„Der Teufel soll mich holen ...

… wenn es so etwas im Stil von „Verehrtes Publikum …“ wird.“
So stellt sich Matthias Hartmann als neuer Intendant des Burgtheaters vor, voll postdramatischer Lustigkeit im Vorwort der Spielzeitvorschau 2009/10.
Daraufhin wird ein noch lustigerer posttraumatischer E-Mail-Dialog mit Mephisto höchstselbst über allfällige Verträge geführt. Kronjuwel der insgesamt lohnenden Lektüre sind die Beschreibungen der kommenden Stücke. Diese sind kreativitätsüberbordende Machwerke: als Zeitungsberichte im Sensationsstil gestaltet und vermutlich aus einer Zusammenarbeit mit der Theaterpädagogik entstanden. Oder aber es handelt sich um das neue Projekt des Deutsch-Leistungskurses einer Ganztagsschule mit zu wenigen Freizeitmöglichkeiten.

Bis zum Brechen pointierte Zeichnungen (oder Bilderwitze?) ergänzen den Programmüberblick des realitätsirrelevanten Einbildungsbürgertempels, in dem so manche/r Dramaturg/in im Rausch der unbegrenzten Möglichkeiten den Verstand verloren zu haben scheint.
Aber zurück zum Mann des Moments. Verehren tut er sein Publikum also nicht. Dass dies ein maßgebliches Kriterium bei der Einstellung gewesen wäre, hat man ihm wohl verschwiegen, denn Wien ist ein Nest, das nicht beschmutzt werden will.
Damit hat er es sich schon in Zürich, seiner letzten Wirkungsstätte schwer gemacht: „Ich bin 1 Meter 93 groß, spreche Hochdeutsch und drücke mich klar aus”, präsentierte sich Hartmann zu Beginn seiner Zeit am dortigen Schauspielhaus. Die Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten: Ein „arroganter, typischer Deutscher“ sei er, „großspurig, überheblich und besserwisserisch“, und „immer trat er mit geradezu masochistischer Wollust in die dampfende Scheiße.“ Zürich sei ein „Intrigantensumpf”, konterte der Beschuldigte und wurde nicht müde, wunde Punkte zu benennen sowie auf die vorherrschende Kultur der Konfliktscheuen und der Wendehälse hinzuweisen.
Doch das ist Vergangenheit, was bringt nun die neue Ära?
Insgesamt 25 Premieren wird es geben, unglaubliche sieben davon unter Hartmanns Regie. Markiert hier jemand sein Revier? Ist es ein Zeichen, dass er’s selbst doch am besten kann? Oder hat er Wien schon wieder satt und bezweckt, die Burg binnen einer Saison aufgrund eines Burnouts wieder zu verlassen?
Aber nein, wir haben es nicht mit einem Zeitmanagement-Zauberkünstler zu tun, fast alles, was da kommt, ist schon mal dagewesen. Das unverehrte Publikum sieht einem Recycling-Spielplan entegegen. Bis auf „Faust. Der Tragödie 1. und 2. Teil“ hat er alle Produktionen aus seinen Hausherrschaften in Bochum und Zürich mitgebracht. Ein Best-of-Hartmann seit dem Jahr 2000. Die paar Lichtblicke der Saison müssen diese Staubschicht erst mal durchdringen.

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