Das Bankgeheimnis aus alpinistischer Sicht

Was das Bankgeheimnis mit einem hinkenden Wanderer zu tun hat und warum sich eine Wanderung auf den Säntis allemal lohnt, auch wenn man diesen nicht gerade als Ge­heimtipp bezeichnen kann. Eine wirre und wenig er­gie­bige Aus­einander­setzung mit dem Alpinismus im Appen­zeller Land und dem damit ver­bundenen moralischen Di­lemma, wobei neben­bei auch ein wenig Un­quali­fiziertes zum Bank­geheimnis geäußert wird.

Das Bankgeheimnis polarisiert. Es ist eines von vielen schönen Beispielen dafür, wie angebliche moralische Prinzipien und Grundrechte von verschiedenen Interessengemeinschaften völlig konträr ausgelegt werden. Damit ähnelt die Diskussion über das Bankgeheimnis stark der Debatte um den sogenannten Nichtraucherschutz, nur dass die Positionen nicht so klar definiert sind.

Um diese Art der Diskussion mit einem etwas hinkenden Wanderervergleich zu illustrieren und somit der Auseinandersetzung mit der eher langweiligen Institution des Bankgeheimnisses den Platz im Artikel abzugraben, wollen wir uns nun zunächst mit der schönen Schweizer Bergwelt auseinandersetzen (natürlich könnte die folgende Episode auch in Österreich spielen).

Der hinkende Wanderer

Wir wollen also einen Vergleich mit einem Wanderer machen, der hinkt. Also der Wanderer. Sagen wir, der hinkende Wanderer befindet sich gerade im Anstieg zur Bergstation auf dem Gipfel des Säntis im schönen Alpstein-Gebiet. Der Wanderer in diesem Vergleich, der hinkt, muss demnach ein eher gemächliches Tempo auf seinem Weg vorlegen und hat gerade die Schlucht nach dem Berggasthof Tierwis hinter sich gelassen und befindet sich gerade auf der schmalen und etwas abschüssigen Passage knapp unter dem finalen Aufschwung, der dann direkt in den Stollen zu den imposanten Gipfelaufbauten des Säntis leitet. Seit einer halben Minute klebt ein sportlicher Bergsteiger an seinen Fersen, der offensichtlich schneller gehen könnte und will. Aufgrund der Schmalheit des Weges und wegen des abschüssigen Geländes ist aber ein normales Überholmanöver während des Gehens nicht möglich. Unser hinkender Wanderer müsste also an einer geeigneten Stelle kurz stehenbleiben, sich dünn machen und den Sportler passieren lassen. Der Hinkende denkt: „Muss dieser offensichtlich gut trainierte Sportler mir so dicht hinten drankleben, dass ich seinen Atem im Nacken spüre und beinahe seine letzte Mahlzeit erraten kann? Das ist aufdringlich, rücksichtslos und egoistisch, noch dazu wo ich offensichtlich ja beeinträchtigt bin und es eine beachtliche Leistung darstellt, dass ich überhaupt hier heraufgehen kann. Wenn er einen Berg raufrennen will, sollte er vielleicht eher einen weniger stark frequentierten Gipfel wählen, davon gibt es ja genug, aber ich kann nicht alle 3 Minuten stehen bleiben und jedes Mal wieder aus meinem Rhythmus kommen, um irgendeinem deplatzierten, vermeintlichen Konditionshengst hier nur ja nicht im Wege zu stehen. Außerdem ist es gerade an diesem Wegabschnitt sogar gefährlich, sich vorbeizuzwängen. Ich werde schon an einer geeigneten Stelle stehenbleiben, er bräuchte also wirklich nicht so drängeln. Wegen solcher Mitmenschen macht Wandern deutlich weniger Spaß.“ Der vermeintliche Konditionshengst hingegen denkt: „Schon wieder so ein Schleicher. Wie soll man hier in vernünftigem Tempo diesen schönen Berg besteigen, wenn einem alle paar Minuten irgendein Halbschuhtourist den Weg versperrt. Der müsste gerade einmal 3 Sekunden stehenbleiben und schon wäre ich vorbei, aber der tut so, als würde er mich gar nicht bemerken, obwohl ich ganz offensichtlich vorbei will. Was macht der überhaupt auf diesem Weg. Wenn er zum Gipfel will, kann er die Seilbahn nehmen, und wenn er wandern will, gibt es wohl geeignetere Wege für derart lädierte Zeitgenossen als diesen anspruchsvollen Weg. Solche Leute haben keine Ahnung vom Bergsteigen, aber glauben, sie können sich alles zutrauen. Das ist rücksichtslos und egoistisch. Wegen solcher Mitmenschen macht Wandern deutlich weniger Spaß.“

