Der Fall des Sperlings

SperlingWerden wir geschöpft? Wenn nicht, wer kommt nach uns? Das älteste bisher bekannte Gespräch zum Thema Intelligent Design, exklusiv von der Wanze.

Anläßlich eines (leider nicht datierbaren) Ausflugs nach Helsingør verkroch sich unsere Wanze hinter dem Wandbehang eines Prunkzimmers in Schloß Kronborg. Zufällig unterhielt sich dort eben der dänische Kronprinz mit dem Hofkaplan Christoffer Skjøneborn, kurz Born genannt (bei Shakespeare tritt er namenlos auf, s. Hamlet V 1, 212-236).
Für seine Hilfe beim Entziffern des dänischen Originaltranskripts danken wir Isildur Smørrbrødsen aus Kopenhagen, argwöhnen allerdings, daß ihm dabei sein elfischer Humor näher am Herzen lag als strikte Texttreue.

Hamlet: Wie wollt Ihr erkennen, Herr Kaplan, was nach einem klugen Plan erdacht ist und was nicht? Bei meinem Schwert hat der Schmied gewiß nicht an ein Kruzifix gedacht, und doch, wenn man es umdreht –

Born: Selbst wenn es rostig im Felde läge, mein Prinz, kündet es in seiner Prägung den Namen des Schmiedes und zeugt von dessen Plan. Wieviel klarer zeugt davon ein weit größeres Meisterstück: der Mensch! Ließe einen auch die übrige Schöpfung kalt, über ihn könnte man nur staunen. Wie geadelt durch Vernunft, wie unbegrenzt an Fähigkeiten –
Hamlet: Und dennoch, was gilt mir diese Quintessenz von Staub? – In Wittenberg traf ich einen weitgereisten englischen Prediger, einen gewissen Darwkins. Wenn der von Schöpfung sprach, so meinte er einen kleinen warmen Teich, wo sich aus Schleim das erste Leben zusammengeballt hatte. Aus dem kroch vor undenklicher Zeit ein Molch ans Land; der, wie es zu gehen pflegt, hatte Nachkommen, so verschieden wie mein Vater und mein Onkel; jeder gedieh, wo ihn seine Umwelt am ehesten litt, Natur und Zufall wählten aus, wer zum Überleben hart oder listig genug war. So wurden aus Echsen und Kröten die Drachen der Vorzeit; als die ausstarben, ward eine bessere Ratte zur Stammmutter aller säugenden Tiere. Irgendwann kam unser Vetter Affe zum Vorschein, und schließlich wir. Wir sind die ersten Wesen, die wirklich nach klugem Plan züchten; wir fanden den Wolf und zogen aus ihm den Mops. – Die Myriaden von Jahren, die all das dauerte, mögt Ihr sechs Tage nennen; aber wen nennt Ihr Adam? Den Schleim, den Molch oder die Ratte?
Born: Nicht nur in Wittenberg, mein Prinz, nimmt heute keiner die sechs Tage mehr so wörtlich. Mit dem „Züchten“, wie Ihr’s nennt, hat es wohl seine Richtigkeit; nur irrt Ihr, wenn Ihr es dem Spiel von Zufall und Notwendigkeit zuschreibt. Der Schöpfer wirkt in den Dingen selbst und vollzieht seinen weisen Plan unaufhörlich –
Hamlet: Wie ein Uhrmacher, der ins Werk greift, Federn austauscht und den Rost abfeilt? Wie weise, wenn er irgendwo zwei Echsen sah und ihm einfiel: „Hei, von dir sollen die Krokodile abstammen, und von dir die Adler!“
Born: Nicht so, sondern wo immer ein neues Wesen zustande kommt, sind die äußeren Bedingungen nur stoffliche Voraussetzung dafür; die eigentliche Ursache ist der stets gegenwärtige göttliche Funke, Ihr mögt ihn Hand, Willen oder Plan des Schöpfers nennen. Nichts Neues ohne ihn; aber auch das Bestehende erhält er, so daß keine Kreatur aus dem Sein ins Nichts fällt. (Dumpfer Schlag gegen die Fensterscheibe, Rascheln draußen.)
