Bewegung oder Stillstand

kain und abelWohin der Fortschritt führt, warum er nicht aufzuhalten ist und der Stillstand doch unvermeidlich und verheerend. Ein unzulängliches und entbehrliches Lamento, dessen Essenz die Er­kennt­nis ist, dass man am Fort­schritt lieber teilhaben sollte, als darüber nach­zudenken.

Alles um uns ist in Bewegung. Beinahe täglich hören wir von neuen Ent­wick­lungen, Produkten und Tech­no­lo­gien. Schon in unserer eigenen Ge­schich­te spielen Revolutionen der Technik eine bedeutende Rolle und kaum jemand kann, oder will sich dem entziehen. Warum auch? Unsere Lebens­umstände haben sich durch Tech­no­logien verändert und wer sich nicht blind zum so­ge­nannten Konsumwahn verführen lässt, hat die Möglichkeit, durch die Auswahl des Grades der Partizipation sein Leben objektiv zu erleichtern.

Freilich, man muss sich auch anpassen, auf dem Laufenden bleiben, doch wer noch etwas erreichen möchte, wird ohnehin keine Freude am Stillstand seiner Umgebung haben.

Utopie und Dekadenz

Doch wohin geht die Reise? In unserer Kultur ist Fortschritt grundsätzlich positiv besetzt. Der Begriff bezieht sich zwar in erster Linie auf Technologie, wird jedoch ebenso auf die gesellschaftliche Entwicklung angewandt. Doch während ein technologischer Fortschritt klar definiert werden kann, indem seine Auswirkungen am gesunkenen körperlichen Arbeitsaufwand, an gesteigerter Mobilität und neuen Kommunikationsmöglichkeiten festgemacht werden können, ohne ein konkretes Ziel der Entwicklung angeben zu müssen, stellt sich bei der gesellschaftlichen Entwicklung die Frage nach der Ausrichtung des Fortschrittes als diffiziler dar. Im Europäischen Kulturraum haben Aufklärung und Französische Revolution uns mit einem Bündel an Schlagworten ausgestattet, das gemeinhin als Indiz für gesellschaftliche Entwicklung herhalten muss. Nicht erst seit Marx ist der Begriff der Utopie geläufig, als eine Entwicklung, die im hegelschen Sinne die gesellschaftlichen Thesen und Antithesen am Ende überwindet. Doch das gilt nicht generell.
In der antiken Kultur und ähnlich in biblischer Tradition herrscht die Vorstellung eines Goldenen Zeitalters vor, das durch das Fortschreiten der Dekadenz eine abwärtsgerichtete Entwicklung hin zu Epochen, welche durch minderwertige Metalle gekennzeichnet sind, durchläuft. Ein Zeitalter, das durch Überfluss, Frieden zwischen den Menschen und Tieren und allgemeine Zufriedenheit, oft auch durch die Nichtexistenz des Todes gekennzeichnet ist, findet sich in vielen Kulturräumen als ursprünglicher Zustand der Welt. Im biblischen Mythos vom Baum der Erkenntnis lässt sich gerade das Streben nach Wissen und damit nach Fortschritt als Ursprung des Verfalles deuten. Im Marxismus findet sich die Theorie einer Ur-klassenlosen Gesellschaft wieder, die paradiesische Züge trägt und die durch die Produktion von Mehrwert, bedingt durch Fortschritt zum Kapitalismus führt. Ganz im Sinne von Kain und Abel, wo als Ursache des ersten Mordfalles ein durch die Mehrproduktion des einen verursachter Neid geltend gemacht wird.
Ob nun verloren, oder noch nie dagewesen, dieses Goldene Zeitalter soll in jedem Fall wieder fröhliche Einkehr halten, als Inhalt der Utopie und somit als Endziel der gesellschaftlichen Entwicklung. Ein Zeitalter also, in dem jeder seines Bruders und seiner Schwester Hüter sein soll, ohne sie oder ihn dabei jedoch einzuengen. Ein durch das Streben nach Fortschritt verlorenes Gut soll also durch dasselbe Streben wieder gewonnen werden? Die Dialektik soll’s richten, denn am Ende werden die Institutionen von Staat und Wirtschaft durch die technologischen Möglichkeiten überflüssig, da es möglich sein wird, mit geringem Aufwand mehr als genug für alle zu produzieren, sodass niemand Hunger leiden muss und jeder darüber hinaus sich in ausreichendem Maß um seine persönliche Entfaltung kümmern kann.

Pessimismus
Doch nicht alle wollen oder können sich dieser grundsätzlich positiven Tendenz der geschichtlichen Entwicklung anschließen. In den meisten Religionen wird der Verlust des Paradieses als für den Menschen unwiederbringlich eingestuft und dieser Verlust kann nur durch die Einwirkung einer höheren Macht am Ende der Welt, oder nach dem Tod wieder beseitigt werden. Auch ein eher säkular geprägter Pessimismus erfreut sich guter Resonanz. Die negativen Auswirkungen der technologischen wie der gesellschaftlichen Entwicklung werden gebrandmarkt, verdammt oder zelebriert. Die Umwelt geht den Bach runter, die Wirtschaft sowieso, der Niedergang des sozialen Zusammenhalts und des Hütens der Geschwister erlebt laut den Propheten des Untergangs beinahe täglich seinen Höhepunkt. Wissenschaftler beweisen uns ganz im Sinne der antiken Gallier, dass uns der Himmel in naher Zukunft auf den Kopf fallen wird, und schon seit Generationen befindet sich jede Generation genau auf jenem Wendepunkt, an dem der scheinbare Fortschritt nun endgültig zu einem Rückschritt wird, ganz zu schweigen von mystischen Prophezeiungen vom bevorstehenden Ende der Welt. (Der Bagger berichtet regelmäßig aus erster Hand davon.) Von ähnlicher oder auch anderer Seite wird uns der autonome Selbstversorger als Idealbild vorgehalten: weg vom globalisierten Markt und zurück zum lokalen Tauschhandel, möglichst ohne Geld und Mehrwert, dafür aber mit Müsli und Sandalen.
Auch keine neue Erkenntnis, doch auch hier stoßen wir wieder auf eine dialektische Synthese, da uns ein solcher Schluss gerade durch die von Mobilität und Kommunikationsmöglichkeiten vermittelte Kenntnis fremder und scheinbar rückständiger Gesellschaften nahegelegt wird. Die paradiesischen Zustände sind jedoch immer dadurch gekennzeichnet, dass sie entweder weit weg, lange vorbei, in ferner Zukunft, oder gar in irgendeinem Jenseits zu suchen sind.

