Baustellen der Lyrik

„Dichtung muß von allen gemacht werden, nicht nur von einem.“ (Comte de Lautréamont)

„Der Lenz ist da, denn überall reißt man die Straßen auf“, sang 1985 Reinhard Mey in seinem Frühlingslied. Was er auf seiner ansehnlichen Liste von Jahreszeit-Merkmalen fehlen ließ (vielleicht als Betroffener?): Nicht nur Knospen und Asphaltschichten brechen im Frühjahr, auch die Gemüter der Amateurdichter – und Aber­dutzende Baggerschaufeln, nein, pardon, ­Federn (dergleichen Ergüsse geschehen selten am Computer) durchfurchen jungfräulichen Schreib­untergrund mit Straßen und Nebengäßchen.
Hier endet aber die Analogie bereits. Von ­allen Baustellen lieben wir bekanntlich die am meisten, die zumindest monate-, wenn nicht jahrelang Baustelle bleiben: Straßen, an denen veranschaulicht wird, daß sie mit einer oder ­einer halben von zwei Fahrspuren tadellos auskommen; Häuser, deren Stockwerkzahl ewig ungewiß bleibt; Rohrsysteme, die man ­lieber offen liegen läßt, um sich ihre sinnreichen Verzweigungen jederzeit neu in Erinnerung rufen zu können, und andere Prachtblüten des Städtebaus, wie sie jeder von uns vor dem Haus oder um die Ecke wuchern sieht. Jeder kann sie als Abenteuerspielplatz nutzen, den Arbeitern, wenn mal welche da sind, beim Arbeiten zu­sehen, ein Steinchen oder einen Zigarettenstummel in den Graben schnippen, er kann ein wenig Sand für sein Blumengärtchen mitnehmen, bei höheren Ansprüchen auch eine Rolle Kupferdraht oder eine neuwertige Mischmaschine. Regen wandelt die Geröllwüste zum Sumpf oder Steppensee im Wohnbezirk, Sturm verändert die Struktur der Baugerüste in höchst ästhetischer und lehr­reicher Weise, und so schafft die Natur ständig mit am offenen Kunstwerk.
Im Gegensatz dazu dichten die meisten Leute ex cathedra; ihr Gedicht entsteht in einem gänz­lich undemokratischen Prozeß unter Ausschluß der Öffentlichkeit, und dann stellen sie es vor die Welt zum Anstaunen hin wie den Eiffelturm oder den Moses des Michelangelo. Wer eine Zeile daran ändern wollte, würde als Vandale gebrandmarkt, wenn auch seine Änderung sich ausnähme wie ein vollendetes Graffito an einer urinfarbenen Bahnhofsmauer.
Muß das sein? Warum sollten selbstherrliche Verlagslektoren und Rechtschreib-Reformkommissionen die einzigen sein, die das Erscheinungsbild einer fertigen Dichtung verändern dürfen?

100 000 000 000 000 Sonette

Das dichterische Potential mathematischer Permutationen war schon den frühen Humanisten aufgegangen, nach ihnen den Barockdichtern, auch den deutschen: Philipp von Zesen, Johann Caspar Schade, allen voran Quirinus Kuhlmann im 41. seiner Himmlischen Libes-Küsse. Sie benutzten aber die „Proteus-Verse“ (benannt nach dem ewig die Gestalten wechselnden urgriechischen Meergott) nicht, um dem Leser die Chance zum Mitmachen zu geben, sondern nur, um die Inhalte ihrer Poeterei noch monumentaler hinzustellen – seien es nun Gedanken von philosophischer oder religiöser Tiefe oder nur das übermenschliche Ausmaß des eigenen Dichtertums. Zum Beispiel in dem Hexameter Rex, lex, lux, sal, sol, pax, fax, mons, fons, petra Christus („Fürst, Gesetz, Licht, Salz, Sonne, Friede, Leuchte, Berg, Quell, Fels ist Christus“) lassen sich zwar die ersten neun Worte 9!=362 880 mal umgruppieren, ohne das Versmaß zu beschädigen; der Sinn bleibt aber dabei auch haarscharf derselbe, und so hat der Leser von der Umstellerei nichts – es sei denn eine Meditation über die Unauslotbarkeit des Christusbegriffs.

