Der alte Müll und das Meer

PlastikFünf verknüpfte Geschichten über Plastik, Menschen, Innovationen, schlechte Gewissen und schwimmende Inseln.

So unendlich mögen die Weltmeere zunächst wirken, dass der Eindruck entsteht, sie seien unerschöpflich in ihrem Reichtum und unbegrenzt in ihrer Aufnahmefähigkeit. Lange Zeit war dies auch der Fall: Die Fischerei beschränkte sich im Großen und Ganzen auf einige Küstenstriche und konnte der Fülle an Meeresgetier kaum schaden. Ging einmal wo ein Schiff zugrunde, so bestand es zum Großteil aus verrottendem Material und war durch Wellen und Salzwasser bald verschwunden oder verfaulte harmlos am Meeresgrund. Spätestens aber mit der Entdeckung des Erdöls und seinen vielseitigen Einsatzgebieten hat das Meer seine Unerschöpflichkeit verloren.


Moderne Hochseefischerei hat den tierischen Reichtum geplündert, verlorene, lang haltbare Nylonnetze machen den Meeresbewohnern ebenso das Leben schwer wie über Bord gegangener oder günstig entsorgter und von Flüssen weitergetragener Plastikmüll. Lokale Katastrophen wie explodierende Ölbohrinseln und gesunkene Tanker brauchen wir da im Vergleich zu dieser schleichenden weltweiten Vernichtung gar nicht zu Sprache bringen. Langsam beginnen aber auch Menschen diese Vorgänge zu bemerken und sich Gedanken zu machen.

Spiral Island

1998 kam Richart (oder Rishi) Sowa, ein ehemaliger Zimmermann aus England, nach Cancun in Mexiko und schlug sich dort zunächst durch, indem er Plastikflaschen am Strand aufsammelte und das Pfand einlöste. Nach einiger Zeit hatte er aber einen Einfall, wie er die Flaschen wesentlich besser nutzen könnte. Er füllte sie in alte Fischernetze, band diese zu Bündeln zusammen und errichtete auf diesen ein Floß aus Bambus und Sperrholz, welches er mit Sand aufschüttete und mit Mangroven bepflanzte. Spiral Island I entstand. Bis 2005 wuchs und gedieh die künstliche Insel, deren Expansion einem Spiralkonzept folgte – daher der Name. Sowa baute Obst und Gemüse an, entwickelte eine selbstkompostierende Toilette, einen Solarofen, hatte ein zweistöckiges Haus, drei Strände und lebte mit seinen Haustieren glücklich und zufrieden auf seiner Insel. Zuletzt wurde Spiral Island I von 300.000 Plastikflaschen getragen und hatte bis zu sieben Meter hohe Mangrovenbäume. 2005 wurde das kleine Paradies – nachdem es bereits zwei Wirbelstürme überlebt hatte – vom Hurrikan Emily hinweggefegt.
PlastikSowa gab aber nicht auf und bereits zwei Jahre später wurde mit Spiral Island II begonnen, das seit 2008 voll in Betrieb ist, in einer wettergeschützten Bucht vor Anker liegt und auch für Besucher offen ist. (Sollte jemand aus der geschätzten Leserschaft auf der nächsten Mexiko-Rundreise einen Besuch wagen, würde sich die Baggerredaktion über eine Ansichtskarte sehr freuen!)
Inzwischen gibt es einige Nachbau-Initiativen – beispielsweise Center Island auf Koh Tao in Thailand, wo eine Gruppe von regelmäßigen TauchurlauberInnen die Plastikflascheninsel-Idee mit einer in Jamaika entwickelten Technologie namens Biorock verbinden will, die es erlaubt, künstlich Korallenriffe zu züchten. Die Umsetzung scheiterte bisher an einer Genehmigung, da befürchtet wird, dass sich Stoffe aus den Plastikflaschen lösen und negativ auf die Fischbestände auswirken könnten. Nur eine Ausrede der Behörden, die sich nicht mit den rechtlichen Folgefragestellungen von künstlichen Inseln auseinandersetzen wollen? Jedenfalls passieren diese Zerfallsprozesse vor allem unter Einfluss von Sonnenlicht, und die Flaschen wären ja ohnehin unter der künstlichen Insel beschattet. Außerdem würden sie dem Konzept gemäß nach einiger Zeit vollkommen von Korallen überwuchert werden, welche den Fischreichtum eher fördern sollten.

