Beim Illuminatenfleischhauer

Hätte ich gewusst, dass meine Greißlerin Mary mit den verschwörerischen Illuminati im Bunde steht – ich wäre sicherlich im Stande gewesen, meine Lust zu zügeln. Meine unheimliche Lust auf Schokolade, nicht auf Mary, die mich jeden Tag genau einmal überkommt, die Lust, nicht Mary. Eigentlich ist Mary gar nicht meine Greißlerin, ja nicht einmal dass sie Mary heißt, kann ich zweifelsfrei sagen. Zweifelsohne aber gehört Mary zum Namen eines verlassenen Geschäfts, das mit „Delikatessen“, „Imbiss“ und „Stube“ in gotischen Lettern beschriftet ist.

Wir erinnern uns: In Marys Delikatessen-Imbiss-Stube bekam Deine (und meine) Nase erst einmal eine Ohrfeige aus nassem Hund, bevor sie von alter Wurst in den Schwitzkasten genommen und schließlich mit kaltem Rauch betäubt wurde. Nur widerwillig bemühte sich die damenbärtige Mary in ihrem Fleischhauerkittel zur Käse-Wurst-Theke, um mir eines ihrer Salmonellen-Eier in ein Papiertüterl zu wickeln oder ein paar Radeln zigarettengeräucherten Schinken abzuschneiden. Viel lieber brütete sie im grauen Wurstnebel des Greißler-Stüberls nebenan, einer bierigen Tschicksauna für gammelnde Gemeindebaugäste. Störte man sie dabei, konnte sie fast so sauer wie ihre Milch werden. Was will der elende Wurm hier schon wieder!? Ihr nuschelndes Organ vermittelte mir jedes Mal, lieber schweigen, als auch nur das kürzeste Verkaufsgespräch führen zu wollen.
Ein ganz und gar typischer Gemischtwarenhändler also – zumindest, wenn man nur eben mal die Morgenzeitung holen kam. Hinter der morbiden Kulisse jedoch bot sich ein viel düstereres Bild. Offensichtlich wollte mich Mary mit ranziger Schokolade (Stichwort unheimliche Lust) und verschimmeltem Toastbrot zum Schweigen bringen. Wahrscheinlich hatte ich schon zu viel gewusst oder gekauft. Aber nicht nur ich. Der freundliche Herr Herbert, der sich stets in Marys Laden herumtrieb, anscheinend auch: Eines Tages erschien er mit unzähligen blauen Flecken im Gesicht, die ihn noch wochenlang entstellten. Vielleicht ein letzter Wink aus der Loge, bevor die Pächterin das Geschäft räumen musste? Von einem Tag auf den anderen, ohne Abschiedsgruß wohlgemerkt.
Geblieben ist ein leeres Lokal, Mahnmal dunkler Machenschaften, mit Marys Insignien über der Eingangstür. Es bleibt wohl nur eine Frage der Zeit, bis dieses trostlose Geschäft von Abrissbirne und Bagger beseitigt wird.

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