Beziehungsarbeit

LindeDie Geomantie sucht nach Erklärungen für die unsichtbare Kommunikation zwischen Men­schen und bestimmten Orten. Eine aktuelle wissenschaftliche Studie bringt Erkenntnisse ein Stück näher.

Jeder Krise ihre Therapie. Für den entsprechenden Kitt in zwischenmenschlichen Beziehungen sorgt Paartherapie oder Mediation. Feng Shui wird für eine harmonische Begegnung in Wohn- und Lebensräumen zu Rate gezogen. Aber da es gar nicht notwendig ist, eine ostasiatische Fernbeziehung zu führen, wenden wir uns der Beziehungsarbeit zwischen hei­mi­schem Boden und seinen Bewohner/innen zu.
Diese Kommunikation zwischen Mensch und seiner Landschaft wird Geomantie genannt. Deren Wortzusammensetzung, „geo“ und „mantie“, geht einerseits auf die griechische Göttin Geia zurück, die die Erde repräsentiert.

Den Begriff finden wir auch in anderen Disziplinen wie „Geologie“ oder „Geografie“, wo die Erde in ihrer Gesamtheit als Wesen verstanden wird. „Mantie“ bezeichnet andererseits die Manten, die Orakelpriesterinnen in Delphi, die die Fähigkeit besaßen, die Wesenskräfte der Erde wahrzunehmen. Die Geomantie leistet neben der Wahrnehmung von so genannten Energiefeldern ebenso Beziehungsarbeit im Sinne einer Kommunikation mit der Landschaft. Dazu Erwin Frohmann, Professor für Landschaftsarchitektur an der Universität für Bodenkultur (Boku) in Wien: „Der Mensch steht nicht nur als ökologischer Bestandteil, sondern auch in psychologischer Verbindung mit der Erde. Die Pflege und Harmonisierung von Orten ist wie die Persönlichkeitsbildung ein zentraler Aspekt der Geomantie. Sie versteht die Erde als ein Lebewesen mit seelisch-geistigen Qualitäten und nicht nur als materielle Erscheinung.“ Ihre Wurzeln gehen auf keltische Ursprünge zurück. Unsere Vorfahren hatten dieses Wissen um die Kraft, die in der Erde lebt. An manchen Orten verdichten sich die natürlichen Energieströme an der Erdoberfläche, worauf bestimmte Bauten und Stätten entstanden sind und heute noch davon zeugen. Im Zuge der Christianisierung wurden heidnische Kultplätze meist zu Kirchen umgebaut.

