Die Islamisierung des Herrn Novak

Freitag, 22. Juli 2011, 16 Uhr nachmittag. Die Wanze befindet sich – wie sie dorthin kam, sei dahingestellt – im Wohnzimmer des Herrn Fridolin J. Novak im 16. Wiener Gemeindebezirk, verborgen hinter der Kanne frisch aufgegossenen Tees, aus der sich Novak soeben die erste Tasse eingeschenkt hat.

Glocke: (an der Wohnungstür, dezent) Kling!

Novak: (schlürft einen Schluck Tee, rührt um, weil er zu heiß ist, blättert in seinem Buch)
Glocke: Drrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrring!
Novak: (tapst zur Tür, öffnet) Sie wünschen?
Heinz: (draußen) Grüß Sie, ich bin der Heinrich. Sie dürfen Heinz zu mir sagen, wie das Ketchup, höhö! Haben Sie heute schon über die Islamisierung Europas nachgedacht?
Novak: Naa. (Quietschen der Türangel, Geräusch von Heinz’ eingeklemmtem Fuß.)
Heinz: (gleitet, gut geölt, zackig durch den Türspalt ins Vorzimmer) Dann wird’s aber Zeit. Schau’n Sie, was können Sie mir denn über die Islamisierung erzählen?
Novak: Nix – weil, die Islamisierung Europas gibt’s gar nicht. Jetzt wohnen halt bei uns ein bisserl mehr Leute aus der Türkei und dem Iran und so, und weil manche von denen beten gehen wollen, braucht man halt zwischen den paar tausend Kirchen, die wir haben, auch einmal eine Moschee. Vor ungefähr hundert Jahren war das so ähnlich mit Juden und Synagogen – und keinem hat’s was gemacht, bis einer gekommen ist, der den Leuten eingeredet hat –
Heinz: (hastig) Sehen Sie, wie notwendig Sie den Heinzi brauchen! Sie würden ja sonst islamisiert werden und würden es gar nicht merken. Ich hab’s doch gesehen, Sie haben selbst unter einem türkischen Hausmeister zu l…
Novak: Der hält aber das Haus sehr sauber. Höchstens könnte er besser aufpassen, daß keine Hausierer hereinkommen –
Heinz: Sehen Sie? Und außerdem raucht er. Eine Unsitte. Darf ich mir hier eigentlich einen Tschick – äh, dürfte ich Sie vielleicht auf ein Getränk ins Wohnzimmer bitten? Meine Kehle ist so trocken.
Novak: Wenn’s sein muß. Mögen Sie einen Tee? Ist aber noch sehr heiß.
Heinz: Pfefferminztee haben Sie da? Hören S’, den trinken doch die Kameltr… die Araber – ich hätt’ halt lieber so zwei, drei Bier – (fuchtelt mit der Hand)
Novak: Bier ist keins da.
Heinz: Wein geht auch, nur keinen Veltliner, bitte –
Novak: Hab’ ich auch keinen.
Heinz: Absinth?
Novak: Nein.
Heinz: Soll das heißen, Sie haben überhaupt keinen Alkohol im Haus? Mit Ihnen ist es ja schon weit gekommen! Sogar in der Türkei kriegt man doch Raki zu kaufen. Jetzt erzählen Sie mir nur noch, daß Sie fasten, weil nächste Woche Ramadan ist! (Knallt seine Mappe auf den Tisch, daß die Wanze vor Schreck hüpft, und nimmt einen tüchtigen Schluck aus seinem Flachmann.)
Novak: Tu’ ich gar nicht. Mögen Sie was Süßes? Ein Rahat oder ein Stück Baklava?
Heinz: Pfui. Was Ordentliches haben Sie nicht?
Novak: Oliven. Schafkäse. Fladenbrot.
Heinz: Kein Schinkenbrot? Ja, Jörgl schau oba! Wo kaufen Sie denn ein?
Novak: An der Ecke, beim Türken. – Empfehle ich Ihnen sehr, der hat auch Raki. (Heinz sinkt beinahe vom Stuhl, gewinnt jedoch durch einen weiteren Schluck die Haltung wieder.)
Heinz: Das ist ja noch viel schlimmer, als ich gedacht habe. Ihr Wohnzimmer ist ja das lebende abschreckende Beispiel! Da schreibe ich mit letzter Kraft „Abendland in Christenhand“ auf die Plakate, und was haben Sie da im Eck stehen? Zwei Minarette!
Novak: Eigentlich nur eins, und sogar das ist in Wirklichkeit mehr eine Wasserpfeife –
Heinz: (entgeistert) Sie rauchen Wasserpfeife? Was haben Sie gegen einen naturreinen deutschen Tschick?
Novak: Ich rauche eh fast gar nicht, aber meine persische Freundin –
Heinz: Auch das noch – (blättert in dem Buch, das er auf dem Tisch gefunden hat) Sie tun Bücher lesen. Was ist denn das für eins?
Novak: „Shame“ von Salman Rushdie.
Heinz: Auf englisch? Von einem Islamisten?
Novak: Warum, der ist sehr islamkritisch –
Heinz: Das sind die schlimmsten. Jetzt erzählen Sie mir nur noch, daß Sie einen Koran im Haus haben.
Novak: Ja, hab’ ich. – Wenn Sie’s beruhigt: er ist eh nur auf deutsch.
Heinz: (ächzt, trinkt) Hören Sie zu, Volksgenosse! Noch, noch stellen Sie fünfzig Prozent der Bevölkerung, wenn Sie mit Ihrer persischen Kumpanin bei Pfefferminzabsud und Marihuana sitzen. Aber früher oder später kriegt die ein Kind von Ihnen, und das ist dann ein Mischling, also ein Ausländer! Und dann sind Sie in der Minderheit! Allein mit lauter Mohammedanern! Sie werden nur noch in die Moschee gehen dürfen und nicht mehr in die Kirche –
