Der Sound von Vorgestern und Übermorgen

© Denise FragnerAnkunft in der Gegenwart

Hier, am Ende der Welt, löste man einst die Taue großer Schiffe, ließ sie hinaus aufs offene Meer. Hier kann man auch heute auf die Weiten des Atlantiks blicken, die Träume schweifen lassen. Was kommt hinter all diesen Wassermassen? Erst Aufbruch, dann Ankunft, dazwischen ein neues Leben und nach dem Abenteuer die Einsamkeit. Was macht man mit den losgelösten Tauen, die scheinbar nichts mehr finden, an dem sie anknüpfen können?

Tausend Tränen und zurück zum Start

Eine Leere, die sich nicht mehr füllen lässt, hat mich seit meiner Rückkehr überrollt. Wie der Kater, der einer rauschigen Nacht folgt, bricht sie über mich ein. Gerade erst hab ich den Rückweg angetreten.

Ich habe gesehen was hinter dem Atlantik liegt. Habe genossen und gelitten, habe die Leichtigkeit gespürt und geglaubt, etwas gelernt zu haben, gewachsen zu sein. Nun sehe ich auf den Ozean hinaus, blicke zurück und merke, dass all dies hier nicht so funktioniert, wie ich mir das vorgestellt habe. Unter mir zerbersten die Wellen. Die Gischt schäumt auf, nur um gleich wieder in sich zusammenzufallen. Manche Dinge kann man nicht mitnehmen, es bleibt immer etwas zurück.
Ich habe geglaubt mich verändert zu haben. Habe gehofft ein bisschen von der Ruhe, den guten Gedanken, dem Elan und vor allem vom Mut mitzunehmen. Wo ging all das Gute verloren? Liegt es irgendwo da draußen am Meeresgrund? Dort, wo die Brandung mit lautem Getöse den Fels küsst, wird nichts angeschwemmt als die Erkenntnis, allein zu sein. Allein mit meinen Sehnsüchten, Hoffnungen und Erwartungen. Allein mit der Erinnerung, die zunehmend verblasst und einer schemenhafte Skizze vergangener Ereignisse, Gefühle und Zustände weicht. Vor allem aber allein mit der Zukunft, die sich riesengroß vor mir aufbaut, vor der ich ängstlich zitternd kauere, sie anflehe, mich zu verschonen. Jene Worte, die mir sagen, es wird gut, finde ich nicht.
Irgendwas hat mich aus dem Raum-Zeit-Kontinuum geschossen. Ich war zu lange fort und bin nie angekommen. Nirgends. Immer in einem Zustand der Schwebe. Ruhelos. Stets im Begriff aufzubrechen. Auch wenn ich hier scheinbar ruhig sitze, nachdenke, schreibe, ich halte es kaum aus. Es ist die Sehnsucht nach dem Vergangenen und die Erwartungen an die Zukunft, die mich so unruhig werden lassen.
Für mich gibt es zwei Optionen. Entweder ich bleibe und halte das Gefühl aus, mach mich damit vertraut und lerne, damit umzugehen, oder ich ziehe weiter, betäube es mit neuen Eindrücken und hoffe darauf, dass es irgendwann nicht mehr wiederkommt. Beides will Veränderung. Ein Ortswechsel will Neues, zu bleiben und auszuhalten hingegen Tiefe.

Eine Gegend ohne Gegenwart

Es kann kein Zufall sein, dass ich mich gerade hier mit diesen Themen auseinandersetze. Natürlich ist es sehr vereinfacht ausgedrückt, aber mir scheint, hier lebt man immer noch irgendwie in der Vergangenheit. Nach dem Ende des Kolonialismus ist nicht viel vom alten Glanz übriggeblieben. Portugal ist in der Bedeutungslosigkeit versunken. Den alten Zeiten scheint man noch immer nachzutrauern. Selbst das Bier heißt hier Imperial. Und die Zukunft? Die sieht nicht rosig aus. Gerade erst ist die Regierung zurückgetreten. Selbst Sokrates weiß nicht mehr weiter. Die Schuldenberge türmen sich hoch und eigentlich will jeder nur seine Ruhe. Irgendwie kommen mir die Portugiesen mit ihrer traurig entspannten Grundstimmung gerade recht.
Auch ich bin irgendwo zwischen Vergangenheit und Zukunft gefangen. Die Gegenwart scheint gar nicht zu existieren. Zeit war einmal zyklisch, war an das Erntejahr, den Organismus, das Leben selbst angepasst. Wiederholen sich bestimmte Ereignisse periodisch, wird alles gegenwärtig, dann verschmelzen die Zeiten. Das klingt dann nach Ewigkeit und Ausdauer. Aber zyklisch begreifen wir unser Leben schon lang nicht mehr. Vielmehr linear. Denn man will etwas werden, steckt sich Ziele, will etwas erreichen, über sich hinauswachsen, dann abschalten und genießen. Die Maschinen geben den Takt vor. Man hört die Zeit verstreichen. Tickend tönt die Vergangenheit aus der Feinmechanik an unseren Handgelenken und ein erhobener Zeigefinger mahnt uns zur Besinnung, denn nur ein Viertel fehlt zur Zukunft der vollen Stunde.
Kein Wunder, dass da die Tiefe zu kurz kommt. Was bringt das schon? Ich will nicht länger im Transitraum zwischen Vergangenheit und Zukunft verweilen. Ich will Gegenwart. Wo ist sie hin? Sie ist der Moment, dem das alte Konzept nicht mehr passt. Sie ist der Augenblick, in dem das Neue vergangen sein wird. Sie ist immer da und nie zugegen. Sie ist das Grün des Himmels und das Grau der Meere. Sie ist Morgenröte und Mondblässe, Erinnerung des Gewesenen und Ahnung des Kommenden. Ein Ton, der langsam verklingt, obwohl er noch gar nicht zu vollem Umfang angeschwollen ist. Trotzdem ist sie da irgendwo. Oder sollte ich besser sagen irgendwann?
Erst jetzt merke ich es: Aus vollen Lungen dringt ein stummer Schrei. Mein Mund steht offen, die Luft entweicht, doch nichts ist zu hören. Stattdessen ermahnt mich die Stimme in mir, etwas zu tun. Sinnvoll soll es sein. Nur nicht die Zeit vergeuden, nicht untätig sein, ja nicht sitzenbleiben. Aber das kann ich nicht länger hören. Ich brauch einen Ort, an dem die Zeit stillsteht. Ich will nicht beschleunigen. Auch nicht langsamer werden. Wie soll ich‘s benennen? Einer Welle gleich soll die Zeit einem nie versiegenden Quell entspringen, von unsichtbaren Wänden prallen und immer wieder an mir vorbeiziehen, sich in jeder Bewegung potenzieren, bis sie unendlich ist und keinerlei Bedeutung mehr erfährt. Wabern muss es, endlos rauschen. Ins Zeitlose möchte ich eintauchen. Im Rausch, da steht die Zeit still, da rast sie dahin, da ist sie nicht wichtig. Ich muss aufbrechen. Weg von den Klippen, weg vom Ende der Welt. Wo kann ich meine Gedanken bloß ertragen?