Hamlet: (öffnet das Fenster) In diesem Fall hat er einen törichten Sperling, der unsre fein polierten Butzenscheiben für freie Luft hielt, aus dem Leben aufs marmorne Fensterbrett fallen lassen. Wozu hat er ihm erst diese feinen Flaumfedern gesponnen, das Schnäbelchen geschärft und die Krallchen zurechtgebogen? Die Katze holt ihn nicht mehr, sie will etwas Lebendes zum Spielen; er muß warten, bis die Fliegen ihn fressen. Wirklich, wenn hinter diesem Getriebe ein Plan lauert, scheint er beim ersten Blick verschwenderisch, beim zweiten grausam. Wieviel Samen verstreut der Löwenzahn, damit einer aufgeht und fünf Blätter für ein Karnickel wachsen, das dann der Wolf reißt? Wozu all die Drachen der Vorzeit schaffen und wieder umkommen lassen – damit wir Späteren über ihre Größe fabeln und rätseln können? Pfui! Die Welt ist nichts als ein ungejäteter Garten, wo alles ins Kraut schießt und von Nesseln und Disteln wuchert.
Born: Beruhigt Euch. Die Welt ist allein dadurch gut, daß sie ist; denn Sein ist besser als Nichtsein. Wäre sie schon vollkommen geschaffen, könnte sie höchstens gleich bleiben oder schlechter werden; so aber ist sie geschaffen, damit sie durch alle Veränderungen hindurch der Vollkommenheit zustrebe, worin jedes Teil den Punkt erreicht, an dem es nicht mehr anders gedacht werden könnte, als es ist –
Hamlet: Aristoteles.
Born: Thomas von Aquin sagt auch so.
Hamlet: War zur Vollkommenheit der Fall dieses Spätzchens nötig? Ich wollte noch lieber dem Pythagoras glauben, daß die Seele dieses Sperlings einst als Königin wiedergeboren werden kann.
Born: Ihr täuscht Euch, mein Prinz; die Seele ist allein dem vollkommensten Wesen gegeben, der Krone der Schöpfung, dem Menschen. Gewiß, wenn man den menschlichen Leib untersucht, so findet man in ihm die Seele nicht –
Hamlet: Und wenn ich den Spatzenleib untersuche, finde ich sie da auch nicht; so kann nach derselben Logik der Spatz eine Seele haben. Wenn Ihr zugebt, daß die Körper ­durch jenen Zuchtprozeß entstanden sind, den die Natur wie auch immer am Zügel führt – warum sollten nicht die Seelen ähnlich gewachsen sein, ohne deswegen aus Fleisch und Blut sein zu müssen? Und vielleicht sind sie das, da sie als Geister umhergehen –
Born: Und habt Ihr je den Geist eines Hasen oder einer Wachtel gesehen? Denkt edler von der Seele, die der Schöpfer dem ersten Ahnen des Menschen gab, dessen Eltern noch Tiere waren, und die er mit jeder menschlichen Geburt neu erschafft. Jede unserer Seelen ist von ihm gewollt; sie muß notwendig das Ziel der Schöpfung sein, denn allein um ihretwillen wurde der Schöpfer Mensch.
Hamlet: Irgendwo mag jetzt eine purpurne Ameise den schwarzen predigen: „Allein um unsretwillen ward der Schöpfer Ameise.“ Ist es nicht ganz menschlicher Hochmut, wenn ich mich als den Kern des Alls sehe, nur weil ich nicht aus meinem Gesichtskreis herauskann? Wahrhaftig, schon jetzt leben mehr Ratten als Menschen in Helsingør, und für jede Ratte tausende Motten und Schnaken! Recht betrachtet sind fast alle Wesen Kerbtiere. Die Ameisen sind so klug wie wir; sie haben Arbeiter und Könige, sie züchten Läuse, deren Milch sie trinken, und sie morden und brennen. Einst mögen wir verschwunden sein wie jene Drachen, und die Ameisen sind noch immer da. Könn­ten wir nicht, wie Schnepfen und Aale unsere Nahrung sind, bloß Nahrung für das Gewürm sein? Eine Made ist der einzig wahre König, wenn es ums Speisen geht; so wächst sie, bildet sich heran, und was ist ihre letzte Vollkommenheit? Ein Käfer.
