Das Wandern – nicht nur des Müllers Lust

WandernWarum Wandern in unserer Zeit ein heilsames Vergnügen sein kann, sofern man es schafft, den Leistungs­anspruchs­gedanken nicht in luftige Höhen mitzuschleppen …

Wer kennt es nicht, das Volkslied, wonach der Müller (als Stellvertreter aller Handwerker) schlecht ist, wenn ihm „niemals fiel das Wandern ein“? Das Loblied auf die Mobilität (denn damals war man wenn, dann zu Fuß unterwegs) steht in engem Zusammenhang mit der erwünschten Kompetenzerweiterung, die sich der Geselle in der Regel „auf der Walz“, also während seiner „Lehr- und Wanderjahre“ aneignete.

Doch auch abseits dieser hier gesanglich eingeforderten Qualitätssicherung durch Kenntnisvielfalt wird im alten Liedgut das Wandern um seiner selbst Willen gelobt.
In unseren Tagen schreiben ferner viele bekannte Autoren ihre Wander- und Pilgererfahrungen auf, man denke nur an den allmählich wieder aus den Bestsellerlisten verschwindenden Paulo Coelho („Auf dem Jakobsweg“) oder Hape Kerkelings „Ich bin dann mal weg“. Doch nicht diese mitunter launischen Werke sollen im Zentrum stehen – sondern verallgemeinerbare Wandererfahrungen – die Frage lautet: worin besteht das Heil der Bewegung in freier Natur?

Der Körper wird gefordert …

Nun, das Wandern hat unbestritten positive körperliche Effekte – sofern man nicht gerade der Spezies angehört, die mit der Gondelbahn den Berg hinauffährt und dann die Knie belastend über 1000 Höhenmeter hinabtrabt. Wenn man (Berg- oder Genuss-)Wandern aber mit etwas Kenntnis der eigenen Belastungsgrenzen betreibt und immer knapp unter dem Limit verbleibt, dann kann diese gleichförmige Bewegung eigentlich nur gut tun. Und letztlich hängt es nur von der Mentalität des jeweiligen Wanderers ab, wie hoch er hinauf muss („In eisige Höhen“ gar?), um Glück bei dieser Form von Ausdauersport zu empfinden. Und wie bei jeder Form von beständiger Körperanstrengung wächst mit jeder zusätzlichen Minute des Tuns der Stolz über die eigenen Fähigkeiten, die wundersame Freude „was ich nicht alles kann“ stellt sich ein.

Der (schönste) Weg ist das Ziel …

Wer sich eher an anstrengende Wandererlebnisse erinnert, der hat sich wohl etwas zu viel herausgefordert. Doch auch demjenigen können positive Erinnerungen kommen, wenn er an die gegangenen Touren denkt: links und rechts der Laufstrecke liegen oftmals bezaubernde Landschaften. Und diese genießt man schon immer – sozusagen en passant – mit. Denn ganz anders als bei so vielen Prozessen, die wir im Alltag passiv beobachten können oder aktiv vollziehen müssen, zählt beim Wandern nicht nur das Endziel.
Der Weg ist das Ziel – nicht der schnellste und steilste Zugang zum Gipfel oder zur Aussichtswarte zählt, sondern der schönste Weg wird oftmals gewählt. Und diese inzwischen selten gewordene Erfahrung erfreut: Nicht erst beim Erreichen von etwas, sondern bereits beim Vollziehen das Gefühl zu haben: „es hat sich gelohnt“.

WandernIn guter Gesellschaft …

Wandern kann zudem ein soziales Vergnügen sein. Wer mit Freunden wandert, profitiert oftmals von kom­pe­ten­ten Kartenlesern und (impliziten) Motivatoren. Und er führt wohl auch das eine oder andere gute Gespräch – über „Gott und die Welt“. Die Gespräche (die beim alleinigen Wandern in mannig­faltigen Gedanken­strömen gleicher­maßen auf­treten) haben in freier Natur, in erhabenen Höhen, zumeist eine tiefere Qualität.
Wer sich durch körperliche Anstrengung über die Alltagsräume hinweg begibt, der lässt die kleinen Fragen oft gleichermaßen zurück und stellt sich den großen. Nicht von ungefähr waren große Sinnsucher wie der Philosoph Friedrich Nietzsche oder der die Logotherapie begründende Psychoanalytiker Victor E. Frankl begeisterte Wanderer. Beide lobten den zentrierenden und klärenden Effekt, der sich beim wandernden (Selbst- und Welt-)Überwinden einstellt.

Unverfügbarkeiten erkennen …

Und beide Denker hätten ein Weiteres am Wandern gleichermaßen zu schätzen gewusst: angesichts des schlechthin Großen (vgl. Schillers „Ausführungen zum Pathetischen“) der Natur, seien es nun Höhen oder auch die unverfügbare Witterung, spürt der Mensch erst wieder seine nur relative Größe: nämlich seine Kleinheit.
Dadurch wird auch der Alltag mit beeinflusst: genauso wenig wie ich am Berg alles kann, geschweige denn können muss (denn hier wäre Selbstüberforderung nicht nur gefährlich, sondern gar lebensbedrohend) – genauso wenig muss ich in den Vollzügen des Alltags alles zu erreichen trachten. Hier kann uns das Wandern ein Mikrokosmos des Lebens sein.
Wir können lernen, auch im übertragenen Sinne Blumen am Wegesrand zu schätzen, eigene Kräfte zu erkennen und notfalls umzukehren, anstatt ins Verderben zu laufen.

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