Die Musik der Straße

Einer Band liegen meist zwei Prinzipien zu Grunde, die einander sowohl fördern als auch blockieren oder sogar ausschließen können. Prinzip Nummer Eins lautet: „Musik machen“ und ist wohl so etwas wie ein Instinkt. Prinzip Nummer Zwei lautet: „Diese Musik verbreiten.“ Denn was nutzt die schönste Musik, wenn sie niemand hört? Aber muss Musik gehört werden, um eine Berechtigung zu haben? Tatsache ist, dass das Prinzip Zwei längst die Macht über Prinzip Eins übernommen hat. Die Frage lautet längst nicht mehr, wie können wir das bekannt machen, was wir produzieren, sondern: Was müssen wir produzieren, um es möglichst bekannt machen zu können!

Ein Sommermärchen, zwei Freunde im hohen Norden, eine perfekte Reise neigt sich ihrem Ende zu. Stockholm zeigt sich von seiner besten Seite, wir freuen uns auf ein abendliches Konzert im Vitabergspark, Kristofer Åström, Christian Kjellvander, Tiger Lou, was für ein Aufgebot!

Aber bis dahin ist noch Zeit, wir gehen also spontan zum Frisör, um jugendliche Grunge-Mähnen entfernen zu lassen, lassen die Haare dann aber doch unangetastet. Also weiter zum Burger King, unser Mittagessen, zum fünften, sechsten, siebten Mal? Es schmeckt immer noch! Entspannt schlendern wir zum Sergels Torget, da vernehmen unsere Ohren plötzlich den Klang von Schlagzeug, Bass, Gitarre. Wie das? Hier draußen, in der Stadt? Auf dem Platz vor der großen Unterführung spielt eine Band! Die Menschen bleiben stehen, hören zu, gehen zu einer großen Holzkiste, die neben dem Mikrofonständer des Sängers steht, werfen 60 Kronen hinein und nehmen eine CD heraus. Sie tun es tatsächlich, sie kaufen die Musik einer Band, die sie eben mal fünf Minuten gehört haben. Wir tun es auch! Der Sänger tanzt und lächelt uns dankend zu. Wir sind begeistert.
Diese Band, damals am Sergels Torget, das war BY HEART. Ihre CD war absolut in Ordnung, ich hab sie oft gehört, dann ist sie mir irgendwie abhanden gekommen, nichts Besonderes, ich verlege ständig meine CDs, das liegt wohl daran, dass ich sie immer und überall höre (ja, ich höre noch CDs, ich kaufe sie auch!). Naja, und weil die Scheibe dann weg war, hab ich By Heart auch irgendwie wieder vergessen. Bis zum Juni 2008. Da fahre ich mit dem Auto ins schöne Waldviertel, höre ungewöhnlicherweise Radio und plötzlich steigt in mir das seltsame Gefühl auf, diese Stimme, diesen Sound von irgendwo her zu kennen. Seltsam auch deshalb, weil ich prinzipiell kaum Songs kenne, die im Radio laufen. Ich grüble und grüble und komm nicht drauf. Die netten Moderatoren verraten wie immer nicht, wie die Band heißt, wer da musiziert. Wochen später höre ich den Song wieder und es macht klick: By Heart, die klingen wie By Heart! Flott gegoogelt und schon hab ich es schwarz auf weiß, tatsächlich, die Burschen haben es geschafft!
Musik Die Geschichte dieser Band ist für mich eine der schönsten der mir bekannten Musikszene. Die vier Herren haben über Jahre hinweg verschiedenste Straßen und Plätze Europas bespielt, sie waren in Paris unter dem Eiffelturm und auf dem Roten Platz in Moskau. Allein auf den Straßen Schwedens haben sie über 17.000 Demos verkauft! Mittlerweile hat es sie nach Berlin verschlagen, wo der Alexanderplatz zu ihrer zweiten Heimat wurde. Und das Konzept funktioniert. Und wenn etwas funktioniert kriechen auch sofort die Plattenfirmen aus ihren Dachgeschoßbüros. By Heart aber sagen: Nein Danke, und veröffentlichen im Mai 2008 ihr Album „Exit Signs“ nur digital und ohne Label. Die Tour zum Release erfolgte selbstverständlich wie­der in ihrem eigenen Stil, auf der Straße.
