Das Netz

In seinem Film „Das Netz“ (2003) montiert Lutz Dammbeck Archivmaterial und aktuelle Interviews zu einer Demontage der Bequemlichkeit. Das neuronale Netzwerk muss aktiviert werden, will man den Zusammenhängen zwischen Unabomber, Kybernetik, Computer, Internet, Utopie, Psychologie, Gewalt, Kontrolle und „Außer Kontrolle geraten“, militärischer Forschung und Universität, Individuum und Gesellschaft, LSD, Hippies, Kunst … auf die Spur kommen. Die Struktur des Films ist assoziativ und die Themen sind komplex. Also: wo anfangen?

Gespräch: 5. November 2009, Berlin Hauptbahnhof

das netzDaniela Zeilinger: Ich erkenne einen Zusammenhang zwischen Form und Inhalt des Films. Zum Beispiel wirkt „Das Netz“ durch seine Machart wie ein offenes System: Die Collage von Archivmaterial, Interviews, Bild und Ton macht ihn recht „lebendig“. Film ist aber zeitlich begrenzt; seine potentielle Erweiterung findet dann im Kopf der BetrachterInnen statt …
Lutz Dammbeck: Ja, oder im Netz, über eine Website, die zusätzlich Material anbietet – in diesem Fall: inkonsequenter Weise! Das war ein Zwiespalt. Denn im Film spielt ja die Idee, dass man ein System dadurch stärkt, indem man es kritisiert, eine Rolle. Die von Heiner Müller entlehnte Herakles-Metapher: der Held, der bemerkt, er ist Teil des Untiers, das er töten soll/will, er ist also sowohl Opfer als auch Täter. Er ist mitschuldig, dass das Böse, das er aus der Welt schaffen soll, funktioniert. Das ist natürlich eine zeitlose Figur.
So sehe ich mich auch, indem ich ins Netz gehe, mit dem sich ja der Film beschäftigt – das Netz als eine Ausformung der Moderne. Teil„systeme“ dieser Moderne sind natürlich auch Werkzeuge wie Kybernetik, Systemtheorie, alles, was Sie jetzt angesprochen haben an verwirrenden, scheinbar isoliert oder unverbunden existierenden Phänomenen. Für mich sind die aber nicht unverbunden, sondern Teil EINER Maschinerie. Sie gehören zu der Vorstellung von einer Welt als „offenem System“ und wir leben in einem Flow hin zur Vollendung dieser Vorstellung. Selbst wenn Teilsysteme sich gegenseitig zu blockieren scheinen, stoppen sie nicht den Flow.
Es ist also ein bisschen inkonsequent, das Netz zu benutzen und dort eine Kritik daran vorzutragen. Weil man es dadurch bestätigt und nur „besser“ macht. Andererseits hatte ich so viel Material vom Film übrig, das ich nicht einfach verschwinden lassen wollte.

das netzSie meinen das Bonusmaterial, etwa die Interviews, die im Film nicht oder unvollständig gezeigt werden?
Ja, und die ganzen Texte, Links und Verweise. Die Strategie, mit dem Film zu arbeiten, war es, auf medienspezifische Festivals zu gehen, sei es die Transmediale oder der Heinz von Foerster-Congress, auf denen sich die „Gläubigen“ dieser Utopie oder dieses Heilsversprechens von einer „neuen besseren Welt“ durch neue Technologien treffen. Seit der Aufklärung dynamisierte sich die Auseinandersetzung um eine künstliche, vom Menschen gesteuerte Evolution versus eine „übernatürlich geschaffene Natur“, oder Schöpfung, wie man nun will. Was der Film abbildet, ist Teil dieser Auseinandersetzung.
Ich hatte immer ein wenig Angst, dass deren Darstellung im Film zu didaktisch ist. Denn das sind auf den ersten Blick so verwirrende philosophische, kulturelle, politische, technologische Phänomene, dass man zunächst das Gefühl hat, man kann die Dinge nicht einfach in Zusammenhänge bringen und sagen: Die sind kleine Rädchen in EINEM System. Deshalb gab es zunächst misstrauische Reaktionen auf den Film: „Das ist doch so kompliziert, woher willst DU wissen, dass das und das miteinander verbunden ist?“

