Das Brechen der Ethno-Welle

Warum wir schrille Töne aus dem Orient lieben, den Musikantenstadl aber am liebsten warm abtragen würden.

Schon seit Jahren und mit nicht schwinden wollendem Interesse verfolgt und gefeiert, vollführt die so genannte „Ethno-Musik“ ihren nicht enden wollenden Siegeszug durch europäische Clubs und Veranstaltungslokale, Plattenläden und Kulturberichte. Dabei handelt es sich meistens um „modernisierte“ Volksmusik, die von Musikern unterschiedlichen Alters in unterschiedlichen Formationen und aus vielfältigen Ursprungsländern stammend vorgetragen wird. Publikum und Kritik brechen in standardisierte Begeisterung aus ob der kulturellen Vielfalt, die sich in den unterschiedlichen Musikstilen ausdrückt. Besonders beliebt und gefeiert sind dabei Multi-Kulti-Ethno-Bands, die sich aus zwei oder mehr Nationalitäten zusammensetzen und welche die unglaubliche Vielfalt zur Schau stellen, die entsteht, wenn sich aufgeschlossene Musiker unterschiedlicher Nationen mit verschiedenen Traditionen zu einer Symbiose zusammenschließen, die uns die musikalische und kulturelle Vielfalt als positive Aspekte der, ansonsten aus der Gutmenschen-Ecke viel kriti­sierten, Globalisierung näher bringet und zu unserem Wohlergehen und Ohrenschmaus sich als dienlich erweist. Doch nicht nur der Ohrenschmaus-Faktor, den kreischende asiatische Holzblasinstrumente, Viertelton-„Melodien“, arabeskes Gelalle und Buschtrommeln zeitigen – für unsere anspruchsvollen Ohren mit ­Reggae-Gitarren und brasilianischer Perkussion aufbereitet – sondern auch der Aspekt der Völker­verständigung, die meist optische und kulinarische Aufbereitung derartiger Veranstaltungen lassen uns eintauchen in eine uns, trotz scheinbarer medialer Omnipräsenz, immer noch „unbekannte“ fremdländische Kultur, die uns immer wieder in entzücktes Staunen zu versetzen in der Lage ist! („Das muss romantisch sein: in diesen Gewändern, nachts am Lagerfeuer, in der Wüste ... “
Woher aber diese Begeisterung? Liegt es an der Qualität der Musik, welche die Gratwanderung zwischen Tradition und Moderne in solch meisterlicher Weise bewältigt? Wenn der Musikantenstadl hochwertige und anspruchsvolle Musik hervorbringt, dann ja. Das Stadl-Konzept, Volksmusik mittels neueren Verfahren der Aufnahmetechnik zu Volkstümlicher Musik zu machen, findet unter der urbanen, „hippen“ Jugend keine Anhänger. Was aber unterscheidet die Machart jener Musik von der modernen „Weltmusik“? Bei genauer Betrachtung: nichts. Da wie dort werden in relativ billigen Verfahren Musikstile vermischt, wobei die eine Seite aus unerschöpflichem traditionellem Liedgut ent­steht, während die andere Seite aus den soeben am (Pop-)Musikmarkt gefragten Techniken hervorgeht. Definiert man nun anspruchsvolle und eigenständige Musik anhand ihrer Originalität, so werden weder der Stadl noch die Weltmusik dieses Prädikat verdienen.
Was zeichnet diese Veranstaltungen aber sonst aus, wenn nicht die soeben als wenig anspruchsvoll enttarnte Musik den Ausschlag gibt? Dazu sei angemerkt, dass hier nicht die Illusion verfolgt werden soll, dass Anspruch und Popula­rität Hand in Hand gehen, das Publikum der „Weltmusik“ wird aber nicht müde, sich immer wieder auf’s Neue als anspruchs- und niveauvolle Musikkonsumenten zu bezeichnen, daher muss der Frage, wo nun diese Qualität liegt, sehr wohl nachgegangen werden. In der Originalität der Musik offensichtlich nicht. Aber wir haben ja auf die Völkerverständigung, auf fremde Kulturen und Traditionen vergessen, auf die bunten Gewänder und die „lecker“-Spezialitäten aus Kirgisistan! Denn in diesen traditionellen ­Liedern und den bunten Begleiterscheinungen