Bagger am Dach der Welt

Seit bald 50 Jahren ist Tibet nun von China, je nachdem, wessen Standpunkt eingenommen wird, besetzt oder befreit und unterläuft einen Modernisierungs- oder Zerstörungsprozess. Ein kurzer Überblick über die Argumente der verschiedenen Lager und über die ­Situation der Betroffenen.

Auf der Homepage der Central Tibet Administration, der tibetischen Exilregierung des Dalai Lama in Dharamsala, findet sich zu Beginn des Textes “Vision for a Future Free Tibet” folgende Aussage: Under Tibet’s Kings and the Dalai ­Lamas, we had a political system that was firmly rooted in our spiritual values. As a result, peace and happiness prevailed in Tibet.
Auf der anderen Seite betont die Chinesische Regierung stets, dass es sich um eine „fried­liche Befreiung“ gehandelt habe. Eine Befreiung ­Tibets, das unterdrückt war von einem feudal regierenden, barbarischen Adel und einer ausbeuterischen Klosterkultur, die das Volk unter dem Vorwand der Religion zu ihren eigenen – ziemlich weltlichen – Zwecken versklavt hat. Bei näherer Betrachtung stellt sich heraus, dass beiden Seiten zutiefst zu misstrauen ist.
Während ChinesInnen, die sich inzwischen in großer Zahl in Tibet angesiedelt haben, wohl wirklich das Gefühl bekommen, dass sie Tibet modernisieren und kultivieren, sehen Exil-­TibeterInnen – auf die im Land gebliebene einheimische Bevölkerung möchte ich weiter unten eingehen – ihre Jahrtausende alte, hohe Kultur bedroht durch eine unsensible, zerstörerische Besetzermacht.

Von China befreit?

Recht haben sie beide – jeweils auf ihre Weise. Es lässt sich nicht leugnen, dass Tibet zum Zeitpunkt des Anschlusses an China, gerade nach westlichen Kriterien, bodenlos rückständig war. Und diese Rückständigkeit versucht China mit aller Macht aufzuholen. Das auffälligste Projekt ist hier der Bau einer Eisenbahnlinie, die Lhasa mit Peking verbindet. Die Sinnhaftigkeit dieses Unternehmens wurde sowohl in wirtschaftlicher als auch in ökologischer Hinsicht angezweifelt. Jiang Zemin, das damalige Staatsoberhaupt der VR China, erklärte aber in einem Interview mit der New York Times am 10. August 2001, dass dieses Projekt nicht in erster Linie wirtschaft­licher Natur sei: “Some people advised me not to go ahead with this project because it is not commercially viable. I said this is a political decision, we will make this project succeed at all costs, even if there is a commercial loss”. Im Juli 2006 wurde die Strecke fertiggestellt – zwei Jahre vor dem ursprünglich angestrebten Datum!
Im Schatten dieses Prestigeprojekts wird zur Zeit ein ganzes Netz von Highways über Tibet ge­spannt, augenscheinlich die Vorbereitung für eine umfassende wirtschaftliche und touristische Erschließung eines Landes, das sowohl reich an Bodenschätzen als auch an natürlichen und kulturellen Attraktionen für Besucher ist. Von diesen Projekten, so die chinesische Argumentation, die allerdings auch in jedem westlichen Staat funktionieren würde, profitiert natürlich auch die tibetische Bevölkerung. Beweise? Ein laut chinesischen Statistiken ständig steigendes Bruttoinlandsprodukt, säkulare Schulbildung, die es vor der „Befreiung“ nicht gab, ein großes Angebot an aus anderen Provinzen importierten Nahrungsmitteln, Haushaltswaren und anderen Konsumgütern in den Marktstraßen und neu errichteten Kaufhäusern in Lhasa, neue mo­derne Wohnungen für TibeterInnen, die bisher in mittelalterlichen Wohnungen leben mussten, ohne Strom und Sanitäranlagen, und viele andere Vorteile der guten, modernen chinesischen Lebensart.

Von China besetzt?