Wenn man die Zusammenhänge wirklich verstehen will, muss man sich mit den einzelnen Themen sehr genau auseinandersetzen.
Ich habe erst nach und nach bemerkt, auf was ich mich da eigentlich eingelassen habe. Ich bin als Laie gestartet, also weder als Adept der Systemtheorie noch als Kybernetik-, Mathematik- oder Philosophie-Spezialist. Das waren fast drei Jahre für die Vorbereitung – und die Nachbereitung geht ja bis jetzt weiter.

das netzHeinz von Foerster spricht im Film von „Lücken in der Theorie“ und Fragen, die nicht beantwortet werden können. Er konstatiert: „Es kommt nur darauf an: Wie interessant ist die Geschichte, die man erfindet?“. Das ist doch bei Ihrem Film ähnlich: Er wirft Fragen auf und lässt vieles offen. Man bekommt ja keine Antworten in dem Sinn.
Ja, es gibt Fragen, wo es keine Antworten gibt. Aber nach dem erwähnten Satz von Foerster setze ich die Geschichte des Mathematikers Ted Kaczynski, der in den Wald geht und in einem Selbstexperiment nach wirklichen Erfahrungen und einer Realität sucht, die sich im grenzenlosen Raum von Mathematik und Logik in abstrakte Formeln aufgelöst hat. Dabei scheint er an eine Grenze gestoßen zu sein, hinter der es nur noch Paranoia – oder Wahrheit gibt. Wie bei Kurt Gödel, der auch bei der Suche nach einer Antwort auf eine unlösbare Frage an eine solche Grenze vordringt und in Paranoia endet. Dieses „Zu-Ende-denken-Wollen“ enthält das Risiko des dabei paranoid Werdens.
Dieses Risiko geht Foerster nicht ein, er bleibt beim Bonmot und im Sicheren. Er hat diese Art von Lebensklugheit, zu sagen: Diese Konsequenz will ich nicht, das geht mir zu weit. „Echte“ Künstler gehen dieses Risiko ein. Aus welchen Gründen auch immer, aber es gibt eine Konsequenz bei Francis Bacon, Caravaggio, Schwarzkogler oder anderen Künstlern. Heinz von Foerster und auch John Brockman im Film sind Schlaumeier, die wissen genau, wann sie vom Karussell springen müssen. Kaczynski macht das nicht, deswegen kann man seine Haltung oder Konsequenz ruhig mit der der genannten Künstler vergleichen.

In einem an Sie gerichteten Brief bezeichnet er Mathematiker als Künstler …
Ja, wegen dieser Art von Konsequenz hat er natürlich meine Sympathie. Man kann versuchen, die genannte Grenze zu überschreiten, mit dem Risiko, verrückt, sozial deklassiert oder was auch immer zu werden. Ich selbst würde nicht so weit gehen, das traue ich mir gar nicht, ich bin einfach nur Prediger oder Referent verschiedener Haltungen. Auch ein Schlaumeier. Aber ich getraue mir zumindest, das vorzutragen, was ich beobachtet habe. Das ist besser als nichts. Auf jeden Fall besser, als nur den Flow zu bedienen.

Ein Skizzenblatt im Film hebt dessen Alinearität ein wenig auf: Ihre Mind-Map am Papier wird mit der Zeit immer größer und komplexer, „Das Netz“ wird dadurch anschaulicher. Werden Sie damit auch zum Meta-Filmemacher?
Ja, warum nicht. Diese Zeichnungen habe ich von Anfang an bei den Vorbereitungen gemacht. Das hatte etwas mit der Kompliziertheit der Materie und mit diesen vielen Orten, Namen, Ideen und Theorien zu tun. Ich habe das auch gemacht, um mich festzuhalten in diesem Strudel der Informationen, mich zu „verorten“. Daher kam dieses kindliche Netze bilden, Zuordnungen vornehmen und auch wieder verwerfen. Aus diesen Zetteln wurde dann das Strukturprinzip für den Film entwickelt. Ich habe gemerkt, dass das für ein Publikum absolut hilfreich ist und auch nicht als didaktisch empfunden wird, sondern als Möglichkeit zur Verortung im Fluss des Filmes.

