Chaos

Ein Konzertbericht

Anfang Jänner hatte ich in Berlin die Gelegenheit, einer Live-Performance beizuwohnen, die mich zum Nachdenken angeregt hat. Aufgespielt haben die New Yorker Jungs von Child Abuse, einer Band, deren Schaffen auf dem Flyer selbiger Veranstaltung als „trash metal grind chaos“ umschrieben war – eine Bezeichnung, die im Übrigen jedoch nicht von der Band selbst kommt. Ich war also gespannt, was sich hinter dieser mysteriösen Paraphrase verbergen würde, zumal ich weder gegen Trash noch gegen Metal, Grind- oder Hardcore besondere Abneigungen hege.

Auch wenn ich Produktionen aus dieser Richtung zu Hause normalerweise nicht konsumiere, so können sie im Moment ihrer Bühnenhaftigkeit durchaus eine paralysierende Faszination entfesseln. Als alteingesessene Kontrahentin der Thermodynamik war ich zudem sehr interessiert daran, wie sich die Vertonung von Chaos anhören könnte, und ging voll Vorfreude – und zugegeben einigen Resten an Zweifeln – in den Abend.
Meine offene Erwartungshaltung wurde belohnt: Child Abuse, ein Ensemble aus Schlagzeug, Bass und psychedelisch anmutendem Keyboard mit Kreisch-Gröhl-Gesang garniert, hat eine sehr solide Performance geliefert, indem sie Elemente des in New York so geliebten Jazz mit dem generell so beliebten Getöse des Postrocks gekreuzt haben. Was andere als bloßen Lärm abtun würden, hatte aber durchaus System (wie in der Chaosforschung). Es wurde versucht, dem einzelnen Song eine A-Rhythmik (Jazz) zu unterlegen, ein Element, das im Rock-Dunstkreis, der vom Rhythmus lebt und durch die Wiederholung atmet, kaum Halt findet. Auf der Bühne bot sich mir ein Schauspiel dreier Musiker, die sich mit aller Kraft gegen die Verlockung des ordnenden Rhythmus wehrten und dabei Klänge in den Raum sandten, die gerade durch ihren Bruch, ihr Gebrochen-Sein, ihre Irritation das kleine Publikum in Berlins Mitte-Schokoladen in ihren Bann schlugen. Am schönsten waren dann aber doch die Momente, da sich die Diktatur der Rhythmik durchsetzte und eine zuvor noch vollends chaotisch wirkende Mischkulanz in einen Zug aus Progressivität in voller Fahrt verwandelte. Wie im Theater also kulminierte das Drama der Musik des Zufalls in der Katastrophe und konnte seine volle kathartische Wirkung entfalten. Alles in allem besteht Chaos als Stil in der Musik insofern den Test, als es den nötigen Konterpart zur ewigen Wiederholung der Rhythmik liefert, die es zerreißen will, sich am Ende aber nicht durchsetzen kann.

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