Geheimniskrämerei

So weit der Ausflug in die Schweizer Bergwelt. Was hat dieses Gleichnis also mit dem Bankgeheimnis zu tun, außer dass es in der Schweiz spielt? Auf den ersten Blick reichlich wenig. Zunächst gab es einmal dem Autor die Gelegenheit, eher niveaulose Witze über hinkende Vergleiche zu bringen. Auf den zweiten Blick ergibt sich ebenfalls kein thematischer Zusammenhang. Man könnte vermuten, dass es sich um eine eher platte Beschreibung eines Dilemmas handelt, wie in der Einleitung angedeutet, bei dem scheinbare moralische Prinzipien vor Eigeninteressen geschoben und rationalisiert werden. Außerdem liegt langsam der Verdacht nahe, dass der Autor möglicherweise nicht allzu viel über das Bankgeheimnis zu sagen hat und sich eventuell mehr für Alpinismus als für Bankangelegenheiten interessiert.
Das Bankgeheimnis hat in Österreich Verfassungsrang. In der Schweiz ist es durch das Bankengesetz geregelt und sogar ein Offizialdelikt, d.h., dass es ohne Strafantrag von Amts wegen zu verfolgen ist. In den meisten anderen Ländern gibt es zwar auch eine Art von Bankgeheimnis, doch ist es selten klar gesetzlich geregelt. So unterscheidet sich das Bankgeheimnis in Deutschland etwa wenig von anderen Berufsgeheimnissen (Anwälte, Ärzte, Priester) und basiert demnach mehr auf Konvention bzw. den gegenseitigen Interessen und der Pflicht der Bank, die Vermögensinteressen ihrer Kunden zu schützen.
© clrIn Österreich sieht die gesetzliche Regelung vor, dass die Bank zu Aussagen über das Vermögen eines Kunden nur im Rahmen eines Strafverfahrens bzw. eines Finanzstrafverfahrens verpflichtet ist. Der Verdacht auf Unregelmäßigkeiten alleine genügt nicht. Eine Kontoauskunft kann demnach nur auf Antrag eines öster­reichischen Gerichtes erfolgen. Das führt dazu, dass Rechtshilfeanträgen aus anderen Ländern nur dann stattgegeben wird, wenn ein Delikt vorliegt, das auch in Österreich zu einem Strafverfahren führen würde, und das Verfahren in dem besagten Land bereits eröffnet wurde. Dies gilt auch dann, wenn in diesem Land andere Regelungen bzgl. der Auskunftspflicht von Banken gelten. Auch in der Schweiz verhält es sich ähnlich. Dort wurde außerdem noch durch die Unterscheidung zwischen Steuerhinterziehung (Verheimlichung von vorhandenen Vermögenswerten; lediglich mit Verwaltungsstrafe belegt) und Steuerbetrug (Fälschung von Unterlagen; mit Freiheitsstrafe bedroht) ein Schlupfloch geschaffen, das das exzessive Ablehnen von Rechtshilfeabkommen aus dem Ausland kinderleicht macht.