Erst 1961 gab Raymond Queneau mit seinen Cent mille milliards de poèmes zum ersten Mal poetisches Material völlig in die Hand des Lesers. Wofür er mit seinem Namen geradestand, war nur ein schmales Bändchen mit zehn Sonetten (zu je 14 Versen, wie es sich gehört, und alle mit denselben Reimen: -ise, -eaux, -otte, -oques, -in); die aber waren mit großen Zeilenabständen auf starkes Papier gedruckt und dieses in Streifen von Versbreite geschnitten, so daß sich durch Blättern aus den 10 ersten, 10 zweiten ... 10 letzten Versen 99 999 999 999 990 weitere Kombinationen ergeben konnten.
Wenn man, so rechnet uns der Dichter vor, pro Minute ein neues Sonett erblättert und liest, 24 Stunden am Tag und 365 Tage im Jahr, so hat man gut 190 258 751 Jahre, während der man sich ununterbrochen im eigenen Klassikertum sonnen kann. Wer hat je solche Schaffenskraft an den Tag gelegt? Gut, man bedient sich dazu eines Bausatzes – aber nicht eines solchen, aus dem nur ein bestimmtes Flugzeugmodell entstehen kann, solange man nichts falsch macht, sondern eines klassischen Baukastens, wo jeder Stein auf jeden paßt: Heute wird es eine Ritterburg, morgen ein Bauernhof, übermorgen das Taj Mahal. Haben nicht die homerischen Epensänger mit ihren Formelversen genau dasselbe getan? Aber ihre Tradition ist versandet, Queneaus beginnt erst so richtig.

Volksdichtung, virtuell

Queneau starb 1976, vor Anbruch der Computer-Ära. Man kann ruhig voraussetzen, daß er das neue Spielzeug gerne benutzt hätte, um die Anzahl seiner Poeme in noch höhere Zehnerpotenzen explodieren zu lassen; vielleicht wäre er auch stolz gewesen, ein Büchlein verfaßt zu haben, kaum dicker als eine CD, aber mit einem Fassungsvermögen, das sich nicht in Megabytes, sondern nur in Tera-Sonetten angeben ließ. Die Verwalter seines Nachlasses, namentlich sein Sohn Jean-Marie Q., versuchen aber schon wieder, der Demokratisierung des Dichtertums via Internet einen Riegel vorzuschieben, und so sind Netzseiten wie ­http://x42.com/active/queneau.html, wo auf Mausklick ein Programm das Blättern erledigt und jedesmal ein neues Sonett zutage tritt (sogar mit Nachdichtung in Englisch und Schwedisch!), ständig durch Urheberrechts­klagen vom Aussterben bedroht. Andere, wie href="http://userpage.fu-berlin.de/~cantsin/permutations/queneau/poemes/poemes.cgi, „zitieren“ zum Selbstschutz nur ein paar ausgewählte Grund­sonette – auf der Berliner Seite sind es fünf, es ergeben sich also nur schlappe 100 000 Variationsmöglichkeiten. Das schadet aber nichts; zum vollen Genuß des Werkes empfiehlt es sich ohnehin, das zerschnipselte Buch zu kaufen und die Streifchen, möglichst auf Wanderschaft in der freien Natur, dem Frühlings- oder Herbstwind zu überantworten; kein Sterblicher dichtet besser.

Stützen der Welt

Die Hunderttausend Milliarden Gedichte (so heißt die deutsche Nachdichtung von Ludwig Harig) sind gewiß ein Baukasten für gehobene Ansprüche, aber eben doch nur ein Baukasten. Was wir suchen, ist aber eine wirkliche Bau­stelle der Poesie – das literarische Äquivalent nicht eines Fertigteilhauses, sondern etwa des Kölner Doms, der seit dem Baubeginn am 15. August 1248 bis 1880 ununterbrochen ganz offiziell als Baustelle galt, so daß der aus dem 16. Jahrhundert stammende Baukran nicht weniger zur Silhouette der Stadt Köln gehörte als die Türme. Nicht nur unzählbare Handwerker, sondern auch Dutzende namhafte Baumeister hinterließen ihre Spuren; Baupläne versanken im Sand der Jahrhunderte, wurden von Archäologen wieder hervorgescharrt und zu Zeiten umgesetzt, von denen ihre Zeichner nie geträumt hätten. Selbst heute ist und bleibt der Dom im Bau, denn die Bomben der Alliierten haben auf ihre Weise mitgebaut, und die Abgase des Kölner Straßenverkehrs, zusammen mit sonstigem Umweltschmutz, tun es noch. All das behindert aber weder die Meßfeiern der Gläubigen im Dom, noch scheint es die Ruhe der als Reliquien stets anwesenden Heiligen Drei Könige zu stören. Im Gegenteil, gerade die Unfertigkeit verleiht dem Bauwerk eine zusätzliche kosmologische Funktion, denn wie der Kölner Volksmund weiß, „wenn dä Dom ens fädich es, jeiht dr Welt unter“. Wo findet sich eine ähnlich amorphe Struktur in sprachlicher Form – fest, schwer entbehrlich, unübersehbar, aber doch sichtbar fluktuierend?

