Brian Eno – Taking Tiger Mountain (Island) 1974

Das zweite Solowerk des bunten Hundes der streitbaren (!) Roxy Music ist unglaublich großartig. Das hat die Musikpresse damals ähnlich gesehen, aber gekauft haben das gute Stück nur wenige. Ein früher Liebhaber der Platte war aber David Bowie, der sie zum Anlass genommen hat, Eno anzuheuern und in den späten 70ern nicht nur eng mit ihm kollaboriert hat, sondern teilweise auch dessen Songs als eigene ausgegeben hat (bsp. Warszawa, nach dem sich Joy Division ursprünglich benannt hatten).

Der Titel der Platte ist übrigens einer chinesischen Oper entnommen und China dienst auch textlich einige Male als Reverenz, aber politisch ist die Platte nicht wirklich. Vielmehr ging es Eno um „the dichotomy between the archaic and the progressive. Half Taking Tiger Mountain – that Middle Ages physical feel of storming a military position – and half (By Strategy) – that very, very 20th-century mental concept of a tactical interaction of systems.“ Beim Produktionsprozess der Platte wurde dem „Zufall“ sehr viel Spielraum gegeben. So wurde ständig das eigens entworfene Kartenset „Oblique Strategies“ zu Rate gezogen. Eine solche Karte verkündet: „Look closely at the most embarrassing details and amplify“ eine andere „Honour the error as a hidden intention“ und wieder eine andere „Try faking it“. Das ergibt dann eine unglaublich kräftige musikalische Suppe, die derart divers ist, dass sie sehr viele spätere Musikrichtungen hörbar vorweg nimmt und arrangementtechnisch jeden Musiker neidisch macht. Ich habe schon seit längerer Zeit den beunruhigenden Verdacht, dass Eno später deshalb Ambient erfunden hat, weil er im Songformat keine Herausforderung mehr gefunden hat. Schon vier Jahre später war es so weit.

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