Born: Mein Prinz, es so zu betrachten käme einer Abdankung der Vernunft gleich.
Hamlet: So nutze ich das Privileg des Irren: Einfälle auszuspinnen, die einem mit Eurer Vernunft nicht so leicht vonstatten gingen. Kennt Ihr denn die Vernunft so viel besser als die Seele des Sperlings? Ich sitze umso bequemer auf diesem kahlen Vorgebirge, das die Erde heißt, wenn ich bedenke, daß Kronborg nach dem Fall unseres Stammes ein Ameisenhaufen sein wird. Wir füttern die Maden; die Sonne, die doch auch edel ist, brütet sie geruhsam aus, und all die schwe­ren Fragen – warum eines jungen Mädchens Verstand so hinfällig sei wie das Leben eines alten Mannes, oder warum Schlangen schlafende Fürsten im Garten beißen – scheinen daneben müßig. Und gewiß müssen die Tiere Seelen haben, Kaplan; wenn ich einst in Euren Himmel käme, wäre mir dort sehr langweilig ohne Jagdhunde, Rehe und Pfauen.
Born: Gegen das theologische Gewicht der Langeweile weiß ich wenig zu erwidern, mein Prinz.
Hamlet: Tröstet Euch; wenn Eure Scholastik dieses All nicht gut erklären kann, so mag es woanders ein anderes geben.
Born: Wie das, wo doch das All unendlich ist?
Hamlet: Jedes All wäre unendlich, denn jedes hat seinen eigenen Raum und eigene Zeit. Und sollte es unendlich viele davon geben, dann ließe sich sogar die Vollkommenheit der Schöpfung retten! Müßte dann doch alles Denkbare – ja schlechterdings alles, viel mehr, als wir Menschlein denken können! – in irgendeinem All der Fall sein. In einem davon wäre sogar dieser Sperling noch lebendig; und das zeugte, sicher zu Eurer Freude, von Gerechtigkeit und Güte. Weiß Gott! Der Schöpfer hätte am besten dran getan, jedes mögliche All auch wirklich zu schaffen – statt ein einziges, in dem fast alle Wesen ohne Seele zugrunde gehen und von den übrigen noch viele der Teufel holt.
Born: Wenn alles Erdenkliche aus schierer Notwendigkeit irgendwo geschieht, wo blieben Gut und Böse?
Hamlet: Wo sie jetzt auch sind, in unseren Köpfen. Nichts ist gut oder schlimm, ehe wir ihm seinen Zweck und Wert zumessen; und der berechnet sich daraus, wohin der Zufall der Geburt uns gestellt hat. Ich könnte mein Leben lang in einer Nußschale stecken und mich König über einen unendlichen Raum dünken – solang ich keine Alpträume hätte.
Born: In diesem Sinne, mein Prinz, wünsche ich Euch fürderhin friedliche Ruhe und empfehle mich. (Im Fortgehen:) Ich sollte noch dem König des heutigen Umtrunks wegen ein wenig zureden; für einen Kelch Wein gäbe es doch passenderes Gewürz als eine Perle.
Hamlet: Tu das, wackerer Dominikaner; der Kelch gehört zu deinem Gewerbe. (Pause.)
Osric: (tritt mit Kratzfuß ein) Hoheit, man wartet im Thronsaal sehnlichst auf Euch. Ihr wißt, der freundschaftliche Fechtwettstreit mit Herrn Laertes –
Hamlet: – läßt sich leider weder aufschieben noch absagen, ich weiß. Man soll den Sperling auf dem Pult hier liegen lassen, ich wünsche später noch eingehender über ihn nachzudenken. (Beide gehen. Man hat den Eindruck, daß sich der Sperling wieder auf­rappelt.)
Der Sperling: Tschirp! (Er flattert etwas matt zum Fenster hinaus. Man hört das Geräusch sich kreuzender Klingen im Hintergrund.)
Sperling2

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