Über die Spaziergangswissenschaft

SchneckeWarum Landschaftsbetrachtung gelernt werden muss und ob das auch fürs Spazierengehen gilt.

Ein Grüppchen von StudentInnen promeniert durch den Votiv­park. Ganz vorne spaziert Professor oder Professorin, belehrt über richtiges Schuhwerk, optimalen Proviant und ob man sie nun nehmen darf oder nicht, die Nordic-Walkingstecken. Mag sein, dass es einen USI1-Kurs gibt, der sich so, oder so ähnlich, abspielt, mit Spazier­gangs­wissen­schaft hat die beschriebene Szene wenig zu tun. Denn Spaziergangswissenschaft ist kein Sonn­tags­spazier­gang. Das ungewöhnliche Fach hat auch nicht zum Ziel, richtiges Spazierengehen zu lernen.

Viel mehr geht es, durchaus wörtlich, um ein konzentriertes und bewusstes Wahrnehmen der Umwelt, ob Landschaft oder Stadtraum, und um Mobilität und deren Auswirkungen auf das Planen und Bauen. Das Gehen wird dabei zum wissenschaftlichen Instrument der „Promenadologie“ (engl.: „Strollology“).

„Landschaft ist unsichtbar“
„Nicht in der Natur der Dinge, sondern in unserem Kopf ist die „Landschaft“ zu suchen“, schreibt Lucius Burckhardt in seinem Buch „Warum ist Landschaft schön?“. Der Schweizer Stadtplaner und Soziologe hat gemeinsam mit seiner Frau Annemarie die Spaziergangswissenschaft in den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts gegründet. „Landschaft wahrzunehmen, muss gelernt sein“, so Burckhardt. Wie eine schöne oder regional typische Landschaft auszusehen hat, werde als gesellschaftliches Wissen weitergegeben und sei nicht per se in die Landschaft eingeschrieben. Der Medienforscher Marshall McLuhan bringt das mit dem Zitat „Environments are invisible“ auf den Punkt. In den Worten des Spaziergangswissenschafters Lucius Burckhardt: „Die Landschaft ist so unsichtbar, wie die Sprache unhörbar ist; sichtbar und hörbar sind nur Farben und Laute, aber die Erscheinungen, die sie in den Sinnen der Empfänger hervorrufen, müssen erst erforscht werden. Ist es ein Zufall, dass der erste Schilderer der Landschaft blind war – Homer?“
2003 starb Lucius Burckhardt – und damit auch die Spaziergangswissenschaft, zumindest die Möglichkeit, Promenadologie als Nebenfach an der Uni Kassel studieren zu können. Martin Schmitz, ehemaliger Schüler von Lucius Burckhardt, führt die Forschungsspaziergänge heute im Sinne Burckhardts, weiter, wenn auch in gekürzter Form: seit 2006 vergibt der Fachbereich „Architektur, Stadtplanung, Landschaftsplanung“ der Uni Kassel einen zweistündigen Lehrauftrag. Auch an der Uni Leipzig können einzelne Lehrveranstaltungen zur Spaziergangswissenschaft, geleitet von Betram Weisshaar, besucht werden.

Forschungsfragen nachgehen

Für die Spaziergangswissenschaft ist der Blick auf die Umwelt methodische Grundlage. Dazu gehört der Spaziergang selbst: gemeinsam mit seinen StudentInnen ist Lucius Burckhardt in zahlreichen Forschungsspaziergängen Fragen nachgegangen, wie: Was ist Landschaft, was ist Stadtbild? Welche Landschaft wird weshalb als schön definiert? Als intakt oder schützenswert?
Zwischen dem oder der SpaziergängerIn und dem Betrachtungsfeld stellt sich ein System, das die Betrachtung steuert. Bei der Großglockner-Landschaft gehört die Höhenstraße ebenso dazu, wie zutrauliche, überfettete Murmeltiere und die schmelzende Gletscherzunge. „All dies lag schon im Kopfe bereit, bevor der Spaziergang überhaupt begonnen wurde“, so Lucius Burckhardt. Der Genuss des Spaziergangs liege in einem mehr oder weniger starken Wiedererkennen dieser Elemente, gestützt durch ein Herausfiltern des Störenden, etwa der weggeworfenen Cola-Dose am Wegrand. Bei zu großen Störungen „tritt ein anderer Mechanismus ein“, erklärt Burckhardt: „Die Landschaft erscheint als „verschandelt“, die Umwelt als geschädigt.“ Jene Vor-Formulierungen, die die Wahrnehmung von Landschaft leiten, sind zentrales Untersuchungsobjekt der Spaziergangswissenschaft.
Ziel der Promenadologie ist es, Landschaft als Konstrukt zu entschlüsseln, gängige Sichtweisen zu entlarven und damit andere Betrachtungsweisen von Landschaft zu ermöglichen.

