Das verlorene Paradies

Mit viel Gespür für die filmische Ausdruckskraft zeigt der französische Regisseur Olivier Assayas in seinem Film „L´Heure d’été“ (F 2008, dt. Titel: „Sommerzeit“) das Porträt einer Familie am Wendepunkt: Der Tod der Mutter zwingt die Zurückgebliebenen sich mit der eigenen Familiengeschichte auseinanderzusetzen. Dem gegenüber stehen die Anforderungen einer globalisierten (Arbeits-)Welt …

Jérémie (Jérémie Rénier) lebt mit Frau und Kindern in China, der Job in der Schuhproduktion mit aussichtsreichen Karrierechancen verlangt Mobilität und Flexibilität. Die Schwester Adrienne (Juliett Binoche) arbeitet als Designerin in New York. Einzig der Älteste der drei Geschwister, der Ökonom Frédéric (Charles Berling), blieb mit seinen Kindern und seiner Frau in Frankreich. Verbindendes Element der geschwisterlichen Beziehungen ist das französische Landhaus des vor 30 Jahren verstorbenen Onkels, ein Maler der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, außerdem leidenschaftlicher Kunstsammler und heimlicher Geliebter ihrer Mutter, Héléne Berthier (Edith Scob).

Mit liebevoller Akribie verwaltet diese den Nachlass des Maleronkels, führt Listen über den Wert angekaufter Kunstgegenstände und kümmert sich um das öffentliche Ansehen des Künstlers Paul Berthier. Selbst die Bruchstücke der in Kindheitstagen von Frédéric zerstörten Degas-Figur werden im Plastiksack sorgsam aufbewahrt.

Die seltenen Sommerfeste bringen bei versammelten drei Generationen – Mutter, drei erwachsene Kinder und zahlreiche Enkelkinder – Leben in das wunderschön veraltete Landhaus mit überwucherndem, ausuferndem Garten. Dem gegenüber stehen einsame Abende, die die Mutter in morbiden Grübeleien darüber verbringt, was wohl mit all den wertvollen Antiquitäten nach ihrem Ableben passieren wird. Sie will keinesfalls, dass die Kunstgegenstände eine Last für ihre Kinder sind. Andererseits ist ihr bewusst, dass ein Verkauf des Anwesens samt den Wertgegenständen gleichzeitig einen Verlust an unersetzlichen Teilen der Familiengeschichte bedeuten würde: „Vieles wird verschwunden sein mit mir“, meint sie im Halbdunkel des Raumes sitzend zu ihrer Hausdame Èloise in einer eindrücklichen Szene des Films, „Erinnerungen, Geheimnisse, Geschichten – die keinen interessieren.“ Vorsorglich wird der älteste Sohn in die Nachlassverwaltung eingeführt, erfährt wider seinen Willen, wie viel Schrank und Schreibtisch Wert sind und welche Museen die Malereien und Skizzenbücher gerne in ihrer Sammlung hätten.

Die Last des Erbes
Als Héléne Monate später tatsächlich stirbt, sitzt der Schock tief. Es beginnt eine Auseinandersetzung mit dem Erbe, die sich angesichts unterschiedlicher Lebensweisen und daran geknüpfter Bedürfnisse als schwierig gestaltet. Jedes der Geschwister hat ein anderes Verhältnis zur eigenen, familiären Vergangenheit, hat andere Auffassungen darüber, was Familie bedeutet. Frédéric erkennt, dass mit dem Verkauf des Hauses ein Teil der familiären Wurzeln abgeschnitten wird. Er wollte das Haus und Paul Berthiers Kunstwerke irgendwann an seine Kinder weitervererben, sie so zu einem Teil der zukünftigen Familiengeschichte werden lassen. Jérémie interessiert sich dagegen kaum für Fragen des Aufbewahrens, er braucht dringend Geld für seine berufliche Expansion in China. Und Adrienne hängt zwar an ganz bestimmten Objekten im Haus, die sie auch für sich beansprucht, steht aber ansonsten einem Hausverkauf alles andere als im Wege.