das netzIndem Sie im Film selber als Autor in Erscheinung treten, unterstreichen Sie auch das „Dokumentarische“ …
Der Kern des Dokumentarfilms ist mit Begriffen wie „Authentizität“ verbunden und mit dem Glauben, dass es eine Wirklichkeit gibt. Für Fiktionalität muss ich nirgends mehr hinfahren, kann alles künstlich machen mit Schauspielern, mit Re-Enactment und am Rechner. Diesen letzten Rest Realität verteidigen in meinen Filmen jene paar Momente, in denen der Körper einfach mehr spricht als die Rhetorik, zum Beispiel das nervöse Zucken von John Brockman beim Thema Ted Kaczynski. Da wird ein Nerv getroffen. Das kann man nicht inszenieren. Vielleicht kann man das – aber dann ist alles möglich. Dann könnte ja jeder Blick und jedes Gefühl künstlich erzeugt sein. Das wäre das Ende.

Dann kann man auch den eigenen Gedanken nicht trauen …
Ja, dann könnte auch, dass wir hier sitzen, reden und uns ankucken, künstlich sein, eine Fälschung – das wäre doch schrecklich. Eine totale Künstlichkeit, und da sind wir wieder beim Prinzip der Moderne. Diese Künstlichkeit wäre letztlich eine ihrer Konsequenzen, wenn man die Logik dieses Systems zu Ende denkt. Aber das hat etwas Unmenschliches. Ted Kaczynski hat das sehr früh schon gesehen, Ende der Sechzigerjahre, als alle einstiegen, als die Utopie gerade geboren wurde und frisch und attraktiv war – in den Netzwerken an der Westküste wie Ostküste, an den Universitäten, in der Gegenkultur mit all den Drogen, Pop und Kunst, um die Welt zu verändern, mit der Aufklärung im Rücken.
So verschroben, stinkig und sozial-autistisch Ted Kaczynski in seiner Waldhütte auch gewesen sein mag, aber diese Entwicklung hat er früh auf dem Radar gehabt.

Das ist auch das Faszinierende an Kaczynski, dass er aussteigt als Unverstandener …
Ja, zunächst ohne was zu wollen. Er hat für sich etwas erkannt, zieht die Konsequenzen, steigt aus, ohne andere zu agitieren oder ihnen seinen Weg aufzuzwingen. Und dann kommt eine merkwürdige Wende. Irgendwann will er auf einmal Öffentlichkeit haben und als Autor anerkannt werden.
Das ist ein blinder Fleck in der Geschichte des „Una­bombers“ wie meines Films, den ich nicht klären konnte. Wieso wird er auf einmal eitel und will in die Zeitung? Das passt nicht so richtig zusammen. Das zu klären wäre aber wieder eine ganz andere Geschichte geworden, deshalb bin ich diesem Widerspruch nicht weiter nachgegangen.
Ich hab mich also darauf beschränkt, ihn als Figur und seine grundsätzliche Haltung einzubringen, als eine Art Gegenpart zu den anderen Protagonisten im Film, die Beschleuniger und Apostel der Moderne sind. Die sind ja keine seltsamen Gesellen, die irgendwo am Rande agieren und seltsame Clubs bilden, wie etwa John Brockman mit seiner „edge“-Plattform, sondern sind sehr wohl in den normbildenden Bereichen Tätige mit großem Einfluss.

In der DDR waren Sie selbst einer der „Eigensinnigen“ …
Wenn man die DDR ins Spiel bringen will: Es ist eher diese generelle Skepsis, die man sich erworben hat, und die ist natürlich sowohl nach rechts wie nach links sowie gegen jegliches Heilsversprechen gerichtet.