Zebrastreifen oder das falsche Geschenk an die FußgängerInnen

Die Landschaftswahrnehmung ändert sich je nach Verkehrsmittel, das benutzt wird. Eisenbahn, Auto und Billigflieger haben eine Beschleunigung mit sich gebracht, auch was unseren Blick auf die Welt betrifft: schneller unterwegs zu sein bedeutet einen Verlust an den Details der Umwelt. Der Blick wird verengt. „Heute haben wir Autospaziergänge“, so Lucius Burckhardt, die Spaziergänge zu Fuß seien im Rückgang. Der Blick durch die Windschutzscheibe bringt spürbare Veränderungen mit sich: Der Stadtraum wird den FußgängerInnen durch den zunehmenden Autoverkehr nach und nach enteignet. Der Spaziergangswissenschafter Burckhardt spricht von einer „scheibchenweisen Wegnahme“: „Die städtische Umwelt hat sich langsam, aber kontinuierlich verschlechtert. Mit jeder Maßnahme wird dem Stadtbewohner etwas weggenommen. Diese Wegnahme erfolgt aber immer im Jubelton des Geschenkes, nämlich der Schaffung größerer Sicherheit.“ Der Zebrastreifen führt die FußgängerInnen zwar (oft vermeintlich) sicher über die Straße, schränkt aber gleichzeitig die Bewegungsfreiheit ein: die Straße darf nicht mehr frei überquert werden, sondern nur an einer bestimmten Stelle. Stellt sich der Zebrastreifen als nicht sicher genug heraus, kommt eine Ampelanlage hin – und damit heißt es für das Fußvolk warten. Endlich an der Station angekommen, ist U-Bahn, Straßenbahn oder Zug längst abgefahren.

Über Fahrzeuge, Gehzeuge und Stehzeuge

„Der öffentliche Raum gehört dem Auto“, so Hermann Knoflacher, emeritierter Professor am Institut für Verkehrsplanung und -technik der TU Wien. Er hat 1980 das „Gehzeug“ entwickelt – ein Holzrahmen, den sich eine Person umhängen kann und der größenmäßig der Fläche eines Autos entspricht. Hermann Knoflacher spazierte mit umgehängtem Gehzeug durch Wiens Straßen, um darauf aufmerksam zu machen, wie viel Platz Autos im Stadtraum beanspruchen.
Auch der Spaziergangswissenschafter Lucius Burckhardt hat ähnliche Aktionen organisiert: so stellte er am Straßenrand, wo üblicherweise Pkw’s parken, einige Schreibtische auf und diskutierte gemeinsam mit seinen StudentInnen ebendort über den Verlust von Stadtraum: „Über parkende Schreibtische regten sich die Leute auf, über parkende Autos, die gleich daneben standen, zeterte niemand. Das ist Schulung der Wahrnehmung unbeachteter gesellschaftlicher Zusammenhänge.“ Die Definition von Parkplatz seitens der Spaziergangswissenschaft lässt Spielraum für die Nutzung des Parkplatzes als öffentlichen Raum zu: „Ein Parkplatz ist eine Einrichtung, bei welcher man auf einer kleinen Fläche des öffentlichen Raumes gegen Erstattung einer Gebühr ein persönliches Ding für eine begrenzte Dauer abstellen darf. Sehr verbreitet ist das Abstellen von Fahr- bzw. Steh-Zeugen.“ Wenn Sie das nächste Mal neben Ihrem parkenden Auto einen Kasten stehen sehen, dann wissen Sie, wie ich das Platzproblem in meiner Wohnung gelöst habe.

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1 USI: Am „Universitätssportinstitut Wien“ können sich StudentInnen und AkademikerInnen u.a. in „Armbrustschießen“ üben, in die „Circusschule“ gehen, sich beim klassischen „Konditionstraining“ verausgaben oder sich zum „Nordicwalkinglehrer“ ausbilden lassen.

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