„Das Schöne zeigt die kleinste Dauer“

An dieser Stelle fühle ich mich bemüßigt, von meiner Beziehung zu F. zu erzählen.
Zum ersten Mal begegneten wir uns auf der Strudelhofstiege. Als Stiege überbrückt diese faktisch gesehen den Niveau-Unterschied zwischen Strudelhofgasse und Liechtensteinstraße. Sie besitzt jedoch, im Gegensatz zur Thurnstiege, die ganz in der Nähe eine ähnliche Funktion erfüllt und mir ebenso dienlich ist, einen geradezu liebreizenden Charakter, vor allem an frühen Frühlings- und späten Sommertagen. Dies mag der Grund gewesen sein, dass ich mich an einem solchen Nachmittag anschickte, die berühmten Stufen hinunterzuhopsen. An diesem Tag begegnete ich F.

Schon von weitem, also von oben, hatte F. meine Aufmerksamkeit erregt. Zuerst, weil er einfach da war, dann, weil ich bemerkte, dass er, soweit man das bereits beurteilen konnte, einen durchaus ansehnlichen Eindruck machte. Aber dann noch wegen etwas anderem, etwas Seltenerem.
F. ging nämlich auf eine gewisse Art unbedeutend langsamer als die meisten das wohl in ähnlicher Situation tun würden. Nein, eher setzte er seine Schritte wie verschleppte Noten in einem Musikstück, was diesem Gang etwas außergewöhnlich Sinnliches verlieh. Ich verliebte mich und unser Verhältnis dauerte in etwa fünf tiefe Atemzüge lang.
Während der beiden ersten stellte ich fest, dass F. und ich wahnsinnig viel gemeinsam haben – große Gedanken zu großen Fragen und die Kleinigkeiten, die unsere Beziehung so besonders machen würden. Beim dritten, F. hatte nun auch mich bemerkt, war mir längst klar, dass wir wunderschöne Kinder haben würden, ein Haus am Strand mit bunten Zimmern, in all denen wir, das bewies sein Blick in Atemzug Nummer vier, großartigen Sex haben würden. Als wir aneinander vorbeigingen, auf Höhe des Wasserspeiers, hielt ich für einen Moment die Luft an.
Beim fünften Einatmen begannen wir leider, uns irgendwie auseinanderzu­­­leben und trennten uns letztendlich im Guten.
Ich frage mich manchmal, ob ich den Fremden hätte ansprechen sollen, aber dann finde ich, es ist auch so eine ansehnliche Liebesgeschichte.

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