David Kleinl zwischen Charmant Rouge und Tanz Baby!

Charmant Rouge, © Elisabeth Handl

David Kleinl ist vielen als Sänger des Neo-Schlager-Duos Tanz Baby! ein Begriff. Weniger bekannt ist seine hundsgemeine Art-Noise-Combo Charmant Rouge.

Eisenstadt 1993. Der 15-jährige David Kleinl beginnt im Freundeskreis (mit Robert „Pinzo“ Pinzolits und Thomas „Kantine“ Pronai, mit denen er noch heute in Charmant Rouge ist) mit Grunge zu experimentieren. Wie für die meisten Bands dieser Zeit sind Nirvana auch für sie zunächst stilprägend. Beeindruckt hat die Teenager dabei in erster Linie die Punk-Attitude: Musik machen, ohne es notwendigerweise zu können. Sie spielen sporadisch Konzerte und überschätzen sich nach eigenen Angaben maßlos, aber ein Anfang ist gemacht.

1995 kommt David während seiner Schulzeit (Film-Foto-Video-Schwerpunkt) in einem Schülerheim in Graz mit Metal und Hardcore in Berührung, und – noch viel wichtiger – er sieht in diesem Jahr Bands wie die Melvins, Fuckhead oder Schlauch live: „Ich habe auch eines der letzten Schlauch-Konzerte gefilmt. Das war 1996 in Schwertberg. Garfild Trummer hat mit selbstgebautem Schlagwerk gespielt, in trashigen Videos haben sie Supermarkthendln gefickt, es gab ein Fondue mit Hühnerleber und hinter einer Plastikwand haben sie Lärm gemacht.“ Das Aufbrechen der tradierten Rockformate, die im Grunde auch im Punk relativ unhinterfragt übernommen wurden, fasziniert ihn: Das Format Band wird gesprengt (Fuckhead) und auch der Konzertraum wird neu definiert  (Schlauch). Diese beiden Bands sollten auch für Charmant Rouge wegweisend sein.
Die Musik von Charmant Rouge entsteht während der Proben. Es hat also niemand zuhause die Lieder vorbereitet, sondern alle Ideen entstehen gemeinsam. Im Kern geht es der Band um Intensität, eine Wall of Sound, eine instrumental eingesetzte Stimme und möglichst viele Spielräume für Improvisation. Gebrochen wurde das Ganze dann noch mal durch das Prinzip der maximalen Kontraste. Im Endeffekt geht es damit gar nicht so sehr um Musik, sondern um die Schaffung von Atmosphären. Um die Gleichzeitigkeit von Sanftmut und Zerstörung, das Bipolare. Kurz: Um alles UND nichts.
Das Jahr 1997 wird für Kleinl zum Grenzgang. Er will im Vorfeld zur Veröffentlichung des Charmant Rouge-Albums ein Spektakel auf die Beine stellen, das es in der Form in Österreich noch nicht gegeben hat. Er mietet die Cselley-Mühle für zwei Tage, um dort ein audio-visuelles Gesamtkunstwerk zu zelebrieren, das für einen 19-Jährigen exorbitant dimensioniert ist: Er läßt einen White Cube in den Großen Saal bauen, der das Publikum gänzlich umschließt. Er ist während des Konzerts mit Seilen schwebend im Raum montiert. Eine Lichtshow wird integriert und den White Cube bespielt er mit riesigen Projektionen von außen. Er denkt sich: „Warum gibt es in Linz die Ars Electronica und warum haben wir nur Mörbisch? Das Zitat Harlad Serafin: Mekka der Oparette? Wir zeigen euch jetzt was, da scheißt ihr euch an. Wir waren jung und renitent, rebellisch und hochmotiviert.“ Im selben Monat hat er Matura und am Ende hat er einen stattlichen Schuldenberg. Er hatte sich mit einer „Produzentin“ zusammengetan, die sich um diverse Fördergelder bemühen wollte, aber schlußendlich nur einen Bruchteil der versprochenen Summe aufstellen konnte. Medial aufgegriffen wurde das Spektakel kaum.
Nach dem Event herrschte Katerstimmung. Charmant Rouge wenden  sich eher „weicherer“ Musik zu: Eno, Faust, Cluster, Roedelius. Sie stellen feinere elektronische Experimente an und mixen Plattenknistern, Vogelgesang oder auch Lärm zu langen improvisierten Collagen. Insgeheim hatten Kleinl und Pronai schon damals Lust auf Schlager, doch die Idee wurde vorerst nicht umgesetzt. Geheißen hätte das ganze Blue Curaceau (ja, so wie das Getränk!). Von 2000 bis 2005 macht Kleinl selbst aber eigentlich kaum Musik, sondern in erster Linie die Visuals für Mimi Secue.