Bei welcher Frequenz zerbricht mein Herz?

In einer unscheinbaren Ecke der Alfama, dem alten Herzen Lissabons, wo die bunte Wäsche auf den Leinen gemächlich in einer sanften Brise wiegt und die Zahnlosen sich an den Straßenecken zum Domino treffen, dort wo hunderte Stufen tief ins Labyrinth der Gassen führen und nirgends zu enden scheinen, bin ich endlich angekommen. Ich bin dem Klang gefolgt. Nein, nicht dem Ticken meiner Armbanduhr, sondern den Stimmen, die aus den offenen Fenstern der Häuser dringen. Das Leben hat mich gerufen. Es liegt hinter einer unscheinbaren Tür. Eine Stimme singt ein trauriges Lied und ruft mich sirenengleich zu sich.
Der Fado ist pure Gegenwart. Portugals Gegenwart, meine Gegenwart. Man trifft sich nicht zum Fado, um zu plaudern, er ist kein Amüsement. Man geht zum Fado, um zu hören und zu spüren, sich selbst. Er besingt die Traurigkeit ohne verklärend zu wirken. Er ist ernst und furchtlos, weil er die Vergangenheit kennt und die Zukunft erwartet. Er ist still und in sich gekehrt, lyrisch und sensibel. Er wird mit geschlossenen Augen und offenem Herzen gesungen. Der Fado will niemandem etwas vormachen. Er braucht kein Spektakel. Fado ist bescheiden. Im Kleinen wirkt er am Besten, denn dann vermischen sich Gesang und Gitarren mit dem Herzschlag der Zuhörer. Das kann man zwar nicht hören aber man spürt es.
Ich schaue lange in mein Weinglas. Die anderen Gäste tun es mir gleich. Niemand scheint wirklich anwesend zu sein. Jeder ist in sich gefangen, gibt sich dem Moment hin. Gebeugte Körper, zerfurchte Gesichter, ausdruckslose Mienen. Ich sitze im Schnittpunkt der Töne, tauche ein. Hinter mir, vor mir, um mich die Flut. Unter mir nichts. Ich falle und lasse mich fallen. Nichts, das mich noch hält. Eine raue Stimme raunt mir Worte zu, die ich nicht verstehe. Sie trösten mich, versöhnen mich mit meinem Schmerz, mit meiner Angst, mit meiner Einsamkeit. Eine Träne fällt zu Boden. Klirrend zerspringt sie auf den Fliesen. Wie schön die beiden Gitarren zusammen klingen, wie herzzerreißend der Gesang. Die Saiten schwingen, die Stimme bebt. Um mich verschmilzt alles zu einem einzelnen Ton. Aus dem Chaos unzusammenhängender Eindrücke, Erinnerungen und Hoffnungen entsteht eine Kollage. Es ist der Sound von Vorgestern und Übermorgen der sich hier zur Gegenwart zusammenfügt. Die Töne verschmelzen zum Zeitlosen. Da ist das einsame Schlagen der Wellen, der böige Wind, der hektische Trubel der Stadt, Vogelgeschrei, Motorenlärm und das Rauschen der Blätter. Dort empörte Aufschreie, leises Schluchzen, Herzklopfen. Unverständliches Gemurmel, hektische Schritte und ein tiefer Seufzer. Ich höre das Blut in meinen Adern pulsieren. Nur mehr ein einzelner Ton, dann ist es still.

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