Was keiner der drei bedenkt, ist, jene Generation in die Diskussion miteinzubeziehen, die ebenfalls von der getroffenen Entscheidung eines etwaigen Landhausverkaufes betroffen ist: ihre Kinder. Selbst Héléne spricht ihren Enkelkindern ein Interesse an der Fortführung des Erbes ab. Die Generation der Enkelkinder wird in ihrer Gleichgültigkeit familiären Belangen gegenüber durchaus unterschätzt, wie Assayas anhand der Tochter Frédérics, Sylvie, zeigt: Sie erkennt als Einzige, dass die Geschichten rund um das Haus und die Werke Paul Berthiers eine Verbindung schaffen, die die Familie zusammenhält. Mit dem Landhaus und dem Verkauf der Kunstwerke gewinnt die Familie zwar Geld, verliert aber damit gerade jenen wichtigen Teil, der die Geschwister und deren Kinder miteinander verbindet.

Das Bewahren der Familiengeschichte, so wie Héléne Berthier in liebevoller Sorgsamkeit die Geschichten Paul Berthiers aufbewahrte und weiterführte, verliert für ihre Kinder an Wichtigkeit. Olivier Assayas sieht dies durchaus als Problem unserer Zeit an: „Die Logik der Wirtschaft ist stärker als der familiäre Zusammenhang – überall. Was wir als essenziell ansehen, unser Verhältnis zur Geschichte, zur Kunst, zu dem, wo wir herkommen, das verlieren wir aufgrund dieser wirtschaftlichen Macht, die dem genau entgegenläuft.“ Vor allem eine stärker werdende Individualisierung führt dazu, eher eigenen Interessen zu folgen, als Verantwortung über so etwas wie Familiengeschichte(n) zu übernehmen. Familie als verbindender Ort geht verloren.

Kunststücke im Museum als Tiere im Zoo
Im Film äußert sich dieser Verlust durch die endgültige Entscheidung zum Verkauf des Landhauses, samt dessen Kunstgegenstände. Gerade die Kunstobjekte und Werke des Malers Paul Berthier zeigt Olivier Assayas als wichtiges Familiengut, das sich längst in die Familiengeschichte eingeschrieben hat: Die Motive seiner Bilder sind eng mit dem Landhaus und dessen wunderschönem Garten verbunden. So lebt Paul Berthier in jenen Geschichten rund um seine Bilder, die bei Familienzusammenkünften erzählt werden, weiter. Was jedoch passiert, wenn die Werke dem familiären Kontext entrissen werden? Was, wenn die eigentlich äußerst kunst- und wertvolle Vase nicht mehr wie üblich am Wohnzimmertisch mit frisch gepflückten Blumen darin steht, sondern sich, zweckentfremdet als Ausstellungsobjekt, im Museum hinter Sicherheitsglas wiederfindet? Was, wenn die oben erwähnte zerbrochene Degas-Figur von professionellen Bildhauern wieder zusammengefügt und im Museum ausgestellt wird? Im musealen Kontext bleibt das Objekt steril, die zahlreichen (Gebrauchs-)Geschichten im alltäglichen Umgang mit dem Objekt verlieren ihre Wertigkeit. Die Vase im Museum reiht sich ein in eine Design- und Kunstgeschichte an unterschiedlich geformten Vasen. Sie verliert jedoch mit ihrer Funktion als Gebrauchsgegenstand auch ihre „Lebendigkeit“. Olivier Assayas dazu: „Ich wollte herausfinden, was mit einer Kunst geschieht, die von einem Menschen und seinem Umfeld ausgeht und am Ende in einem Käfig endet, wo sie ihr spezifisches Leben verloren hat. Sie wird zu einem Teil Kunstgeschichte.“

„L’Heure d’été“ ist ein Film über den Bedeutungswandel von Dingen und Beziehungen innerhalb einer Familie. Die unprätentiöse und ruhige filmische Umsetzung kann dabei als Statement gegen einen allzu schnell vor sich gehenden Wandel in Zeiten der Globalisierung gesehen werden. Die formale Darstellung greift dabei den Inhalt des Films auf. Kino in seiner schönsten Form.

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