Connie Palmen

Annäherungen an eine philosophische Schriftstellerin

Es begann mit der Lektüre von „I.M.“ – dem Buch, in dem die Niederländerin ihre Beziehung zu Ischa Meijer auf berührende Art vom verliebten Beginn über das ungeheuer schöne aufrichtige Miteinandersein zweier intelligenter Zeitgenossen bis hin zum schmerzhaften Totalverlust schildert und uns an Liebe und Trauer teilhaben lässt. Es ging weiter mit der „Erbschaft“ – dem Buch, in dem die Philosophieabsolventin über die Macht der Geschichten und Grundemotionen schreibt und zugleich eine außergewöhnliche Beziehung des Gebens und Nehmens vorstellt. Es endete vorläufig mit der „Freundschaft“, wiederum ein Für-den-Anderen-Sein thematisierend, eine große Familiengeschichte aufrollend, die die Freundschaft zweier junger süchtiger (suchender) Frauen und ihren befreienden Bruch erklärbar macht. Es wird weitergehen mit den „Gesetzen“, wo sieben ihr untergekommene Männertypen abgeklopft werden … – meine unchronologische Lesereise durch Palmens Oeuvre.

Was finde ich nun so bemerkenswert, so lesenswert an dieser (Frauen-)Literatur? Palmen gelingt es auf so reine unschuldige Weise von Beziehungen zu schreiben, dass man sich unwillkürlich an Martin Bubers Appelle zur rückhaltlosen Offenheit erinnert fühlt, zudem den Grundgedanken dialogischer Existenz vorgelebt sieht und ein solches geschildertes glückendes Gelingen uns allen Motivation sein könnte, in der eigenen Beziehung, den für Freundschaft gehaltenen Kontakten mehr Aufrichtigkeit zu wagen. Palmen macht uns Mut, wir mögen uns ohne Scheu uns selbst stellen. Freilich sind wir alle fragil, aber dieser zutiefst menschlichen Verletzlichkeit wohnt kein Makel inne – nur durch das bedingungslose Einlassen auf Ischa, auf Ara, auf Lotte lernen die Gegenüber deren (und ihren eigenen) Kern auch kennen, erlangen ein Verständnis von tiefer wechselseitiger Kenntnis und Bedeutung. Können sich anschicken, den ganzen Menschen, mit dem sie eine Beziehung führen zu lieben und müssen nicht mit Körper oder Geist vorlieb nehmen. Die Aufhebung dieses cartesianischen Dualismus macht sich Palmen explizit zum Ziel – nicht ohne zuvor die schmerzhafte Bewusstwerdung dieses Gegensatzes (incl. des Scheiterns) plastisch darzustellen: In der „Freundschaft“ bearbeiten, lieben und trennen sich die letztlich nicht zu vereinbarenden, wissenden Denkwesen Kit und ihre Freundin Ara, die als große animalische Körperwissende geschildert wird. Erschütternd und für sich allein genommen schon eine Lektüre wert: Kits Brief an Ara, ein Bruch voller Liebe von der Süchtigen, nicht ohne eine Reflexion der Sucht: Alle Süchte sind Versuche, die Sehnsucht nach Freundschaft aus eigener Kraft zu stillen, das heißt ohne dabei von jemand anderem abhängig zu sein. Sucht ist Hunger nach Sinn, jedoch ohne dafür die Rolle im Drama der Abhängigkeit von einem anderen lebenden Wesen übernehmen und unter der schrecklichen Angst leiden zu müssen, dass diese Bindung gelöst werden könnte. Wer zu viel isst oder trinkt, macht sich abhängig von etwas, das immer greifbar ist und ihn nicht im Stich lassen kann. Es ist eine bewusst gewählte Gesellschaft mit dem Versprechen auf Ewigkeit. In einer Sucht verbirgt sich die Sehnsucht nach dem Schicksal der Familie, danach der Aufgabe zu entrinnen, vor die man durch ein Leben in Freiheit gestellt ist. (Freundschaft, S. 345f)

Palmen hat Ahnung, wovon sie schreibt, nimmt sich selbst gnadenlos aufs Korn, zeigt so die Möglichkeiten eines radikalen Enthüllens, der Einlösung des delphischen Orakels „Erkenne dich selbst!“ – sie hat Mut sich vermittelst ihrer Charaktere ihres eigenen Verstandes zu bedienen. Und lehrt uns (in modifizierter, aber durchaus stoischer Kenntnis), was wir uns nicht geben können und wofür wir, wir allzu oft und allzu schnell unverdienterweise auf unsere Autarkie so stolzen Wesen, des Anderen bedürfen: Liebe, Respekt, Bewunderung, Bedeutung haben nur in einem Zwischenraum Platz, in dem unsichtbaren Etwas, das durch eine Verbindung geschaffen wird. Anderswo gibt es sie nicht. Das Allermenschlichste kann man nur geben und empfangen.

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