Unsichtbarer Zwischenraum

Ist es für mich und mein Wohlbefinden ausschlaggebend, ob ich mich auf einem Schrottplatz oder auf dem Gipfel eines Berges befinde? Oder ist es sowieso klar, dass ich lieber durch einen mit gepflegten Wegen, Pflanzen und Teichen angelegten Park gehe als auf dem verkehrsreichen, stressigen Wiener Gürtel? Hier entsteht ein unsichtbarer Zwischenraum, in dem sich irgendetwas befindet. Aber was? Die Geomantie bezeichnet diese Resonanzräume als Energiefelder, die in unterschiedlichen Kräften auf der Erdoberfläche wirken. Mit ein wenig Übung kann jede und jeder mit der Landschaft in Verbindung treten, seine Wahrnehmung an ihr schulen oder sich einfach nur wohl fühlen an harmonischen Orten.
Wirklich jede/r? Was muss man für ein Mensch sein, sich näher mit Geomantie zu befassen? Ein religiöser? Ein esoterischer? In erster Linie kein rein rationaler. Eine gewisse Bereitschaft zur Öffnung für dieses umfangreiche Thema gehört sicherlich zur Voraussetzung. Es mag befremdend wirken, wenn im Park plötzlich Menschen mit geschlossenen Augen im Kreis stehen, die sich an den Händen halten und Töne und Laute von sich geben. Oder wenn an einem Platz rituell ein Licht entzündet wird und Männer wie Frauen meditierend um einen Stein sitzen, in den Zeichen und Muster eingearbeitet sind. Geomantie ist auch eine Kunst und wird – gleich Land-Art – hinaus ins Freie getragen. Dorthin, wo sich so genannte Energiefelder auf natürliche Weise verdichten und höhere Konzentration vorhanden ist. Geomanten und Geomantinnen setzen in ihrer Tätigkeit Maßnahmen, um Landschaft in Harmonie und Gleichgewicht zu bringen. Da ihrer Auffassung nach auf dieser Welt nichts ohne Resonanz bleibt, schafft der Mensch dies gleichermaßen in sich selbst. Das geschieht nicht nur auf passive Weise, sondern auch aktiv, indem Menschen einen Ort aufladen, wenn sie dort eine längere Zeit beispielsweise meditieren, „sich erden“, wie es auch heißt.
Manche Menschen finden den Weg zur Geomantie, weil sie damit ihrem Leben einen tieferen Sinn geben wollen, der über die alltägliche Arbeit hinausgeht. So gelangte Sybille Mikula vor zehn Jahren zu „Geomantie Wien“, einem lose strukturierten Verein, zu dem Interessierte jederzeit kommen können. Die gebürtige Hamburgerin ist Teil der Kerngruppe, die sich um alles Organisatorische kümmert. Auf die unterschiedlichen Orte gestoßen ist der „Verein für geomantische Landschaftspflege“ in erster Linie durch die Inspiration des slowenischen Bildhauers Marko Pogačnik, der vor allem als Land-Art-Künstler internationalen Ruf genießt und mit dem 1995 erschienenen Buch „Schule der Geomantie“ ein maßgebendes Werk verfasst hat. Im Jahre 2008 hat er dieses Grundlagenwerk neu erarbeitet und den veränderten Gegebenheiten damit Rechnung getragen. „Er hat uns besondere Energiefelder in Wien gezeigt, die er kraft seiner menschlichen Sensibilität, also ohne radiästhetische Werkzeuge, fand.“ In der Geomantie werden keine Wünschelruten oder Pendel verwendet, sondern einzig der Mensch dient als Messgerät für diese Qualitäten der Atmosphäre. „Wir haben die Orte dann gepflegt“, führt Mikula weiter aus, die in ihrem Büro ihrer Altbauwohnung auch als Energetikerin und Astrologin arbeitet. Pflege nicht im Sinne von Rasen mähen, Beete umstechen etc., sondern auf spirituelle Weise. „Wir kümmern uns um die energetische Ebene der Stadt.“ So zum Beispiel beim Mahnmal für die Opfer des Faschismus bei den Steinhof-Gründen. „Das Ganze ist eine immense Persönlichkeitsbildung, wenn man dafür offen ist. Wenn man die spirituellen Ohren aufsperrt, dann erfährt man, dass alles Lebendige kommunizieren kann.“ Und man kann es glauben oder nicht, fügt Mikula hinzu, denn die Zweifel, ob das, was man wahrnimmt, Wirklichkeit oder Einbildung ist, hören auf, sobald man das Kommunizierende erlebt hat.
Geomanten und Geomantinnen gehen Energieströmen auf der Erdoberfläche nach und spüren Orte auf, an denen sich Energiefelder verdichten. Esoterischer Humbug? Fantasiegebilde? Einbildung und Scharlatanerie?