liegt so viel Weisheit und Lebensfreude, eine Offenheit, die wir kalten technisierten Europäer längst vergessen haben, ein Frohlocken ob der Wunder der Natur und, wie schon erwähnt, der Reiz des Fremden, des Geheimnisvollen und Ent­fernten. Das kann uns der Stadl nicht bieten? Bis auf den Reiz des Fernen – obwohl Belgrad bekanntlich Wien geographisch näher liegt als Bregenz – vereint diese Fernsehsendung alle genannten Punkte! Die Lebensfreude von schunkelnden Heurigenbänkensitzern, das weltoffene Grinsen der Akteure, die traditionellen Inhalte und die bunten Dirndln und Lederhosen lassen uns allerdings kalt und umgehend einen Sender suchen, auf dem gerade dunkelhäutige Lendenschurzträger Buschtrommeln malträtieren und dazu jodelartige Laute ausstoßen.
Denn der Musikantenstadl ist abgeschmackt, eine Deppenparade, uninteressant und wenig lehr­reich, ganz anders sind da ferne Klänge, etwas Neues, Ursprüngliches und Unverdorbenes, kurz, die Tradition, die in diesem Liedgut – für unsere Ohren aufbereitet – uns von Kulturen kündet, von deren Geschichte und Riten wir nur profitieren können. Die Texte? Natürlich können wir die nicht verstehen, schon bei der Sprache unserer östlichen Nachbarländer hört bei ­neunzig Prozent der Zuhörer die Verständnisfähigkeit auf. Wovon handelt aber Volksmusik? Gibt es eine Tradition, die weder nationalistisch noch religiös oder zumindest lokal-patriotisch ist? Komisch, solche Dinge sind doch normal „Pfui“! Was passiert bei diesem „Huga-Schaga“-Fest, von dem der Sänger spricht, und ist dieses Lied vielleicht die Meditation, die vor Ver­stümmelungsritualen gesungen wird? Viele Kulturen, von denen wir soviel lernen wollen, sind in einem anderen Kontext nicht durch bunte Gewänder und Lebensfreude aufgefallen, sondern durch weniger erfreuliche Eigenheiten: die Unterdrückung der Frau, die Blutrache, den bedingungslosen Gehorsam gegenüber der Familie oder der Religion, Ehrenmorde, Zwangsehen, Verarmung durch die Verpflichtung zur Mitgift und bewaffnete Konflikte, in denen ein seltsamer Begriff der ethnischen Zugehörigkeit und Tradition plötzlich zur Grundlage für Massenmorde und Kriegsverbrechen wird.
Wird also etwas überwunden, indem man bedingungslos alles, was von weit her kommt und fremdartig klingt, mit Entzücken und Wohlwollen aufnimmt? Die Hellhörigkeit und Weitsichtigkeit wird – ironischerweise – überwunden, die eigenen hart erkämpften „Traditionen“ wie Menschenrechte und Gleichberechtigung werden hier, geblendet von bunten Trachten, gering geschätzt („Dieses Lied wurde immer gesungen, wenn gefangen genommene Fremde in die Koch­töpfe geworfen wurden ...“).
Die Anziehungskraft der Ethno-Musik muss also vom ethischen Standpunkt her als äußerst fragwürdig eingestuft werden, aber so wie in vielen Traditionen den Menschen ein Ventil geschaffen wurde, versteckte Perversitäten auszuleben, so erfüllt eine solche Art von Veranstaltungen vielleicht gerade diesen Zweck für jene Leute, die, um „hip“ zu sein, selbstverständlich offen, aufgeschlossen, individualistisch und unabhängig sind.
Wie es bei Trends eben üblich ist, wird vom einzelnen nichts hinterfragt und alles akzep­tiert, was eben „in“ ist. Die soziologischen und politischen Hintergründe bleiben wieder einmal auf der Strecke, abgesehen von jenem Teil, der wiederum „in“ ist (Bist du gegen Globalisierung? Ja, du auch? Ok. Dann gehen wir gemeinsam in das kenianische Restaurant, das ist voll lecker!).
Allen Mutigen sei einmal der vergleichsweise harmlose Spaß eines sonntägigen Frühschoppens oder die faszinierende Exotik eines Schuhplattlers wärmstens empfohlen.

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