The Great Pacific Garbage Patch

Abgesehen davon sind die Meere ohnehin längst voll von Plastik. Als Kapitän Charles J. Moore 1997 von einer Segelregatta von Hawaii zurückfuhr und zur Abwechslung den Weg über die ansonsten wegen häufiger Windstille wenig befahrenen Rossbreiten nahm, pflügte sein Schiff plötzlich durch Unerwartetes: Das Meer war, soweit das Auge reichte, übersät von Plastikteilchen in verschiedenster Form und Größe. Er hatte den Great Pacific Garbage Patch entdeckt.
Bereits 1988 war diese schwimmende Müllhalde von einem Ozeanografen vorausgesagt worden. Aufgrund von gewissen Meeresströmungen gibt es in den Weltmeeren fünf Regionen wo sich Treibgut sammelt und wo es bleibt, solange es nicht sinkt oder vollkommen aufgerieben und zerwaschen ist. Bei Kunststoff dauert das Jahrhunderte und auch dann ist er nicht einfach verschwunden, sondern bleibt der Welt in Molekülform auf alle Ewigkeit erhalten. Mit einer Fläche, die inzwischen schätzungsweise jene von Europa erreicht, ist der schwimmende Müllkontinent im Nord-Pazifik der größte. Da Kunststoff je nach Beschaffenheit nach gewisser Zeit zu sinken beginnt, betrifft dies nicht nur die Oberfläche, sondern alle Meeresschichten bis zum Grund.
PlastikNeben dem weit sichtbaren Müll beinhaltet das Wasser auch kleinste Plastikteilchen, die leicht von Fischen und Meeresvögeln geschluckt werden und so die Tiere langsam vergiften und die Populationen dezimieren. Beispielsweise haben Untersuchungen zufolge 95 Prozent der Eissturmvögel in Nordeuropa Plastikteile im Magen. Weltweit stirbt jährlich circa eine Million Meeresvögel an den Folgen des verschluckten Kunststoffs. Fische in allen Größenordnungen bekommen unsere Kulturabfälle in ihr Verdauungssystem. Sie rächen sich an der Menschheit, in dem sie auf unserem Teller landen und uns Stoffe zurückgeben, die unter dem Verdacht stehen, erbgutschädigend zu sein, und möglicherweise Unfruchtbarkeit oder Krebserkrankungen verursachen oder begünstigen können.
Das Wasser im Norpazifik beinhaltet inzwischen sechs bis sechzig Mal mehr (die Zahlenangaben schwanken auf hohem Niveau) von diesem feinen Müll, als es dort Plankton gibt. Das vormals hier bestehende Ökosystem ist zerstört, an seiner Stelle entwickelt sich eine maritime Wüste. Den Schaden gut zu machen ist nahezu unmöglich, da die feinen Plastikpartikel kaum aus dem Meer zu fischen sind, ohne die Gewässer gleichzeitig von jeglichen Lebewesen leer zu räumen. Was Menschen tun können: dafür sorgen, dass kein neuer Müll ins Meer gelangt.

Auf Heyerdahls Spuren

Dieses Jahr überquerte Plastiki – ein Katamaran, hergestellt aus Plastikflaschen und anderem recyclefähigem Material – den Pazifik von San Francisco nach Australien. Inspiriert von Thor Heyerdahls Kontiki hatte David de Rothschild, der Leiter der Expedition und Spross der berühmten Bankerfamilie, die Idee, mit dieser Aktion auf das Müllproblem aufmerksam zu machen und die Verwendung von wieder verwertbaren Materialien zu propagieren.
Wenn das Projekt auch ein bisschen nach Öko-Aktionismus riecht, und nach Abenteuerlust von Kindern reicher Eltern, denen das Surfen am Strand von Frisco zu langweilig wurde, so hat es doch auch seine guten Seiten und Erfolge: Immerhin wurde bewiesen, dass eine Pazifiküberquerung mit einem Schiff aus solchen Materialien möglich ist, was nicht wenige Kritiker bezweifelten. Gerade Segelboote und ähnliche Gefährte sind nämlich meist aus glasfaser-verstärkten Polymeren hergestellt, die zwar zweckdienlich sehr leicht und widerstandsfähig, aber keinesfalls wiederverwertbar sind.

