Der Basilisk im Eulenspiegel

basiliskDie Wanze hat sich im kühlen Gebälk eines alten Brunnens in der Wiener Innenstadt verkrochen. Ganz unerwartet tritt ein Herr in lustigem Aufzug heran und setzt sich müde an den Brunnenrand.

Eulenspiegel: Ein hübscher Brunnen und kein Mensch da, hier will ich rasten und mich ein wenig erholen. Es zehrt an den Kräften, der Gesellschaft permanent einen Spiegel vorzuhalten.
Stimme aus dem Brunnen: Verflucht, ein Spiegel!
E: Wer ist da? Kam das gerade aus dem Brunnen?
Stimme: Sagten Sie Spiegel?
E: Ja, sagte ich, aber das war metaphorisch gemeint. Wer sind Sie und was machen Sie in dem Brunnen?

Stimme: Ein metaphorischer Spiegel also, nun ja, ich denke, da gehe ich trotzdem kein Risiko ein und bleibe lieber tief im Brunnen sitzen.
E: Meinetwegen, ich will Ihnen ja nichts zuleide tun, aber würden Sie nun so nett sein, auf meine Fragen einzugehen?
Stimme: Nun ja, ich bin ein Basilisk und was ich in dem Brunnen mache: Ich lebe hier. Wobei, ganz stimmt das nicht. Auch ich habe mich hierher zurückgezogen, um ein wenig zu rasten.
E: Ein Basilisk! Und hier in diesem Brunnen. Dann darf ich, ohne Ihnen nahe treten zu wollen, annehmen, dass Sie keine Südamerikanische Echse, sondern eher ein Fabelwesen sind?
Basilisk: Ja, ja, keine falschen Hemmungen, ein Fabelwesen, ein Fantasieprodukt. So könnte man das schon sagen. Doch würden Sie mir das mit dem metaphorischen Spiegel genauer erklären, mir ist nicht ganz wohl dabei.
E: Mein Name ist Till Eulenspiegel und ich halte der Gesellschaft einen Spiegel vor. Das heißt, ich versuche die Menschen durch mein Verhalten auf ihr eigenes Fehlverhalten hinzuweisen.
B: Ich verstehe. Nun, ich schlage einen Deal vor: Sie bleiben schön am Rande des Brunnens sitzen und ich verkrieche mich hier in der Tiefe und versuche nicht, sie zu versteinern.
E: Einverstanden. Ich bin heute gar nicht in Stimmung, auf Konfrontation zu gehen. Außerdem, wie oft hat man schon die Möglichkeit, sich mit einem „echten“ Basilisken zu unterhalten.
B: Gut. Das wäre dann also geklärt. Aber da wir ja heute anscheinend beide frei haben, erzählen Sie doch einmal, wie das mit dem, hmm … Spiegel so funktioniert?
E: Nun, die Menschen erfinden ja immer wieder die absurdesten Dinge und alle anderen glauben sie, entweder, weil es ihnen selbst einen Vorteil verschafft, oder, weil sie nicht den Mut haben, oder es ihnen gar nicht in den Sinn kommt, sie zu hinterfragen.
B: Wem sagen Sie das!
E: Stimmt, Ihnen brauche ich da wohl nichts erzählen. Nun, ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, auf solche Dinge hinzuweisen, indem ich das Absurde an der entsprechenden Erfindung durch mein eigenes Verhalten aufzeige.
B: Da bin ich ja froh, dass wir heute einen Nichtangriffspakt geschlossen haben … Doch es nimmt mich wunder, ob das im Allgemeinen funktioniert? Ich möchte Ihnen ja nicht nahe treten, aber die Tatsache, dass wir uns hier an diesem Brunnen unterhalten, scheint mir das Gegenteil zu beweisen.
E: Ja, Sie haben recht. Es ist schon recht frustrierend. Man hat oft den Eindruck, der Aberglaube, die Beeinflussbarkeit und die Dummheit der Menschen sind grenzenlos. Sie hingegen scheinen ja recht gut davon zu leben. Doch erlauben Sie mir die Frage, da ich Sie ja heute wohl kaum zu Gesicht bekommen werde: Haben Sie wirklich einen Schlangenschwanz, einen Hahnenkörper und eine Krone?