All diese „Errungenschaften“ sehen aber ­China-kritische Personen und Gruppen als die negativen Folgen der chinesischen Besetzung. Was bringt ein geringfügig höheres Brutto­inlandsprodukt, ein höheres Einkommen, wenn gleichzeitig ­Preise und Mieten massiv steigen? Was hat ­Tibet ­davon, wenn es touristisch und wirtschaftlich ausge­beutet wird?
Die Klöster werden von chinesischen TouristInnen überschwemmt, die von staatlicher Seite verordneten Eintrittsgelder aber fast vollständig an die chinesische Adminis­tration abgeführt. Gewaltige Waldflächen in Osttibet werden und wurden bereits abgeholzt, während das Aufforstungs­programm nur langsam anläuft. Häufigere Überschwemmungen in Bangladesh und Ost­china sind angeblich eine Folge davon, da durch die Abholzung die Berghänge weniger Wasser halten können und Flüsse wie der Brahma­putra, der Yangze oder der Mekong im Monsun viel stärker anschwellen als früher. Die reichen Rohstoffvorkommen, die von chinesischen Forschungsteams entdeckt wurden, werden abgebaut und zur Weiterverarbeitung auf den neu errichteten Straßen und Eisenbahnstrecken in chinesische Metropolen abtransportiert. Alte, angeblich baufällige Stadtviertel werden abge­rissen und durch neue, oft „in tibetischem Stil“ gehaltene ersetzt. Brutal werden neue chinesische Protz- und Einkaufs­straßen in alte Städte geschnitten, die Übersichtlichkeit und damit die Kontrollmöglichkeit erhöht. Neue Häuser, in denen die Mieten wesentlich höher und die Bauqualität schlechter ist, werden gebaut. Häuser, in denen wegen zu hoher Mieten nicht mehr nur TibeterInnen wohnen, sondern reichere ChinesIn­nen, die die soziale Struktur aufbrechen und so indirekt die Chinesische Administration vor Aufständen und Verschwör­ungen schützen.
Impor­tierte Konsumgüter machen das Land ab­hängig von ihrem Besetzer, weil gleichzeitig die traditionelle, gut funktionierende Bewirtschaftung durch Kahlschlag, Cashcrops und Kunstdünger zerstört wird. Hungersnöte gab es in Tibet angeblich erst unter chinesicher Besetzung.

Der Wert der Kultur

Wie aber geht es der einheimischen Be­völkerung, die nicht im Exil lebt, mit diesen Umständen?
Allzu viel lässt sich im Gespräch nicht erfahren. Dazu ist die Angst vor Spionage und Ver­leumdung zu groß. Da oft auch Tibeter Partei­mitglieder sind, kann eigentlich in jeder Umgebung ein all­zu kritisches Wort gefährlich sein. Allein das ist eigentlich schon kein gutes Zeichen für das Wohlbefinden der Einheimischen. Andererseits läuft in tibetischen Häusern chinesisches Fernsehen, wird (wie seit Jahrhunderten) ­chinesischer Tee getrunken, sprechen tibetische Kinder Chinesisch miteinander, obwohl sie in der Schule auch Tibetisch lernen.
Natürlich ist deshalb einer der Hauptkritikpunkte, dass die chinesische Regierung die Kultur Tibets zerstört. Wem aber bedeutet diese Kultur etwas? Zweifellos westlichen China­kritikerInnen, die dazu neigen, den ­tibetischen Buddhismus zu einer jahrtausendealten Friedens­religion und das alte Tibet zu einem Paradies auf Erden, versteckt hinter den Gipfeln des ­Himalayas, hochzustilisieren. Wohl auch einer Mehrheit inner­halb der exil-tibetischen Gemeinde, von der große Teile dem Adel angehört hatten oder Mönche aus zerstörten Monasterien sind.
Ob diese exil-tibetischen Stimmen aber eine starke Mehrheit unter den Zurückgebliebenen vertreten, ist unsicher. Zweifellos sind große Teile des tibetischen Volkes nach wie vor tief religiös und verehren den Dalai Lama inbrüns­tig. Bei der Kulturrevolution jedoch, während der zwischen 1966 und 1976 in ganz China und eben auch in Tibet kulturelle Errungenschaften in unglaublichem Maß vernichtet wurden, waren durchaus auch viele junge TibeterInnen an der Zerstörung von Klöstern beteiligt. Leute, die dem alten Feudalsystem nichts abgewinnen konnten, die – wohl durchaus auch berauscht von maoistischen Ideologien – ein besseres System erhofften.

Ausblick

Ob ein solcher Systemwandel ohne den Einmarsch Chinas geschehen wäre, ist fraglich. Zwar beteuert der derzeitige Dalai Lama Absichten in diese Richtung, allerdings war er bei seiner Flucht aus Tibet nicht einmal zwanzig Jahre alt und die Macht im Staat lag damals wohl in anderen, eher konservativen Händen. Es sollte nicht vergessen werden, dass viele seiner Vorgänger bereits im jugendlichen Alter starben – oft durch Mord –, sodass die eigentlichen Regenten weiterhin ungestört ihre Macht ausüben konnten.
Nun ist der Wandel, der Anschluss an die Außen­welt, eindeutig vollzogen. Im Vergleich zu Nachbarländern wie Indien oder Nepal sind die Straßen besser, die Alphabetisierungsrate, Einkommen und das Preisniveau höher, die Kindersterblichkeit niedriger, die Schulbildung gesicherter. Gleichzeitig mit diesen Errungenschaften hat aber auch ein typisch chinesischer, übersteigerter Kapitalismus in Tibet Einzug gehalten. Alte Stadtviertel weichen modernen Hotels, Einkaufszentren und Bankgebäuden. In den neuen Prachtstraßen prangen die Werbeschilder internationaler Konzerne. Glücksspiel und Prostitution wuchern in den Städten. Auch in abgelegenen Klöstern wird jedeR Fremde als Tourist­In behandelt, bekommt eine Eintrittskarte, auf Hochglanzpapier.
Tibet wird modern, nicht ganz so, wie man sich das im Westen vorstellt, sondern nach chinesischem Geschmack.

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