Über den Zeitraub „of a lifetime“

Das Filmfestival als temporales Paradoxon. Ein Erlebnisbericht.

Zeit ist Geld, heißt es. Und wirklich ergeben sich bei genauerer Betrachtung erstaunliche Parallelen: sowohl in der temporalen wie der finanziellen Erschließung der Welt ist von Raub und Investitionen, von Verlusten und Gewinnen die Rede und der Erfahrung nach rieselt beides gern durch die Finger. Mithin ganz ungeachtet der Tatsache, dass es noch keine Zeitlotterie gibt und die Umstellung von Sommer- auf Winterzeit nicht mit der Anpassung der Leitindizes zu vergleichen ist, besteht doch Konsens bezüglich der Äquivalenz dieser beiden Größen, die unser modernes Leben vermessen. Darum scheint es angebracht, den Zeitmangel zu bezahlen und zwar nicht bitter büßend, sondern – besser – süß genießend sein Geld zu investieren, um dann keine Zeit zu haben,– mit anderen Worten also – in den ausgelassenen Besuch eines Filmfestivals, wie zum Beispiel die vor kurzem zum neunundvierzigsten Male über die Leinwände gelaufene Viennale in der hiesigen Hauptstadt der Mannerschnitten.

Same same procedures

455 Filme, die – abgesehen von den Retrospektiven im Filmmuseum, die schon Anfang Oktober beginnen – innerhalb von dreizehn Tagen projiziert werden. Da braucht es schon mal etwas Zeit, um das Programm zu konsultieren, um auszuwählen, abzuwägen, Überschneidungen zu eliminieren und sich mit Gleichgesinnten zu synchronisieren. Alljährlich dann am Tag des Vorverkaufsstarts sich einreihen in die unerbittlichen Schlangen, die wirklichen oder virtuellen, die Schleifen des Wartens, denn wer zuerst kommt, darf zuerst zahlen und mit der Beute, den Tickets, der beglaubigten Reservierung von Filmzeit auf Papier, nach Hause gehen, die Trophäe wie einen Schatz hütend und sich ein wohlverdientes Heiß- und/oder Alkoholgetränk gönnend in die Vorfreude stürzen, die die verbleibende Woche des Wartens in die Länge ziehen wird gleich einem süßen Kaugummi. Wir nennen es praefestivales Syndrom (zumindest ab jetzt). Und wie bei jeder anständigen Besessenheit darf und muss auch das Umfeld daran Teil haben und so drängt sich das Filmfestival, aufmerksamkeitsbedürftig wie es eben ist, bereits im Vorfeld in den Kern jeder Konversation und nimmt die Gesprächszeit in Beschlag. Denn nicht nur muss vehement vermittelt werden, wie gespannt man ist, auf diesen oder jenen Film, sondern vor allem müssen jene außenstehenden Menschen, die sich von der Sogwirkung des Festivals unbeeindruckt zeigen, vorgewarnt werden, dass man in den nächsten zwei Wochen keine Zeit haben wird. Was natürlich nur die halbe Wahrheit ist: denn man wird Zeit haben, unendlich viel Zeit, aber es wird Zeit sein, die der Magie zwischen Leinwand und Blick geopfert wird, und nicht der Banalität anderweitig sozialer Interaktionen.
Und dann: endlich!

Happy go Lücke

Und dann: erwachend wie aus einem Rausch und im Angesicht einer gähnenden Leere aller Tage (der Tag nach Allerseelen): vorbei, vorbei! Die Erkenntnis steigt ins Bewusstsein wie sonst nur die Mischung von Schwindel und Kopfschmerz eines verruchten Katers. Wie so immer im Leben bleibt nur die Erinnerung und die nur in Fetzen und im Leben wie im Filmfestival gibt es Blackouts und sie sind der Ort und die Zeit, wo das geschieht, an das man sich erinnern sollte und – zumindest im Fall des Filmfestivals – auch will. Doch die Mnemotechnik wird sabotiert, die Gedankengänge in die Vergangenheit liegen verborgen im Dunkeln des Kinosaals, der Blick ist verstrahlt vom Licht der Projektion, verloren und aufgelöst in einem verworrenen Labyrinth, wie paralysiert von einem sogartigen Trubel, der unerbittlich und unausweichlich in seinen süßen, schönen Bilderbann zieht. Denn es ist kein Festival-„Besuch“, vielmehr eine Heimsuchung, eine Tour de Force an Rezeption, alles ist Aufnahme und Reizüberflutung. Man existiert rund ums Kino, am Weg von Metro zu Künstlerhaus zu Stadtkino zu Urania und zurück ins Gartenbau, dazwischen kurze Opferungsrituale an Santa Coffeina, Coffee-to-go oder Schwarztee in Thermoskannen, flüchtige Bekanntschaften, vielleicht ein Happen Festnahrung, je nach Zeitbudget. Am Ende des Tages auf Umwegen (in bierum imus nocte) nach Hause, in den Heimathafen eines Nickerchens, die Nächte sind kurz, weil es im Kino dunkel ist (sic!).

Loose an hour, gain an hour

Jeden Tag aufs Neue spendet man seine Stunden dem immer neuen Auffangen immer anderer Eindrücke, die sich verwischen, zu flimmern beginnen, in einer Art Ultrachronos so vieler verschiedener Einstellungen und Ansichten der Welt. Innerhalb von einer oder zwei Stunden macht man Reisen in Ausschnitte fiktiver oder realer Lebensgeschichten, die diegetisch Wochen oder Monate, Jahre umspannen, die man miterlebt aus zweiter Hand, geschnitten um die eigentliche Lebenszeit, die im fertigen Produkt verwirkt ist wie ein einzelner Faden eines Gewebes: Sie ist die Stofflichkeit, aus der die Träume sind gleich der Materie des Musters im fliegenden Teppich. In Wirklichkeit gibt es kein „war“, im Kino war nur Präsens, oder ein Infinitiv aus von der Zeit losgelöstem Sein. Man unternimmt Reisen in Zeiten, von denen nur mehr die Bilder zeugen, blickt ins Angesicht von Menschen, die bereits gestorben sind. Fast lässt sich der Druck der Zeitkompresse zusammengeschnittenen Films erspüren. Dazu mischt sich noch die Zeit des Produktionsprozesses, den so ein Film braucht: vom ersten Auftauchen einer Idee bis zu den Feinheiten des letzten Schliffs kann dies oft Jahre oder auch Jahrzehnte beanspruchen. All das: dieses All, dieser wunderbare Wirbel des Wahnsinns, der wahnsinnige Wirbel der Wunder, der rundherum tobt, lässt keine Alternative als zum staunenden Auge des Sturms zu werden, betäubt von einer panoptischen Allmachtsfantasie, begeistert von der Bewegung der Bilder wie beim allerersten Anblick eines Zoetrops.

Dabei werden die eigenen Gedanken selbst zur Projektionsfläche, die intellektuellen Zahnrädchen rotieren im Stechtakt, produzieren Reflexionen, assoziieren sich selbst in einen paranormalen Geisteszustand, dem Paradoxon, keine Zeit und buchstäblich alle Zeit der Welt zu haben. Unwichtig hier anzuführen, welcher Film wann und wo gelaufen ist. Nebensächlich auch alles andere zu sehr faktisch am Alltag Verhaftete. Kino ist toll! Viennale ist Kino, so wie Zeit Geld ist. Gern auch wieder nächstes Jahr.

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