Rebell Leber

Blutvoll, lebenswichtig und angesichts der alt­hergebrachten Verschwisterung von Suff und Sangesfreude nicht einmal unerwartet, ist es gerade die Leber, die sich seit gut fünf­hundert Jahren den Erstarrungstendenzen der euro­päischen Poesie widersetzt. Die Leber ist das literarische Pendant des Kölner Doms – genauer gesagt, der Leberreim. Seine Grundfesten lassen sich bis ins 16. Jahrhundert zurückverfolgen; seine klassische Form zeichnete sich spätestens 1675 ab, in Georg Greflingers Complementir-Büchlein [...] mit angefügtem Trenchir-Büchlein und züchtigen Tisch- und Leberreimen: „Die ­Leber ist vom Hecht und nicht von einem Rochen: / Das Glück gibt manchem Fleisch, dem andern leere Knochen. / Doch werden beyde satt: und was noch ärger ist, / Ist, der es nicht ver­dient, daß der das beste frisst.“ So muß noch heute jeder, der – meist am Schanktisch – einen Leberreim wagt, zuerst feststellen, daß es sich um eine Hecht­leber handelt, dann ihre etwa vermutete sonstige Herkunft verneinen und auf die letztere einen Reim finden; ein Sinnzusammenhang ist nicht ausdrücklich verboten, aber auch nicht nötig. Allerdings bleiben die Leberreime meist (nicht wie die ansonsten vergleichbaren Lied­strophen über die Wirtin von der Lahn) züchtig: Und zu all diesen Regeln, auch wenn im World Wide Web eine Form des Nibelungenverses sich der Leber weitgehend bemächtigt hat, sollte man tunlichst (sei es nur zum Andenken Queneaus) das Versmaß des Alexandriners strikt einhalten.

Organische Metamorphose

Innerhalb dieses Korsetts herrscht aber voll­kommene Freiheit. Am nächsten liegt es zwar, die Zuordnung der Leber zu einem anderen Tier auszuschließen: „Die Leber ist vom Hecht und nicht vom Dintenfisch: / Ein Wassereimer wirkt besonders schöpferisch.“ (Karl Schimper, Gedichte, 1840) Jedoch, warum nicht auch Produkte der modernen vegetarischen Küche? Die Leber ist vom Hecht und nicht von Sojabohnen; / denn hast du Mist gebaut, dann mußt du auch drin wohnen. Oder ein politisches Statement, bei gleichzeitiger Absage an den Kannibalismus? Die ­Leber ist vom Hecht und nicht von Helmut Kohl; / und ist im Kopf ­nichts drin, dann ist er eben hohl. Und warum soll „von“ nicht ein Adelsprädikat sein? Die Leber ist vom Hecht und nicht von Thurn und ­Taxis; / was im Prinzip nicht geht, geht auch nicht in der Praxis. Das funktioniert sicher auch mit Anhalt-Zerbst/Herbst, Schaumburg-Lippe/Grippe, Hohenzollern/Kollern ... Dann gibt es auch organische Substanzen, die gewiß niemand zu seiner Nahrung braucht: Die Leber ist vom Hecht und nicht von Elfenbein; / wer Elephanten schießt, ist ohnedies ein Schwein. Und schließlich kann das „von“ auch schlicht auf lokale Herkunft deuten: Die Leber ist vom Hecht, nicht sonst von irgend­wo; / zwar geht es anders auch, ich mach’ es trotzdem so.

Damit haben wir den abstrakten Bereich betreten. Metaphorisch: Die Leber ist vom Hecht und nicht von Gottes Gnaden; / denn wer den Spott schon hat, braucht nicht auch noch den Schaden. Idiomatisch: Die Leber ist vom Hecht und nicht von vornherein: / ein grüner Aal ist grün und kann nicht purpurn sein. Adverbiell: Die Leber ist vom Hecht und nicht von ungefähr; / selbst die von heute stinkt, als ob’s schon morgen wär. Schließlich metaphysisch jenseits aller Vernunft, mit Ineinssetzung von Herkunft und Nichtherkunft (hallo, Buddhisten!): Die Leber ist vom Hecht und nicht vom Hecht in einem; / solch Meta-Hechtspruch ist besonders schwer zu reimen.
Wie Queneau am Ende seines achten Grundsonetts anmerkt, le métromane à force incarne le devin: Der Versmaß-Freak kann nicht anders, als die Rolle des Sehers zu verkörpern, und ­sieht daher auch, daß er spätestens hier aufhören muß. ... Barde, que tu me plais! toujours tu soliloques; / grignoter des bretzels distrait bien de colloques, / quand la cloche se tait et son terlintintin. („Barde, dein Selbstgespräch bringt mich stets von den Socken; / vom Brezelknabbern wird manches Gespräch recht trocken, / derweil die Turmuhr schweigt mit ihrem Klingeling.“)

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