Der fragwürdige Freitod des Patrick M.

Selbstmordgeschichten eignen sich besonders gut für Abrissbirnen, vor allem, wenn sie eine gute Mischung aus Existentialismus und Tragikomik in sich bergen. Eine dieser Geschichten habe ich unlängst erzählt bekommen, von einem jungen Mann, der mit wulstig vernarbten Handgelenken auf einen Stock gestützt zu unserem Treffen erschien.
Der Protagonist dieser wahren Geschichte ist Patrick M., ein leicht labiler Bauarbeiter, der sich sehr um eine Frau aus dem ehemaligen Ostblock bemüht hatte.

Nach vielem Hin- und Her und einem Sprachkurs schickte sich die Brieffreundin endlich an, ihn besuchen zu kommen und sogar für längere Zeit bei ihm wohnen zu wollen. Das war dann doch zu schnell für Patrick M., der davor noch nie eine Freundin gehabt hatte – aber absagen konnte er ihr auch nicht.
Fortan saß der Schwermütige also grübelnd und zaudernd in seiner im zweiten Stock gelegenen Wohnung, bis der gefürchtete Ankunftstag seiner Ostblockliebe gekommen war.
Was nun? Was tun? Mit dem Lauf einer Pistole im Mund wartete Patrick M. auf seinen Besuch. Die Tür war abgeriegelt, doch abdrücken konnte er nicht. Wer wird sich denn gleich umbringen wegen so einer Sache? Patrick M. Aber nicht mit der Pistole.
Geht aufhängen leichter? Eine Schlinge aus Draht um den Hals und am Plafond befestigt, schon war er vom Sessel gesprungen. Autsch! Das drahtige Geflecht war Patrick M. nicht gewachsen.
Pock, pock, es klopfte bereits an der Tür. Was jetzt? Das Messer her, schnell, ratzfatz. Ein Schwall Blut spritzte in den Raum. Aus irgendeinem Grund dürfte die Brieffreundin vor der Tür gewusst haben, dass Patrick M. zu Hause war, dass irgendwas nicht in Ordnung war. Das laute Pumpern wurde ihm schließlich zu viel. Mit offenen Pulsadern und der abgerissenen Drahtschlinge um den Hals sprang er aus dem Fenster. Patrick M. war auf der Stelle tot. Aber nicht lange.

Gebrochenes Becken, gebrochener Schädel, gebrochene Beine und andere Gebrechen.
Sein Therapeut verbot ihm jeglichen Umgang mit ihr. Es wäre besser für seine Genesung. Dabei war sie es doch, die ihm das Leben gerettet, die ihn zurückgeholt hatte aus dem Reich der Toten, sie, die von Bagger und Grabungen zwischen Ernst und Satire keine Ahnung hatte, sie, die ausgebildete Krankenschwester aus dem Ostblock.

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