Wissenschaftlich

Es gibt keine Möglichkeit, außer das Wesen Mensch selbst, Energie­felder in der Land­schaft zu messen. „Noch nicht“, wendet Erwin Frohmann ein, der sich im natur­wissen­schaftlichen Kontext mit Geo­mantie aus­einander­setzt, „aber ich als Wissen­schaftler kann mit Herz­frequenz­messungen oder über sozial­wissen­schaftliche Zugänge indirekt die Geomantie bearbeiten.“ Frohmann ist Wissen­schaftler und Geo­mant auf der Suche nach den unsichtbaren atmo­sphärischen Di­men­sionen. „Wissen­schaftlich ausgedrückt spreche ich von einer intro­spektiven Raum­wahr­nehmung.“ Diese Methode zur Erfassung der Identität eines Ortes ist eine wesentliche. Dabei ist von Bedeutung, welche körperlichen Reaktionen, Gefühlsreaktionen, Bilder oder Farbassoziationen die Landschaft im Menschen auslöst. In weiterer Folge kommen Intuition und Inspiration dazu.
Wie ist die wissenschaftliche Lehre auf der Universität vereinbar mit der scheinbar nicht belegbaren Geomantie, die als esoterische Linie gesehen wird? Ist dies ein Widerspruch?
In einer aktuellen Studie unter dem Titel „Psychophysiologische Effekte atmosphärischer Qualitäten der Landschaft“ (März 2010), die in der „Schweizerischen Zeitschrift für Forstwesen“ erschien, bestätigen Frohmann und ein Team an Wissenschaftlern die Annahme, dass „jeder Ort eigene Stimmungsbilder und Assoziationen erschafft und über das Zusammenspiel von Formen, Farben und Klängen raumspezifische Atmosphären ausbildet. Mehrere Studien weisen auf die unterschiedliche Wirkung von urbanen Räumen und ländlich bzw. naturräumlich geprägten Landschaften hin.“ Mit Hilfe des Messgeräts „Heartman“ (eine Art EKG) versammelte sich eine Schar Menschen an bestimmten Untersuchungsorten (bei einem Wasserfall, in einem Wäldchen und in einer Steinlandschaft), an denen sie „mit geschlossenen Augen in kontemplativer Ruhe und immer in der gleichen Körperhaltung“ ihre Aufmerksamkeit nach innen richteten. Dabei mussten sie ihre gedankliche und emotionale Aktivität auf ein Minimum zurückdrehen. Die Ergebnisse zeigten „an den drei Untersuchungsorten in Abhängigkeit von den unterschiedlichen Raumqualitäten der einzelnen Landschaftsräume“ beachtliche Unterschiede: So war die Herzfrequenz beim Wasserfall um sechs Herzschläge pro Minute höher als im Wäldchen. „Es wurde damit“, so der Grazer Erwin Frohmann weiter, „wissenschaftlich nachgewiesen, dass bestimmte Orte den körperlichen Puls aktivieren können.“
Und wie weit lässt sich die universitäre Lehre auf die Geomantie ein? „Es ist ein Freifach, das einmal pro Jahr stattfindet. 15 Studierende sind dafür offen, verpflichtet wird niemand.“ Frohmann holt weiter aus: „Wir haben auch vom Institut aus geomantische Studien gemacht, die von der Stadt Wien in Auftrag gegeben wurden. Die Seestadt Aspern, das derzeit größte Stadtentwicklungsprojekt in Europa, wurde untersucht.“
Egal welche Stimmungen mit bestimmten Orten in Verbindung gebracht werden, kann unbestritten gesagt werden, dass sich in mir etwas regt, also sprich: Ich als Mensch muss mit der Erde und der Landschaft, in der ich mich aufhalte, eine Beziehung haben. Dass diese Beziehung immer vorhanden ist und weiter erlernt und verfeinert werden kann, davon geht die Geomantie aus. Sie sucht Erklärungen dafür, was sich in diesen unsichtbaren Dimensionen abspielt, und nimmt als eine Grundthese an, der Raum bzw. die Landschaft haben Auswirkungen auf die Psyche des Menschen.

Weiterführende Infos und Links:

Zur Geomantie allgemein: Marko Pogačnik: Das geheime Leben der Erde. Die Neue Schule der Geomantie, AT-Verlag 2008.

Zur Studie: Erwin Frohmann u.a.: Psychophysiologische Effekte atmosphärischer Qualitäten der Landschaft. In: Schweizerische Zeitschrift für Forstwesen. Vol. 161, März 2010.

Zum Verein für Geomantie:
www.geomantie-wien.at

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