Wiederkehr und Stillstand

Wohin soll uns also der Fortschritt, die gesellschaftliche Entwicklung führen? Können wir ein, wenn auch entferntes Ziel ausmachen, dem der ganze Fortschritt zustrebt und das die Wende zum Besseren bringen wird? Indizien dafür, dass wir uns seit dem Beginn der Geschichtsschreibung auch nur Millimeter in diese Richtung bewegt haben, finden sich schlicht nicht. Gerade das 20. Jahrhundert hat eindrücklich vor Augen geführt, dass von einer Wende hin zum friedlichen Miteinander nicht die Rede sein kann und die aktuellen Nachrichten zeigen kein anderes Bild. Oder handelt es sich nur um Rückschläge auf einem sonst linear verlaufenden Pfad? Doch was ist nun dieses Bessere? Wollen wir wirklich in Frieden leben? Wenn ja, warum wird dann ständig Krieg geführt? Oder können und wollen wir allen Lippenbekenntnissen zum Trotz gar nicht in Frieden leben? Wie Kain und Abel stecken wir bis zum Hals täglich im Kampf um Annerkennung, in Konkurrenz zueinander, sei es im Berufsleben oder im privaten Bereich.
Wer dem entgegenwirken will, muss dies erklären, muss überzeugen, argumentieren, versprechen, oder drohen. Das führt zu neuen Kämpfen um die bessere Idee, die geschliffenere Argumentation, die meisten Anhänger und die wirkungsvollsten Mittel. Die Utopie, oder eine Prophezeiung ermöglichen es dem einzelnen, den Kampf um die eigene Bedeutung zu abstrahieren und an der Bedeutung einer Bewegung, einer Idee Anteil zu haben, die eigene Person also wiederum einer bedeutenderen Macht, an der man jedoch Anteil hat, unterzuordnen und gegebenenfalls auch zu opfern. Die Folgen waren und sind immer katastrophal, da im Einklang mit dem Bedeutungsverlust des eigenen Lebens auch jener der anderen einhergehen muss. Wer sich dem ganz alleine und konsequent entziehen will, müsste verstummen und die absolute Bedeutungslosigkeit in jeder Hinsicht als sein Los erkennen, was eine vollkommene Isolation und den Ausschluss aus der Gesellschaft nach sich ziehen muss. Denn sobald man seine Position auch nur zu rechtfertigen sucht, tritt man erneut in die Auseinendersetzung um Anerkennung und Erfolg, denn einen Grundkonsens gibt es nicht einmal bei den scheinbar augenscheinlichsten „Wahrheiten“, bedingt durch die Tatsache, dass zwei Paar Augen eben nie identisch sind und sich daher der Blickwinkel zwangsläufig unterscheiden muss. Da aber jeder auf die individuelle Wahrnehmung angewiesen ist, erzeugt dies entweder Konkurrenz oder vollständige Unterordnung unter die Wahrnehmung eines anderen, was aber im Grunde die Aufhebung der Individualität bedingen müsste.
Eine Synthese ist nicht in Sicht, und dass eine solche Möglichkeit bestünde, steht hier gar im Widerspruch zu der Tatsache, dass sie überhaupt formuliert werden könnte. Die Schlange, die die Frucht des Baumes der Erkenntnis darbot, beisst sich also regelrecht in den Schwanz und am Ende steht nun doch die resignierte Erkenntnis, dass der Fortschritt anscheinend darin besteht, derjenige zu sein, der den ersten Platz in der Schlange vor dem Apple-Store ergattert hat.

Quo vadis?

Was dürfen wir also hoffen? Jeder darf natürlich das hoffen, was die jeweilige individuelle Antwort auf die Frage, was nun der Mensch sei, impliziert. Da diese Frage auch weiterhin zu totalitären Regimen, Auseinandersetzungen und Krieg führen wird, kann man auch hoffen, dass man sich selbst nicht auf der Täterseite wiederfinden wird. Warum man dies tun sollte, bleibt offen. Am Ende stellt sich die Frage, warum man solche Artikel überhaupt schreibt oder liest und es bleibt die ahnungsvolle Erkenntnis, dass man sich statt dessen lieber tierisch auf die neue Generation von iPads, Weltraumteleskopen und Öko-Autos, die noch genügend Fahrspaß bieten, gefreut hätte.

Neuen Kommentar schreiben

Plain text

  • Keine HTML-Tags erlaubt.
  • Internet- und E-Mail-Adressen werden automatisch umgewandelt.
  • HTML - Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.
By submitting this form, you accept the Mollom privacy policy.