In den Jahren nach „dem Dämpfer“ sind Charmant Rouge in Sachen Booking für die Cselley-Mühle sehr beschäftigt bzw. abgelenkt. Sie holen sich einige ihrer Vorbilder in die burgenländische Pampa, behindern sich aber dadurch selbst in ihrem Vorankommen als Band. Kleinl zieht sich bei Charmant Rouge zurück und kümmert sich nur noch um die Visuals. 2001 macht er ein Auslandsjahr in Karlsruhe. Die übrigen Mitglieder erweitern den Namen um den Artikel und machen in den folgenden Jahren als Le Charmant Rouge zwei Alben, die weniger düster sind und eher in die Richtung Krautrock gehen.
2006 wünscht sich Robert Schneider, einer der beiden Gründerväter der Cselley-Mühle zum 30-jährigen Jubiläumsfest der Mühle ein Konzert von Charmant Rouge. Bei Le Charmant Rouge war zu dem Zeitpunkt bereits die Luft raus, Tanz Baby! hatten sich gerade eben formiert, aber dennoch haben alle Lust, das Noise-Rock Monster der Frühphase, bereits 1996 aufgenommen, aber nie veröffentlicht, noch einmal aufleben zu lassen. Es ist ein sehr gutes Konzert und plötzlich sind sich alle einig: jetzt oder nie – die Platte muß raus!
Faith no More sind insofern wichtig, um David Kleinls musikalischen Werdegang nachzuzeichnen, als der Frontman Mike Patton  mit seinem Nebenprojekt Mr. Bungle ebenfalls eine sehr schizophrene Position im Bezug auf seine etablierte Künstlerfigur einnimmt. Zudem hat er das musikalische Hardlinertum im Grunde schon in der frühen Jugend hinter sich gebracht. Von Nirvana über Fuckhead („haben mir Augen und Ohren geöffnet – das ist keine Band, sondern ein Apparat. Sie sind intensiv, hart und abstrakt und dabei höchst professionell: großes Theater. Das war auch die Motivation für die Verpackung von Charmant Rouge: Schwarzer Anzug und Strupfmaske – Fuckhead hatten nur schwarzes Gaffertape um die Genitalien.“) und John Zorn ist der Weg in diese Richtung dann irgendwann zu Ende. In einem plötzlichen Faible für glatte Chartmusik lebt er paradoxerweise seine eigene Audio-Revoltion.
Ein weiterer Schritt in Richtung Schlager war der Einfluß von Der Scheitel, in dem die heutigen Musikjournalisten Karl Fluch, Christian Fuchs und Fritz Ostermayer zum Beispiel Christian Anders und Roy Black coverten. Helden ließen sie vom Sänger der Bambis einsingen.
Erst 2003 lernt sich das spätere Duo Tanz Baby! kennen. Die damaligen Freundinnen sind Schwestern. 2005 präsentiert ihm Kristian „Mu“ Musser den ersten Song auf einer alten Heimorgel und bald ist klar, daß die Zeit reif ist für Indie-Schlager. Tanz Baby! bekommen 2006 den Musikfonds zugesprochen und veröffentlichen 2008 ihr Debut: Liebe.
Bevor das Zweitlingswerk von Tanz Baby! demnächst erschien, wurde 2010 endlich Dark Water von Charmant Rouge veröffentlicht. Dazu wurde das gesamte Material noch einmal neu eingespielt, und wenn er oben davon gesprochen hat, daß sich die Leute „anscheißen“ würden, beim Kontakt mit dieser Platte, die so unglaubliche Geburtskomplikationen (1996–2010) hinnehmen mußte, dann ist das keineswegs übertrieben: Das Album ist ein hundsgemeines Viech. Eine Industrial-Doom-Postrock-Bestie. Ohne Worte. Aber mit markdurchdringendem Geschrei und knochigen Gitarrenriffs von Thomas „Kantine“ Pronai.
Dark Water fühlt sich an wie eine Mischung aus Slint und Aphex Twin, klingt aber doch ganz anders. Ich hatte das große Glück, die Band bei einem ihrer wenigen Konzerte erleben zu dürfen. Das Album höre ich mir immer wieder „gern“ an. Jedenfalls tu ich es. Weil ich irgendwie muß. Aber es ist wirklich ein bisserl zum Fürchten. Man merkt schon, daß ich mir schwer tu, das zu beschreiben. Aber wie schon oben festgestellt: Es geht gar nicht so sehr um die Musik, sondern um die sonderbare Stimmung, die heraufbeschworen wird. Hätte sich das Album besser verkauft, wäre die Selbstmordrate in Österreich definitiv gestiegen. Oder auch drastisch gesunken. Ja, vielleicht ist es das: ein Album statt Selbstmord.

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