Die Mechanik (gekürzt)

Fünftes Kapitel, Teil 1: „Lex prima“

MechanikLesen Sie nun die Fortsetzung unseres ebenso spannenden wie spinnenden Romans. Nach der zugegeben sehr ausführlichen wie wirren Erläuterung der Newton’schen Vorstellungen bezüglich Zeit und Raum bewegen wir uns in diesem Kapitel vorsichtig zu den Grundgesetzen der Mechanik zurück. Die begeleitende freiwillige Lektüre eines Physikbuches ist erfreulich, aber nicht notwendig.

Des Nachts, während seine Gedanken weiter um die Trägheit kreisten, vernahm er nun zeitweilig wieder das summende, bisweilen pochende Maschinengeräusch, welches ihm schon Wochen zuvor aufgefallen war und dem er schon damals, im Bett liegend, mit ruhiger, bisweilen auch gespannter Aufmerksamkeit gelauscht und nachgespürt hatte. Auch jetzt horchte er auf das Geräusch – es schien die unvollkommene Schwärze seines Wohnschlafraumes, die ihm just in diesem Augenblick auffiel, auf provokante Weise zu untermalen, als gelte es, eine unbewegte Szene in lächerlicher Manier zu vertonen.

Ein Körper verharrt in seinem Zustand der Ruhe oder der gleichförmigen geradlinigen Bewegung, solange er nicht durch einwirkende Kräfte zur Änderung seines Zustands gezwungen wird. Seit er den Gedanken gefasst hatte, sich eingehender mit den Gesetzen der Mechanik zu beschäftigen, hatte er nicht mehr gut geschlafen, oder war es nicht vielmehr so, dass er sich, seitdem er nicht mehr gut schlief, eingehender mit den Gesetzen der Mechanik zu beschäftigen begann? Irgendwann war auch das summende, bisweilen pochende Maschinengeräusch hinzugekommen; wobei er nicht mit völliger Sicherheit sagen konnte, ob das Geräusch nicht ein Erzeugnis seines Gehirns, durchaus im Sinne einer Einbildung, war, ja, ob es nicht gar von der Anstrengung – er stellte sich diese in Form einer Art Rotation vor – seiner an sich trägen Gehirnnerven rührte. Mitunter vermeinte er in sich den Wunsch zu verspüren, der Szenerie – der unvollkommenen Schwärze seines Wohnschlafraumes, untermalt mit dem Maschinengeräusch – etwas hinzuzufügen, so auch jetzt; zugleich fühlte er sich aber nicht imstande, seine volle Konzentration auf diese nur undeutlich verspürte Idee zu lenken. (…)

Am nächsten Tag war etwas anders. Für gewöhnlich pflegte er sich frühmorgens zu erheben, um seinen werktäglichen Beschäftigungen nachzugehen. Es verschaffte ihm eine gewisse Befriedigung, vor dem Aufstehen noch minutenlang liegen zu bleiben und Tag für Tag den Klängen der erwachenden Stadt zu lauschen; als ob sie sich für ihn bereitmachte – diese ihm freilich naiv erscheinende Vorstellung gefiel ihm. Nichts aber schien sich heute auf der Straße vor dem Fenster seiner Einzimmerwohnung zu regen, und indem er sich dieser ungewöhnlichen Stille gewahr wurde, ergriff ihn, was wenig verwundern dürfte, eine Art Unruhe, welche ihn dazu bewegte, seine Liegestatt früher als sonst zu verlassen und, gegen seine Gewohnheit, um die Straße in Augenschein zu nehmen, ans Fenster zu treten. Was er sah, oder was er vielmehr nicht sah, raubte ihm für einen Moment den Atem – die Stadt hatte sich nicht, wie sonst, seinetwegen, aufgerafft, hübsch gemacht, war nicht zum Leben erwacht, sie war offenbar in ihrem nächtlichen Zustand, jetzt natürlich vom spärlichen Sonnenlicht beschienen, erstarrt; die Straße war ganz und gar verlassen, weit und breit konnte er weder Menschen noch Fahrzeuge ausmachen; auch keine Tiere. Begleitet wurde die Szene von einer unheimlichen und absoluten Stille, in welcher sein Atem, sein Herzschlag und seine wirren Gedanken überdeutlich an sein Ohr drangen. Es schien also, dass er noch am Leben war. Was den Rest der Welt betraf, war er sich in diesem Augenblick diesbezüglich nicht sicher. Um sicher zu gehen, dass er nicht einer Sinnestäuschung anheimfalle, verweilte er eine unbestimmte Zeit am offenen Fenster, betrachtete die leere Straße und versuchte, die Ordnung des nebelhaften Gedankenhaufens in seinem Gehirn in Angriff zu nehmen, wiewohl ihm dies, wie er bald feststellte, nicht eben leicht fiel, was er wiederum auf die Auswirkungen des nächtlichen Wachens auf seine Konzentrationsfähigkeit zurückführte.

