Der Ton der Gesellschaft

Ton der Gesellschaft

NON DE SCHOLA, SED DE VITA DISCIMVS – Nicht über die Schule, sondern über das Leben lernen wir.

Ein überaus gewöhnlicher Mittwochvormittag in der 4A-Klasse. Zehn Minuten nach dem Läuten kommt Lehrer Ellmaier in die Klasse, in welcher die Heranwachsenden das Schießen von U-Hakerln und Papierfliegern prompt einstellen und unverzüglich Ruhe­positionen ein­nehmen, welche ein un­ge­schultes Auge keinerlei krumme Machen­schaften vermuten lassen. Keines­wegs aber Ellmaier, der sogleich zu einer seiner berüchtigten Moralpredigten ansetzt – die sich unsere hörlustige Wanze natürlich nicht entgehen lassen möchte.

Lehrer (wutentbrannt): Sagt mal glaubt ihr, ich merk‘ das nicht? Scheinheilige Gfraster!

Wenn man mit euch in den Tiergarten geht, merkt ja gar niemand, ob sich die wilden Tiere innerhalb oder außerhalb des Geheges befinden! Wenn sich alle so benehmen würden, wären wir ja heute noch in der Steinzeit! So werdet ihr es nie zu was bringen, das kann ich euch versprechen! Und außerdem … (wird von einer Schülerin aus der letzten Reihe unterbrochen)
Stella (Kaugummi kauend): Wissen wir ja eh schon – Sie sagen uns ja jede Stunde wieder, dass wir Flaschen sind und immer größere Flaschen werden …
Justin: Ja genau! Wenn ohnehin nix aus uns wird, sollen uns doch alle kreuzweise.
Lehrer: Also jetzt reicht‘s aber!
Justin rülpst genussvoll.
Lehrer (erbost): Sag mal geht’s noch? Das gibt jetzt gleich mal eine saftige Klassenbucheintragung! Warst du denn auf Urlaub, wie dir deine Eltern Manieren beibringen wollten?
Justin: Der Sinn von Manieren ist mir sowieso ungefähr so fremd wie der binomischer Formeln dritten Grades.
Lehrer: Das glaub ich dir aufs Wort! Ihr solltet die Leviten nicht nur gelesen bekommen, sondern überhaupt gleich hundertmal abschreiben! Knigge würde bei einem solchen Benehmen im Grab rotieren …
Justin (ratlos): häh?
Lehrer: Adolph Freiherr Knigge, seines Zeichens Schriftsteller im Zeitalter der Aufklärung, die anscheinend hier noch nicht recht durchgedrungen ist. In seinem Werk „Über den Umgang mit Menschen“ heißt es etwa: „Lerne den Ton der Gesellschaft anzunehmen, in der du dich befindest“! Du kannst gleich damit beginnen, indem du die Kopfhörer aus deinen Ohren nimmst.
Justin: Und wenn der Ton ein falscher ist? Sie haben letztens ja selbst erzählt, dass im Nationalsozialismus ganz andere Werte gegolten haben als heute.
Lehrer: Abgesehen davon, dass ich überrascht bin, dass du dir was gemerkt hast, ist das ja wieder was anderes.
Justin: Warum? Wer sagt mir, ob der Ton der heutigen Gesellschaft richtig ist? Vielleicht ist es ja in Wirklichkeit total ungerecht, was sie von uns verlangen.
Lehrer: Ja sind denn ein paar Regeln des Anstands zu viel verlangt? Richtig hin oder her, ein höflicher Umgang miteinander ist alles andere als menschenverachtend, außerdem hat gutes Benehmen noch niemandem weh getan!
Justin: Ein Rülpser tut doch auch niemandem weh. Und ganz im Gegenteil, wenn etwas wehtut, dann gerade das krampfhafte Zurückhalten eines Druckausgleichs – Manieren hin oder her!
Stella: Also für meine kleine Schwester freuen sich immer alle, sobald sie ein Bäuerchen zustande bringt. Ist doch eigentlich schwachsinnig, ihr das später wieder abzugewöhnen, wofür sie jetzt gelobt wird …
Justin: Genau! Das ist etwa so, wie wenn Sie uns zwingen würden, den Lernstoff nach jeder Schularbeit sofort wieder aus dem Gedächtnis zu kicken.
Lehrer: Nachdem sich diese Frage nur dann stellen würde, wenn etwas im Gedächtnis wäre, brauche ich mir darüber zum Glück nicht den Kopf zerbrechen. Bei einem Kleinkind verstehe ich es ja, aber ich hoffe doch, dass hier drinnen niemand in Tränen ausbricht, sofern er oder sie einmal die Allgemeinheit vor den lautstarken Nachwehen des halb verdauten Wurstbrotes bewahren müsste.
Stella: Aber es hat auch niemand was davon, wenn man wen leiden lässt.
Lehrer: Besser einer leidet darunter als sämtliche andere.
Stella: Daran, dass sich andere durch ein herzhaftes Bäuerchen belästigt fühlen, ist doch nur die Gesellschaft schuld.
Justin: Also eigentlich Sie selbst, denn Sie sind ja mehr oder weniger eine Verkörperung der Gesellschaft.
Lehrer: So so, Herr und Frau Neunmalklug. Auch wenn euch die Gesellschaft – oder meinetwegen ich – einimpfen, was genau eine Belästigung ist und was nicht, so ändert das nichts daran, dass sich manche eben belästigt fühlen.
Justin: Ehrlich gesagt fühle ich mich eher dadurch belästigt, den ganzen Vormittag hindurch still dasitzen zu müssen, während ich mit Vorträgen zwangsbeglückt werde und noch dazu jeder ihrer Kolleginnen und Kollegen von mir verlangt, jede Stunde aufs neue topmotiviert an die Sache zu gehen. Müssten Sie mir jetzt nicht eigentlich verbieten, hier zu bleiben?
Lehrer: Das würde dir so passen! Viele deiner Mitmenschen in anderen Teilen der Welt würden aber wohl gerne mit dir tauschen, um nicht länger ein analphabetisches Dasein in irgendeinem Steinbruch fristen zu müssen. Irgendwann wirst du Undankbarer hoffentlich froh über die Errungenschaft sein, dass du hier jeden Vormittag unter der Woche verbringen darfst.
Stella: Das heißt, Schule ist zwar für die meisten eine Belästigung, aber im Endeffekt für viele eine Erleichterung im Leben, und deswegen ist Schule etwas, was die Gesellschaft wünscht.
Lehrer: Aus dir spricht Intelligenz in Reinkultur!
Stella: Dann verstehe ich aber nicht, warum Rülpsen nicht erwünscht ist.
Lehrer: Bitte?
Stella: Für viele mag es eine Belästigung sein, aber es wird sicher niemand abstreiten, dass es auch eine körperliche Erleichterung darstellt.
Lehrer: Also das ist doch jetzt wirklich was anderes! Glaubst du denn wirklich, dass unsere gesellschaftlichen Werte und Normen keinen Sinn haben? Wenn dem wirklich so wäre, warum haben sich diese Normen nicht längst geändert?
Justin: Aus reiner Gewohnheit.
Lehrer: Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg. Wir leben immerhin in einer Demokratie, da ist alles möglich, sofern es die Menschen wollen.
Justin: Dann stimmen wir doch gleich darüber ab – wer ist dafür, dass Rülpsen in der Öffentlichkeit erlaubt sein sollte?
Nach und nach werden immer mehr Hände nach oben gestreckt. Justin grinst zufrieden.
Lehrer (verärgert): Also erstens bin ich froh, dass nicht alles erlaubt ist, was nicht ausdrücklich irgendwann einmal verboten wurde. Und zweitens ist es sicher kein Schaden, wenn euch jugendlichen Rotznasen irgendwer mal Manieren beibringt, Herrschaftszeiten noch mal!
Heinzi: Genau, da haben Sie vollkommen recht. Und vergessen Sie nicht die ganzen Ausländer, denen könnte man auch mal beibringen, wie man sich benimmt. Die sollen sich integrieren und sich nicht so aufführen wie die Wilden!
Lehrer: Aber Heinzi, so kann man doch nicht …