Das zeigt der Film. Er verweist auf Strukturen, die auf absurde bis erschreckende Weise widersprüchlich in sich sind – etwa die Idee der Programmierung eines idealen, gegen faschistoide Ideen immunen Menschen …
Ja, man kann auch als Anti-Totalitärer totalitär sein. Das ist etwas Erschreckendes. Es gibt etwas, das in einem drin sein kann, „wider Wissen, wider Bewusstsein, wider Willen“. Jetzt gibt es ja einen Film über die Kinder der Otto Mühl-Kommune: Die mussten damals unter dem „Lagerleiter“ Mühl, einem Lehrer, nochmal den Schrecken, den die Eltern verursacht haben, durchleben.
Die Kommunemitglieder mussten nochmal Lager spielen, aber sie dürfen das natürlich nicht mehr als Nazis machen, sondern als Linke, als Antifaschisten. Und das ergibt so eine ganz verwirrende, verquere Melange. Die zu bemerken und auch so vorzuzeigen, diese Freiheit und Sicherheit gibt mir die eigene Diktaturerfahrung, klar.

Gerade die „Befreiung“ in der Kunst seit den Sechzigerjahren im Westen bekommt im Zusammenhang des Filmes einen ganz anderen Beigeschmack, nämlich den einer Instrumentalisierung.
Es geht um den falschen Ton dabei. Ich bin ja künstlerisch sozialisiert mit der Theorie und Praxis der Entgrenzung, ich habe das auch alles praktiziert und geliebt, mit der Hoffnung, dass etwas ganz Tolles passiert: bei den Mediencollagen oder Performances etwa. Aber es ging immer um eine gewisse Stimmigkeit oder Wahrheit.
Gerade da, wo die Propagierung des offenen Systems einen falschen Ton hat, empfinde ich den umso mehr als Misston.

das netzIn der Medientheorie wurden schon öfter die Alarmglocken wegen der möglichen Auswirkungen der Technologie auf die Menschheit geschlagen. Macht Unwissenheit doch Angst, wie Robert Taylor im Film betont?
Diese Warnungen und frühen Analysen nehmen vieles vorweg, was wir aktuell an Unwohlsein empfinden. Interessant ist, warum es trotzdem weitergeht und niemand darauf hört. Welche Pragmatik ist stärker, die sich über diese philosophischen, medienkritischen und naiv-lebenspraktischen Ana­­lysen hinwegsetzt? ­ — Das ist zum Teil einer Mü­digkeit durch den täglichen Kräfteverschleiß im Moderne-Alltag geschuldet, und den im allgemeinen Unterbewussten abgespeicherten Fallbeispielen aus der Geschichte, bei denen Widerstand eh zu nix geführt hat.
Das ergibt so eine komische und fatalistische Alltagspragmatik, kombiniert mit der Hoffnung, dass es schon gut gehen wird. Das war ja bei den Macy-Konferenzen nicht anders. Die hatten Gödels Satz auf dem Tisch liegen, der nachweist, dass es in jedem formal-logischen System Probleme gibt, die nicht lösbar und entscheidbar sind, und mussten sich fragen: „Hat das für uns Konsequenzen, wenn wir die Systeme, an denen wir arbeiten, jetzt noch größer denken, ins Unendliche wachsen lassen?“ Und dann war es halt wie bei allen Kaffeefahrten: „Gestern hat es nicht geknallt, dann machen wir einfach weiter, wird schon gut gehen.“

Eine Frage noch, die Sie selbst im Film oft stellen: Wo führt das alles hin?
Sie meinen, darüber nachzudenken? Es führt zu nichts Konkretem, das muss man leider sagen. Das Einzige, was ich sagen könnte, ist, dass ich das Gefühl habe, ich mache diesen Flow nicht schneller. Vielleicht kommt mal jemand wie Sie, der mir das Gegenteil nachweist, schwarz auf weiß. So, jetzt schieße ich aber los – Bahnsteig 17!

Interview: dz
Fotos: © Lutz Dammbeck

Kommentare

Das Netz legal online schauen

Danke für das spannende Interview. Hier kann man den Film legal im Netz schauen (kostet, aber immerhin kriegt Dammbeck seinen Anteil der Einnahmen):

http://www.realeyz.tv/de/lutz-dammbeck-das-netz_cont118.html

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