht etwa im Kelch. “Frage nicht, warum die Herren des Gartens volltrunken sind: der Windhauch im Schatten der Rebe ist eine Woge von Wein” – heißt es in einem Frühlingsgedicht, das der Urdu-Dichter Mirza Ghalib gegen 1830 verfaßte, und daher überlasse ich ihm ausnahmsweise das Schlußwort.

Postskriptum:

Ostern ist inzwischen vorbei, aber das Plakat hängt noch. osterplakat kommentiert Hier eine geschmackvoll kommentierte Fassung; ein unbekannter Künstler hat dem strengen Weiß auf Purpur mit Schwarz und Rot neues Leben verliehen. Sein Arbeitszeug: ein schwarzer Filzstift und ein Werbeaufkleber des Kommunistischen Studentenverbandes. Wir lächeln.

Kommentare

als nicht-katholik finde

als nicht-katholik finde ich diese......sagen wir mal "werbung" für ostern ...also diese aussage...naja informativ aber schon etwas befremdlich. der zugang der geistlichen ist so befremdlich, irgendwie merkwürdig. und ich fühle mich mies, wenn ich daran denke dass da jemand von den toten auferstanden ist "meinetwegen". das macht mich fertig. man fühlt sich so schäbig. soll man sich jetzt gut fühlen? ich kann dem ganzen -- egal welche religion betreffend -- nicht viel abgewinnen.
ich kann mir nicht vorstellen mit religionen anders umzugehen als mit gut geschriebenen romanen. das wird sich wohl nie etablieren.

gut geschrieben?

schön wärs. die wenigsten religionen sind gut geschrieben.
was mich an dem plakat belustigt (und oben noch nicht steht): es hat kein publikum. gläubige christen brauchen die information nicht, und bei anderen leuten bewirkt sie nichts.
die ganze "jesus died for your sins"-thematik haben sie ja zum glück aus dem spiel gelassen. bei der werden nämlich auch viele gute christen leicht böse.

also ich finde die bibel

also ich finde die bibel ist gar nicht so schlecht geschrieben. ich denke mir einfach ist eben lange her....die sprache ist eben etwas...naja und die charaktere könnten besser herausgearbeitet sein....
es klingt kindlich so zu denken aber ist meine einziger zugang.
interessant wäre auch zu dokumentieren welche beschmierungen bzw. spürche auf den plakaten stehen. ist ja gut geschützt durchs glas. irgendwie konnte ich bisher kaum welche feststellen. außer ein paar aufkleber, kaugummi aber nichts wesentliches bisher. also nicht auf meinen "routen".

die bibel ist hauptsächlich

geschickt kompiliert. und charaktere waren den leuten damals wurscht.
sinnigerweise hab ich auch noch keine beschmierten purpurplakate gesehen. einerseits haben die leute wohl keine stifte bei sich, mit denen sich auf glas gut schreiben läßt - andererseits schreckt vielleicht der kardinalspurpur doch ein bißchen ab.

Neuen Kommentar schreiben

Plain text

  • Keine HTML-Tags erlaubt.
  • Internet- und E-Mail-Adressen werden automatisch umgewandelt.
  • HTML - Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.
By submitting this form, you accept the Mollom privacy policy.