Kaum fertig gesprochen, wird Lehrer Ellmaier schon von der Pausenglocke unterbrochen. Wie ferngesteuert hüpfen alle auf und stürmen aus der Klasse, während Ellmaier wie ein begossener Pudel das Haupt senkt und selbiges kräftig hin und her schüttelt, um seine Empörung über die drohende Zukunft der Gesellschaft zum Ausdruck zu bringen. Desillusioniert nimmt er seine Siebensachen und bricht auf, um in der 3B zur nächsten Standpauke anzusetzen. Das wäre jetzt aber für unsere leidgeprüfte Wanze doch zu viel des Argen, weshalb sie der Trostlosigkeit des schulischen Alltags entflieht – in der Hoffnung, vielleicht bald wieder wertvolleren Gesprächen lauschen zu dürfen.

Kommentare

Ach, das Böhnchen!!!

mit solchem Tönchen auch verwendbar!!!

Und --- Unglaublich! Nicht der Ritter Knigge, sondern Guinness

Und nicht das Bier, sondern das Buch - die Rekorde, zwischen den Zeilen ist ein absoluter Rekord versteckt! Aber wo?
Im leisen Ton geflüsterter Hinweis:
D G, n g u g, d s m 45 S (i m d e F). T d e 50 M; E U d f M u d G w d z G f.
W s d f 46' 15''?
I d e S: J's NPFR (n R) d n s l. E t s s J u v d z A.
L G 2009 d d l R b j l 69 S.

Ach, vergessen:

I m S i DB, h s Z n S - a i d Z 24 ....

Ach gut, -- neamd hat's gelöst, jetzt die volle Fassung,

nicht nur die Anfangsbuchstaben, bin bombardoren durch Anfragen ...:
Der volle Text auf Deutsch (ich betone: eine nichttonale Sprache) --

****
Dieses Gespräch, normal gesprochen und gerülpst, dauert 6 Minuten 45 Sekunden (ich machte dazu eine Familienaufstellung). Trotzdem dauert es 50 Minuten: Eine Unterrichtsstunde dauert fünfzig Minuten und das Gespräch wird durch zwo Glockenzeichen flankoren.
Wo sind die fehlenden 46' 15''?
In der ersten Spalte: Justin's NPFR (nachdenkpausenfühlender Rülpser) dauerte nämlich so lange. Er trainiert schon seit Jahren und verwendet das zirkuläre Atmen.
Laut Guinness 2009 dauerte der längste Rülpser bis jetzt bloß 69 Sekunden.

****
DISCLAIMER - beim AnTon-Bruckner-Fest
(www.derbagger.org/veranstaltung/baggerpicknick_mit_anton_bruckner)
wurde ich darauf aufmerksam gemacht, dass ich 10 Minuten abzuziehen vergaß (Lehrerverspätung).
Stimmt.

Nachtrag Kommentar: Ach, vergessen - Auflösung

I m S i DB, h s Z n S – a i d Z 24 ….
"Ich meinte Spalte im Druck-Bagger, hier sind Zeilen, nicht Spalten - also in der Zeile 24"

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