Buchtipp: „Spirale“(1956) von Hans Erich Nossack

Ein freundschaftliches Korrekturlesen brachte mich erstmals in Kontakt mit der literarischen Welt von Hans Erich Nossack(1901-1977). Die Verfasserin der zu sichtenden Abschlussarbeit ging der Frage nach, ob Nossacks existentiell zu nennende Schreibe vor allem von Sartre oder Camus geprägt ist oder ob ihn die kriegerischen Zeitumstände zu dem machten, was er ist: ein glasklarer Denker und Beobachter menschlicher (Innen- und Außen-) Welten. Besonders sprachgewandt wandte er sich in dem Band „Spirale“ der Sprache, dem Bewusstsein, dem Sein zu.

Das Buch, das aus fünf Kapiteln („Spiralen“) besteht entwickelt Sogwirkung: vom sozialisationsbedingt Kauzigen, der sich nächtens einem Mädchen öffnet wandert der Leser zu einer (z)weiteren Nachtszene, wo sich zwei Stundenten mit der Berechenbarkeit der äußeren (manipulierenden oder doch manipulierten?) Umgebung befassen. Das Kernstück des Bandes ist Spirale 3 – ein ungeheuerlicher (kafkaesker) Gerichtsprozess, der Angeklagte rechtfertigt Metaphysisches in einer nicht dafür gemachten Sprache und verbleibt das, was er schon immer (und doch einmal auch wirklich plötzlich war:) ein Einsamer – bar der Sicherheiten seiner Umgebung. In der vierten Spirale wird ein „begnadigter“ Häftling zentrale Figur, den lebenslänglich zugesicherten Strukturen beraubt, ist er – Sartre lässt grüßen – nun doch neuerlich und diesmal zur Freiheit verurteilt. Er flieht in die Religion – Gott und die Güte beschließen auch die letzte Spirale, wo im Schnee dem Nossackschen Sinnbild der Einsamkeit eine Expedition (aus der Heimat -verstoßen?) ins sichere „Vorbei“ (auch Heidegger ist für Nossack kein Unbekannter) zieht. Einem außerweltlich lachenden Erfrorenen ausgesetzt regen sich letzte Überlebensgedanken: „Darum habe ich mich entschlossen zu scheitern. Alles andere ist so möglich, dass es mir verdächtig geworden ist, und so bleibt mir nur noch das Allerunmöglichste: Zurückzugehen bis zu dem Punkt, wo ich das Leben eines Gescheiterten zu führen in der Lage bin, ohne andere darunter leiden zu lassen. Meinetwegen bis zu den Altären und Mädchen. Wenn sie mich nötig haben, um ihre Existenz zu bejahen, weshalb denn nicht? Sie wollen ja nur das von uns, was sie brauchen können, und das können wir leicht geben. Aber werde ich das können? Denn davon hängt es ab, ob wir eines Tages reif werden, diese schöne Stille zu genießen. Doch mir ist so erbärmlich kalt zumute, dass ich Angst habe alles zu erfrieren, was ich künftig berühre.“
Mit (dieser) Angst endet der schmale Band, der Leser bleibt sprachlos zurück und darf sich fragen, ob mit dieser aufgezeigten Lösung diese (Spiralen-)Welt wahrhaft durchbrochen oder ganz und gar verloren ist.

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