Der Nudel-Western

Der Film „Tampopo“ (1985) des japanischen Regisseurs Juzo Itami ist eine Liebeserklärung an die Nudelsuppe. Eine sehr vergnügliche noch dazu.

Gemäß A.J. Liebling, Journalist des „New Yorker“ und Gourmet aus Leidenschaft, muss man, um über Essen schreiben zu können, Appetit haben. Ähnliches gilt für diesen Film, mit dem Unterschied: bei nicht vorhandener Essenslust stellt sich spätestens nach der Hälfte des Filmschauens ein unbändiges Verlangen ein. Nicht nur nach Nudelsuppe…
Seit ihr Mann gestorben ist, führt Tampopo das kleine Nudelsuppen-Restaurant am Rande Tokyos. Alleine und mehr schlecht als recht. Die Gästezahl reicht nur selten über das fixe Stammpublikum hinaus. Höchstens der Zufall treibt ab und zu die einen oder anderen in ihr Lokal. So auch Goro und Gun, beide unterwegs auf ihrem LKW, die der anhaltende, starke Regenguss direkt in Tampopos Lokal führt, wo ihnen eine wärmende Schale Nudelsuppe gerade Recht kommt. Ein Reinfall, wie sich herausstellt, die aufgetischte Suppe ist alles andere als heiß, schmeckt fahl, mit Nudeln, die nicht einmal richtig gekocht wurden. Goro konfrontiert Tampopo mit ihren mangelnden Kochkünsten, mit folgenreichen Auswirkungen. Doch anstatt die Restaurantinhaberin damit zu ernüchtern, entfacht er ihren Ehrgeiz. Sie will die beste Nudelsuppenköchin weit und breit werden. Und Goro, der offensichtlich Ahnung von Geschmack hat, soll ihr dabei helfen. Der Aufenthalt der LKW-Fahrer verlängert sich also, die Suche nach der perfekten Nudelsuppe kann beginnen.
Soviel zur Haupterzählung des Films. Darin eingewoben sind zahlreiche kleine Geschichten rund um das Thema Essen, die den feinen Sinn für Humor des Regisseurs offenbaren und teils leise Kritik üben. Etwa wenn sich beim Essen im Nobelrestaurant in einer Runde von Wirtschaftsbossen ausgerechnet der tollpatschige Laufbursche als ausgesprochener Weinkenner und einzig wahrer Feinschmecker entpuppt. Guter Geschmack entwickelt sich unabhängig von Geld und Gehabe. Das beweist auch jene Bande von Obdachlosen, für die gutes Essen einen zentralen Stellenwert ihres Lebens einnimmt. So stammen ihre eigenen Lebensmittel ausschließlich aus den Mülltonnen von Nobelrestaurants.
Essen wird im Film als auffallend sinnlicher Vorgang beschrieben und ist damit nicht weit entfernt von Sex. Diesen Zusammenhang zeigt Juzo Itami anhand zweier Figuren, einem dandyhaften Pärchen, die Hedonismus zu ihrem Lebensinhalt erhoben haben: Die Lust auf Essen und die Lust aufeinander sind für beide Eines, was in einem der skurrilsten Filmküsse gipfelt: Behutsam nimmt er ein Eigelb in seinen Mund, lässt es in ihren gleiten, sie wieder retour, so lange, bis das Eigelb bricht …

Held der Nudelsuppe

Der Regisseur selbst nennt seinen Film einen „Nudel-Western“. Tatsächlich finden sich einige Anspielungen auf das Westerngenre: Die Figur des Goro etwa ist dem einsamen Westernhelden nicht unähnlich. Das Pferd ist zwar dem Truck gewichen, aber immerhin trägt er einen Cowboyhut. Und auch die Geschichte, die erzählt wird – vom „lonsome rider“, der sich auf die Zivilisation einlässt (in diesem Fall Tampopos Küche), gemäß seinen moralischen Vorstellungen (und seinem Geschmack) Ordnung schafft, Gutes tut, um dann genauso schnell wie er aufgetaucht ist, auch wieder zu verschwinden – erinnert durchaus an den Aufbau einer klassischen Western-Erzählung.
Abgesehen davon ist „Tampopo“ eine einzige Hingabe an den Genuss, der sich vor allem auch in filmischer Hinsicht erfüllt. Der Film nimmt die Zubereitung des Essens ebenso Ernst wie das Essen selbst. Respektvoll und liebevoll soll der Umgang mit dem Essen sein, das WIE des Essens dabei eingeschlossen. Im Film verweist ein Dialog zwischen einem Lehrmeister (der seit 40 Jahren Nudelsuppen studiert) und seinem Lehrling auf ebendies – eine Gebrauchsanleitung fürs Nudelsuppenessen:
– „Meister, fängt man beim Essen mit der Suppe an oder fängt man besser mit den Nudeln an?“
– „Wir beginnen zunächst einmal damit, dass wir mit den Spitzen der Stäbchen die Oberfläche der Nudelsuppe berühren, als wollten wir sie zärtlich streicheln.“
– „Wozu macht man das?“
– „Das ist eine Liebeserklärung an die Nudelsuppe. Als nächstes führen wir die Spitzen der Stäbchen in die Richtung des Schweinefleisches.“
– „Oh ja, wir beginnen also mit dem Schweinefleisch?“
– „Nein, dieser Prozess dient einzig und allein der Berührung. Wir nehmen mit den Stäbchen das Schweinefleisch liebevoll hoch und legen es rechts an den Rand der Schale, sodass es allmählich in die Suppe taucht. Nunmehr kommt das allerwichtigste des gesamten Vorgangs. In diesem Augenblick musst du das Schweinefleisch um Verzeihung bitten, indem du es anblickst und ihm zuflüsterst:
Bis bald.“

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