Datenschutz

Die Notwenigkeit eines gewissen Schutzes der sogenannten Privatsphäre ist in unserer Gesellschaft im Allgemeinen unumstritten. Weder wird mich ein potentieller Arbeitgeber nach meiner Krankengeschichte noch nach meinen Verkehrsvergehen oder meinem Kontostand befragen. Auch werden ihm weder mein Arzt noch mein Anwalt oder meine Bank dazu Auskunft geben. Auch dass ich beispielsweise die FPÖ wähle, muss ich unter keinen Umständen zugeben. Meine Stimme verhilft ihr dennoch regelmäßig zu Höhenflügen. Solche Tatsachen werden allgemein von uns freiheitsliebenden und zivilisierten Vertretern eines sogenannten westlichen Demokratieverständnisses als heilige Kuh verehrt und als Grundlagen einer hochgelobten Staatsform bezeichnet, die dann ihren edlen Bürgern das Recht verleiht, empört Wasser zu predigen und sich daheim genüsslich literweise am Bordeaux zu delektieren. Die Zeiten, in denen Ikonen der Demokratie und Mitverfasser von legendären Phrasen wie „All men are created equal“, wie etwa George Washington, sich privat an die 300 Sklaven halten konnten und selbst offensichtlich nichts dabei fanden, sind natürlich vorbei, doch was die 300 Sklaven im 18. Jahrhundert an Prestige dargestellt haben mögen, ist heute vielleicht das neueste Jaguar Coupé. Die Tatsache, dass ich mich dafür auf Jahre verschuldet habe, würde meinem Vorfahren in demselben wohl einiges an Effekt nehmen und insofern bin ich schon froh, dass mein Bankbetreuer diese Tatsache auch auf Nachfrage nicht preisgeben darf.

Neid, Missgunst und Freundschaft

Je mehr jemand verdient, desto mehr Steuern muss er abliefern. An dieser einfachen Tatsache ändert auch ein sogenanntes „Flat Tax“ Steuersystem nichts. Irgendwann wird es dann verständlicherweise schmerzhaft. Das Bankgeheimnis erleichtert unbestreitbar Steuerhinterziehung wie auch Geldwäsche, so wie jede Art von Schutz der sogenannten Privatsphäre auch das Aufspüren von sogenannten Gesetzesbrechern erschwert. Wer wie sehr und von welchem Aspekt des Bankgeheimnisses profitiert und wer darunter leidet, ist natürlich nicht ganz eindeutig. Der deutsche Staat würde von einer Lockerung des österreichischen Bankgeheimnisses sicher profitieren und setzt sich folgerichtig dafür ein. Für den einzelnen Bürger gibt es sicher mehrere Gründe, dafür oder dagegen zu sein. Jemand kann etwa selbst etwas zu verbergen haben, jemand kann sich darüber ärgern, dass er nichts zu verbergen hat (da leider kein Vermögen vorhanden ist). Jemand könnte Bankaktien besitzen, einfach neidisch und missgünstig sein, in Schulden beinahe ersticken oder in kriminelle Machenschaften verwickelt sein. Diskutieren Sie doch mit Ihren Freunden einmal über das Bankgeheimnis und stellen Sie dann geheime Vermutungen an, warum jemand so oder so argumentiert. Bedenken Sie dabei: Allgemeine Prinzipien und moralische Ausführungen, die in diesem Zusammenhang gerne vorgebracht werden, sind meist nur Scheinargumente, um einfache egoistische Motive zu verbergen. Denken Sie etwa an den hinkenden Vergleich von weiter oben oder an die (Nicht-)Raucher-Diskussionen. So werden Sie Ihre Freunde plötzlich in ganz neuem Licht sehen. Bedenken Sie, dass oft ein noch so abstrus erscheinender Verdacht Ihren Freunden oder auch Familienmitgliedern gegenüber durchaus einen wahren Kern haben kann.

© clrAlpstein

Auch wenn der Säntis im Alpstein-Gebiet an der Grenze zwischen St. Gallen und Appen­zell nicht gerade als Geheim­tipp gelten kann, stellt seine Be­stei­gung durchaus einen gewissen Reiz dar. Für die Wanderung auf den Säntis empfiehlt sich Unter­wasser (Wild­haus) als bester Aus­gangs­punkt. Die Geh­zeit für die gesamte Über­schrei­tung beträgt dann zwar gute 9 Stunden, aber im Unter­schied zum An­stieg von der Schwäg­alp ist der Groß­teil der Tour weniger be­gangen. Außer­dem kann man auf diesem Weg auch den spek­ta­ku­lären Liesen­grat begehen. Tritt­sicher­heit und Schwindel­frei­heit sind dann jedoch Vor­aus­setzung. Wer schnell unterwegs ist und von den Touristen­horden zwischen Tier­wis und dem Gipfel nicht zu sehr aufgehalten wird, kann auch noch vom Rotsteinpass aus auf den Altmann hinaufsteigen. Auch dieser Weg ist jedoch dem geübten Wanderer vorbehalten.

Quelle:

Nähkästchen

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