Eine Änderung des Bewegungszustandes kann nur durch Ausübung einer Kraft von außen erreicht werden. Mit diesem Gedanken wandte er sich endlich vom Fenster ab. Er wollte sich, nicht ohne Neugier, nun höchstselbst auf die Straße begeben, um die Sache näher zu untersuchen. Erst jetzt fiel ihm auf, dass er vorhin in einer gewissen Unvorsicht gehandelt hatte, als er, ohne zuvor die Luftverhältnisse auf eventuelle Giftigkeit hin zu überprüfen, einfach das Fenster geöffnet hatte. Noch immer in die Erwägung versunken, wie er mit dieser Fahrlässigkeit, für ihn eine persönliche Niederlage, umgehen solle, beziehungsweise, welche Beschwerden ihm im Falle einer vergifteten Atmosphäre zuteil werden hätten können, verließ er schließlich, nachdem er sich angekleidet hatte, seine Einzimmerwohnung. Die Wohnungstür ließ er wie immer sanft – niemand im Haus sollte ja sein Kommen oder Gehen bemerken – ins Schloss gleiten, um sich danach an den nahen Lichtschalter (im Stiegenhaus herrschten auch zu dieser Jahreszeit tagsüber eher trübe Lichtverhältnisse) heranzutasten. Jäh unterbrach er aber nun seinen gewohnten Bewegungsablauf, als sein Blick auf die zu seiner Rechten liegenden Wand fiel und er eines braunschwarz glänzenden Insekts in der Größe seines Handtellers ansichtig wurde. Wiewohl ihn angesichts der zentimeterlangen Fühler des Geschöpfes sofort würgende Ekelgefühle überkamen, bemerkte er dennoch eine gewisse Merkwürdigkeit der Situation, sodass ihn ein Verdacht beschlich, den er zu bestätigen suchte, indem er sich eines an der Türklinke der benachbarten Wohnung in einer Tüte befindlichen Werbeprospekts bediente, derart, dass er das Prospekt zu einem provisorischen Wurfgeschoss zusammenknüllte und es in Richtung des Insekts warf. Er traf nicht, sondern verfehlte das Tier nur knapp; dieses aber bewegte sich keinen Millimeter, sondern verharrte ruhig an derselben Stelle; es schien aber nicht tot zu sein. Da es ihn nun aber aufs Heftigste grauste, beschloss er, das Experiment zu beenden und mit der Erforschung seiner scheinbar erstarrten Umwelt fortzufahren.

Auf der Straße schien alles ruhig; dergestalt, dass er nicht den geringsten Hauch verspürte – selbst die Luft schien in absoluter Trägheit versunken zu sein; auch der Wiederhall seiner Schritte, so erschien es ihm, wollte nur zögerlich klingen. Kurz bevor er das Ende seiner Straße erreicht hatte, hielt er, durch ein ebenso unvermitteltes wie unbestimmtes Unbehagen verunsichert, inne, bevor er sich doch ein Herz fasste und sich langsamen, aber beinahe entschlossenen Schrittes auf die Kreuzung zubewegte. Was er dort erblickte, ließ ihn augenblicklich derart an seinen Sinnen zweifeln, dass seiner Kehle ein leiser Schrei entkam und er sich, gegen ein plötzliches Schwindelgefühl ankämpfend, an einer Hausmauer festhalten musste, wiewohl es in gewisser Weise zugleich schlagartig seinen vorher schon gehegten Verdacht bestätigte (wessen er sich jedoch erst viel später wieder erinnerte):

Wie oder was unserem Titelhelden in weiterer Folge geschieht, ist nachzulesen. Möglicherweise in der nächsten Ausgabe; wenngleich natürlich nicht abzusehen ist, ob sich d. Verf. in Zeiten der Wirtschaftskrise überhaupt so lange über Wasser halten kann, und fraglich ist, ob nicht schon in naher Zukunft einer lukrativeren Tätigkeit (Betteln) nachgegangen werden muss.

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