Das Verstummen

© Myriam ParthFolge 153

Wir setzen das Endzeit-Drama vom Untergang der Menschheit fort und begleiten Ruth weiter auf dem Weg, der sie die letzte ihrer Art werden lassen wird.

Noch immer war die Quelle der Strahlung nicht lokalisiert worden, doch man hatte die Strahlung selbst in den entlegensten Winkeln der Welt bereits gemessen. Bevor alles aus dem Ruder zu laufen begann, hatte die NASA noch eine Messung im Weltraum vorgenommen und auch dort war annähernd die gleiche Intensität festgesellt worden, wie an jedem Ort auf der Erdoberfläche.

An der Wirkung aber gab es keinen Zweifel mehr. Als noch alles in geordneten Bahnen lief, als es noch Hoffnung gab, waren Studien über Studien durchgeführt worden, die alle zu dem gleichen Ergebnis geführt hatten: Die Menschen waren unfruchtbar geworden. Man hatte es nicht glauben wollen, hatte auf ein Abklingen der Strahlung gewartet und gehofft, dass sich der Prozess dann wieder umkehren würde, doch diese Zeiten waren vorbei. Die Strahlung war geblieben und man wusste mittlerweile, dass auch ihr Abklingen die Menschheit nicht mehr retten könnte. Ruth schlich vorsichtig weiter durch die Gasse, die nur noch von Brandruinen und zerstörten Gebäuden gesäumt war, auf denen bereits wieder üppiges Grün wucherte. Man musste aufpassen. Jedem Menschen, den sie von weitem erblickte, wich sie so weitläufig wie möglich aus, doch es waren nicht mehr viele, die sie zu Gesicht bekam. Schon seit langem hatte sie keinen direkten Kontakt mehr zu anderen Menschen und das war auch gut so. Man konnte niemandem mehr trauen. Es stank fürchterlich. Die Kanalisation war schon seit langer Zeit nicht mehr funktionstüchtig und zerfressene und vermoderte Leichen lagen überall herum. Sie erinnerte sich an die Zeiten, als man versucht hatte, mit der erschreckenden Wahrheit, dass man der letzten Generation des menschlichen Geschlechtes angehörte, umzugehen. Es waren Pläne ausgearbeitet worden, „Exit-Szenarien“, die darin bestanden, einen menschenwürdigen Zustand so lange wie möglich aufrecht zu erhalten und für die letzten verbliebenen Individuen eine Art automatisierte Pflegeheime einzurichten, die auch ihnen noch einen würdigen Lebensabend verschaffen sollten. Doch bald waren immer weniger Menschen bereit, sich noch für andere einzusetzen. Die Frage nach dem Ursprung des ethischen Handelns schien nun erstaunlich leicht zu beantworten, doch niemand interessierte sich mehr dafür. Denn der Schaffensdrang und die Kraft, die die Menschen angetrieben hatte, Bleibendes zu erschaffen, war erloschen, da es ja nun nichts Bleibendes mehr geben konnte. In der Anfangsphase hatten sich viele an Projekten beteiligt, die darauf abgezielt hatten, das Wissen und die kulturellen Errungenschaften der Menschheit zu dokumentieren und zu konservieren, doch bald fehlte dazu jeglicher Antrieb. Die Menschheit stürzte sich in Orgien und Gewaltexzesse und die öffentliche Ordnung war erstaunlich schnell zusammengebrochen. Niemand wollte mehr Opfer bringen, da nur noch das eigene Erleben einen Wert zu haben schien. Es stellte sich auch bald heraus, dass die Religionen, die zu Beginn der Katastrophe einen enormen Zustrom erlebt hatten, keine Antworten bieten konnten und am Ende nur noch den kollektiven Selbstmord propagierten. Längst waren aber alle organisierten Gruppierungen verschwunden, denn jegliche Möglichkeiten, Informationen über grössere Distanzen als die Rufweite auszutauschen, waren längst zerstört. Als es noch Möglichkeiten gab, am Weltgeschehen teilzuhaben, hörte man von Wissenschaftlern, die daran arbeiteten, Menschen zu klonen und so den Fortbestand der Art zu sichern. Der Enthusiasmus, den solche Vorstellungen zunächst ausgelöst hatten, war jedoch bald versiegt. Als es noch eine öffentliche Meinung gab, war diese schnell dahingehend umgeschwenkt, dass dies, selbst wenn es unerwarteter Weise gelingen sollte, ohnehin jegliche Weiterentwicklung unmöglich machen würde. Doch sehr bald hörte man nichts mehr davon, auch weil bald die letzte Art der Berichterstattung zusammenbrachgebrochen war. Ruth erreichte das Versteck, in dem sie sich vor der Willkür und der Gewaltbereitschaft ihrer verbliebenen Artgenossen verbarg. Sie war die ganze Zeit über ruhig geblieben, hatte den allgemeinen Verfall still und ohne große Überraschung verfolgt. Nur das Ausmaß der Gewalt hatte sie ein wenig erstaunt. Sie hatte von ihrem gefährlichen Streifzug auch diesmal nichts Essbares mitgebracht, doch sie war den Hunger bereits gewöhnt. Für sie hatte sich wenig verändert, nur die Lebensumstände waren härter geworden und man musste beständig auf der Hut vor den Mitmenschen sein. Sie fand Gefallen daran, zu beobachten, wie die Natur die ehemals menschlichen Lebensräume zurückeroberte und sie musste lächeln, als sie daran dachte, wie sich alle Probleme und angeblichen Bedrohungen für den Planeten, wie sie in der Zeit vor der Katastrophe wahrgenommen worden waren, nun gleichsam von selbst gelöst hatten. Doch um den Planeten war es ohnehin nie gegangen. Eine diffuse Vorstellung von einer Zukunft der Menschheit und die damit verbundene Möglichkeit, in dieser in irgendeiner Form fortzubestehen, hatte sie nie sonderlich bewegt. Doch darin schien sie sich von der Mehrzahl ihrer Mitmenschen zu unterscheiden, wie sich nun drastisch gezeigt hatte. Wie entscheidend dieses Kriterium sich auch für jene entpuppte, die vorgaben sich ohnehin an einem sogenannten Jenseits zu orientieren, hatte sie wiederum wenig verwundert. Ruth war zufrieden und beinahe glücklich.

Wie wird das Drama weitergehen. Wird Ruth bemerken, dass sie die letzte ihrer Art sein wird? Wird die Welt verstummen, oder werden ganz neue Töne zu hören sein, wenn die Menschheit für immer von diesem Planeten verschwinden wird? Oder wird der Autor doch noch zur Vernunft kommen und von einer Fortsetzung dieses haarsträubenden Unsinns absehen?

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