B: Die Flügel haben Sie vergessen, doch die kommen und gehen (lacht). Doch Ihnen brauche ich wohl nicht zu erzählen, dass das mehr eine Frage der Zeit und der Mode ist.
E: Ja, von Zeit und Mode brauchen Sie mir wirklich nichts zu erzählen. Ich bin ja immun gegen solche Trends, trage schon seit Jahrhunderten dieselben Sachen. Noch vor kurzem wurde ich wegen meiner Beinkleider verlacht und man schrie mir nach, ich wäre wohl in einem ganz üblen Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts stecken geblieben. So etwas trage man doch nicht mehr, das wäre doch absurd. Eine solche geschmacklose Fehlentwicklung der Mode würde nie wiederkehren. Doch wenn ich mich jetzt umblicke, sehe ich genau jene großmäuligen Modejünger (oder sollte ich eher sagen: Modejüngerinnen) in genau jenem Aufzug antanzen. Einer springt über die Klippe und alle anderen springen nach. Ich will hier nichts über Ästhetik sagen, das ist nicht mein Thema, doch wenn ich sehe, wie sehr die Menschen sich bereitwillig und kollektiv, ja geradezu mit Begeisterung einem Diktat unterwerfen, das sie jeglicher Individualität beraubt, frage ich mich schon, ob ich nicht einen Kampf gegen Windmühlen führe, denn Mode scheint mir hier noch ein gar zu harmloses Beispiel darzustellen.
B: (vergnügt) Bleiben Sie bei ihrer eigenen Legende! Sie kämpfen auf der falschen Seite. Ich weiß genau, was Sie meinen, und mich hält gerade das am Leben. Das mit den Flügeln war natürlich nur ein Witz aus alten Zeiten und ich lebe ja gewöhnlich auch in keinem Brunnen mehr. Ich habe mich nur zur Entspannung und aus Sentimentalität hierher zurückgezogen, um ein wenig der alten Zeiten zu gedenken, in denen man noch Hahneneier verbrannte. Heute trete ich in den unterschiedlichsten Gestalten und an verschiedenen Orten in Erscheinung. Mal mit Turban und langem Bart, in mehr oder weniger hohen spitzen Türmchen, mal schwarz verhüllt mit Augenschlitzen, mal einfach dunkelhäutig, manchmal als rote Zahl am Ende einer Rechnung, als Schwaden blauen Dunstes oder als minimaler Temperaturanstieg. Doch immer noch wirkt mein Blick versteinernd, mein Atem vergiftend und meine Gestalt erschreckend. Die Menschen träumen von mir und fahren schweißgebadet aus dem Schlaf. Ein Fabelwesen, ein Fantasieprodukt, wie Sie richtig sagen, bin ich schon, aber meine Wirkung war und bleibt real.
E: Doch der Spiegel bleibt eine Gefahr für Sie.
B: Natürlich. Er bleibt meine größte Sorge. Denn über jene, die den Ursprung des Schreckgespenstes in sich selber sehen, habe ich keine Macht mehr.
E: Ich verstehe. Nun, da wir wohl kaum Freundschaft schließen werden, halte ich es für besser, wenn ich meiner Wege ziehe. Wir werden uns sicher wieder begegnen.
B: Davon bin ich überzeugt. Bis zum nächsten Mal.

Eulenspiegel erhebt sich und zieht in seinen engen Beinkleidern von dannen. Die Wanze, froh nicht Zeuge eines Kampfes mit ungewissem Ausgang geworden zu sein, krabbelt behände aus dem Gefahrenkreis. Eine versteinerte Wanze ist bekanntlich unbrauchbar und das wollen wir der Redaktion gerne ersparen.

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