PlastikRecycled Island

Der pazifischen Müllhalde haben sich aber auch noch andere angenommen: Das Architekteturteam WHIM aus den Niederlanden will aus ihr und an ihrer Stelle einen neuen Kontinent entstehen lassen. Ähnlich wie Spiral Island nur ein paar Nummern größer, soll aus dem Plastikmüll, der vor Ort eingeschmolzen und in Platten gegossen würde, eine schwimmende Insel mit dem Namen Recycled Island entstehen. Diese könnte nach Vorstellung der Initiatoren – abhängig vom vor Ort vorhandenen Müll – mit 10.000 km2 die Größe des künftigen Nachbarn Hawaii erreichen.
Sie soll vor allem dazu dienen, Klimaflüchtlingen aus nicht mehr bewohnbaren Weltgegenden eine neue Heimat zu bieten und nach Möglichkeit selbst versorgend funktionieren. Das bedeutet, alles, was die Bewohner dieser Insel essen und verbrauchen, soll vor Ort hergestellt werden können. Sie soll also ihre eigene Energie erzeugen, Nahrung hervorbringen können und nebenbei die Welt in keiner Weise negativ beeinflussen – also für keinerlei Umweltverschmutzung verantwortlich sein.
Ein Wundermittel zu diesem Zweck soll Seegras darstellen. Es wird als Nahrung dienen, die Grundlage für Biodiesel, Dünger und Medikamente sein, die Fischpopulation erhöhen und CO2 absorbieren. Erdreich für die Landwirtschaft soll durch Kompostierung der Fäkalien der EinwohnerInnen entstehen – ein bisschen blauäugig oder nur noch nicht ganz durchdacht? Die Energie kommt aus Sonne, Wind und Wellenkraft ­– aber woher die für die Kraftwerke und Infrastruktur benötigten Rohstoffe nehmen? Nicht alles kann aus Plastik gebaut werden. Zumindest zu Beginn muss da wohl durchaus einiges importiert werden …
In weiten Bereichen also eine typische Utopie, aber die Initiatoren geben auch ganz offen zu, dass viele Fragen noch ungeklärt sind.

Wenn auch in all diesen Fällen der Hauptantrieb womöglich in Langeweile, persönlicher Sinnsuche oder Abenteuerlust besteht und die Hauptprotagonisten reiche, verwöhnte Erste-Welt-Wesen sind, die wohl kaum aus direkter Betroffenheit oder Angst um ihre eigene Welt agieren, bleibt doch anzuerkennen, dass die Ideen durchaus visionär sind. Wer direkt von Hungersnöten, Klimakatastrophen und Umweltverschmutzung betroffen ist, hat aber offenbar weniger Zeit, sich utopistische Öko-Paradiese auszumalen.

Weiterführendes:

 

Ein etwas anderer Zugang zum Thema Plastik und Meer: http://www.strandbeest.com und andere schwimmende Insel-Ideen: http://www.derbagger.org/artikel/glueckliche_inseln

Kommentare

Müll im Meer

Als ich 1987 bis 1991 in Kriegsmarine war, da war es noch üblich seinen Müll über Bord zu werfen.
Zumindest in den USA (Karibik) war dies erlaubt.
Ich würde mich nicht wundern wenn der Müll bis hierher geschwommen ist.
Auch stammt viel Müll aus Wirbelstürmen und Szunamies die ja in der letzten Zeit zugenommen haben und sogar ganze Häuser ins Meer gespült hatten.
Auf der entlegensten Insel im Pazifik Clipperton die niemals bewohnt war hat man sogar einen Bagger gefunden, wie der da hingeschwommen ist weiss ich nicht, wahrscheinlich eher von einen Wibelsturm dort hingetragen.

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