Novak: Ich geh’ auch jetzt nicht in die –
Heinz: Ich auch n… Kusch! Sie werden nicht mehr sagen dürfen, was Sie wollen! Sie werden nur noch auf Perserteppichen sitzen! Sie werden den Koran überhaupt nur mehr auf Arabisch lesen! Wenn Sie Ihrer Frau ein Rahat vom Teller stehlen, wird Ihnen die Hand abgehackt! Und irgendwann wachen Sie auf und haben statt der einen Frau vier!
Novak: Wow.
Heinz: Und wenn von den vier Frauen jede zwei Kinder hat, dann sind Sie überhaupt nur mehr ein Dreizehntel der Bevölkerung! Dreizehn! Eine Unglückszahl. Es wird Ihnen nichts übrig bleiben, als zum Islam zu konvertieren, und dann sind Sie überhaupt nicht mehr da. Dann ist die Umvolkung vollkommen – Sie sitzen unter lauter Muselmanen und heißen Ibrahim.
Novak: Früher war das so mit den Böhmen. Deswegen heiße ich auch Novak, und Sie heißen Stransky oder vielleicht Vyslozil.
Heinz: (stellt fest, daß der Flachmann leer ist, zieht ein Döschen aus der Sakkotasche und schnupft eine Prise) Nehmen Sie sich doch ein Beispiel an Ihrem norwegischen Nachbarn, dem Herrn Bergson. Er ist zwar vielleicht nicht der Freundlichste – vorhin habe ich bei ihm mein Köfferchen im Vorzimmer stehen lassen, und wie ich es wieder holen wollte, hat er mir gar nicht mehr aufgemacht – aber er heißt Bergson! Ein Nordmann, ein Wiking! Da lacht das Vandalenherz. Und hören Sie nur, was er für einen schönen Vornamen hat: Knut!
Novak: Ich heiß’ Fridolin. Fridolin Jasper. (Lärm. Das Bersten einer Türfüllung. Aus der Nachbarwohnung ertönen Gewehrschüsse.)
Heinz: Da haben wir’s. Das kommt von der Islamisierung, die bei Ihnen schon so weit fortgeschritten ist: Terrorismus! Die Hälfte Ihrer zwölf persischen Kinder sind wahrscheinlich Schläfer, und jetzt treten irgendwelche linkslinken islamistischen Chaoten dem Herrn Bergson die Tür ein und schießen auf ihn, nur weil er Arier ist.
Novak: Arier? Geh’n S’, der ist Sozialdemokrat und malt immer lustige Manderln auf die Plakate von den Rechten – (Eine Bombe detoniert. Fensterscheiben splittern. Reste der Nachbarwohnung bohren sich ins Straßenpflaster und in die gegenüberliegende Fassade. Ein Martinshorn heult. Es klopft an der Tür, Heinz geht aufmachen.)
Heinz: Grüß dich, Tristan – ich meine, habe die Ehre, Herr Revierinspektor.
Polizist: Grüß Sie, Herr F… ah, ich mein’ natürlich Gott zum Gruß, Junker Heinrich. Es tut mir leid, wir haben da nebenan so ein blondes Bürscherl verhaften müssen, weil er mit dem Gewehr herumgespielt hat, schauen Sie sich die Sauerei an –
Heinz: Ich bin zutiefst erschüttert. Im Namen des christlichen Abendlands verurteile ich dieses tragische Vorkommnis aufs Schärfste. Ich nehme an, Sie haben auch schon festgestellt, daß der Anschlag die klare Handschrift der Al-Qaida trägt? – Äh, blond ist er, haben S’ g’sagt?
Polizist: Ja, eh. Ich hab schon ins Protokoll g’schrieben, daß Sie den Lausbuben sicher eh nicht kennen.
Heinz: Wieso, das ist doch der … Naa, i kenn den eh net.
Polizist: Hab’ nie was anderes angenommen. Jetzt müssen wir ihn halt der Form wegen verhören und mit dem Untersuchungsrichter reden, (leise) nachher passiert ihm eh nix. – Ah ja, das Köfferl da g’hört wahrscheinlich Ihnen, Herr Heinrich – leider is’ was explodiert, was drin war, natürlich, wenn der mit seinem G’wehr auf allen Seiten dran vorbei schießt –
Heinz: Oh, mein Köfferchen! Danke! Ich begann mich schon zu wundern, wo es sein könnte. – Dann halt bis heut abend beim Stammtisch, gell? Ich hab’ jetzt schon einen ganz trockenen Mund, weißt du, hier ist ja ein islamischer Haushalt, da gibt’s nicht einmal ein Bier, furchtbar… Servus!
Polizist: Servus! (Führt den Verhafteten ab. Das Klirren der Handschellen verliert sich im Hintergrund.)
Heinz: Und Sie, Herr Ibrahim ben Novak, Sie überlegen sich das noch einmal ganz gut mit der Islamisierung, versprochen? Morgen komm’ ich vielleicht wieder vorbei, oder übermorgen, je nachdem, wann der Stammtisch aus ist – aber ich kann Ihnen ja Informationsmaterial zum Lesen dalassen, jetzt, wo ich meinen Koffer wieder hab’ – die Zettel sind nur ein bisserl zerknittert. Auf Wiedersehen, und tun S’ nicht zu viel rauchen! (Trabt freudig davon.)
Novak: (fällt in den Sessel) Na super. Inzwischen ist der Tee sicher auch schon kalt.

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