Ein Blick zurück in die ältere Geschichte der Band zeigt, dass so etwas nicht von heute auf morgen passiert. Die vier Herrschaften spielen seit 1995 zusammen. Das erste offizielle Album nach 13 Jahren zu veröffentlichen zeugt von eisernem Willen und Durchhaltevermögen. Das wirklich schöne ist aber ihr Weg über die Straßen Europas. Gehören die öffentlichen Plätze doch meist einigen peruanischen Flötenspielern, vereinzelten Musikanten mit Gitarre oder „Quetschn“ sowie natürlich der gehetzten Masse. Warum also nicht dort musizieren, wo man Unmengen verschiedenster Menschen erreicht. Hier braucht keine Promoagentur mühsam das richtige Publikum zu filtern, die Straße filtert von selbst. Wem es gefällt, der bleibt stehen und greift zu, wem es nicht gefällt der geht weiter. Bestimmt ist das kein Rezept für jeden Musikstil, eine gewisse lautstärketechnische Straßentauglichkeit ist als Grundvorrausetzung mitzubringen. Aber die Tatsache dass hier mal wieder jemand bewusst einen anderen Weg gegangen ist und damit auch Erfolg hat, ist in einer Zeit in der es alle nur mehr mit Gewalt via Werbung, Exessiv-Radio-Penetration, Medien-Freunderlwirtschaft und Wir-sagen-euch-was-euch-gefällt-Trendsetting probieren, ein sehr schönes Zeichen für all jene, die noch an die Urform des ersten Prinzips einer Band glauben, ans „Musik machen“, und bewusst vom „Musik konstruieren“ absehen wollen.
Oft haben Versuche Kunst auf die Straße zu bringen etwas eigenartig Aufdringliches und vermitteln nicht selten auch den Eindruck, wer auf der Straße Kunst macht, ist fürs Museum und die Bühne zu schlecht. Unsere Straßen und Gassen gehören heute in erster Linie der Werbung und dem Handel. Das ist historisch gesehen auch nicht verwunderlich. Und wenn man so will, macht eine Band auf der Straße auch nichts anderes als Werbung (für sich), die Grenzen sind hier extrem fließend und liegen im Auge des Betrachters. Der wesentliche Unterschied zum klassischen Handel liegt wohl darin, dass Kunst in der Regel eine tiefere Botschaft hat, als ein einfaches „Kauf mich!“. Sie macht die Straße wieder lebendig, gibt einem die Möglichkeit Eintönigkeit und Gleichmäßigkeit der eigenen Wege kurz zu entkommen, innezuhalten und die Abwechslung zu genießen.
Am effizientesten ist eine solche Präsentation natürlich, je ungeteilter die Aufmerksamkeit ist. Das haben die großen Plattenfirmen natürlich auch schon erkannt und schicken ihre Acts deshalb brav in die Turnsäle unserer Schulen, um den Nachwuchs zu bearbeiten, solange er noch aufnahmefähig und -willig ist. Das hat aus moralischer Sicht schon einen bitteren Beigeschmack. Spannender und ehrlicher wären da wohl eher Konzerte in Gefängnissen oder auf Ölbohrinseln, dort kann das Publikum zwar auch nicht weg, ist aber wenigstens schon halbwegs mündig. Vielleicht ist es ja überhaupt grundsätzlich der falsche Weg Konzerte an Orten zu veranstalten, wo viele Menschen sind, denn meist hat man hier gleichzeitig auch mit einer enormen Konkurrenz zu tun und schlussendlich hat jeder einzelne Act erst recht wieder nur eine geringe Chance jemanden zu erreichen, weil das Publikum vor lauter Angebot nicht weiß wohin es sich wenden soll. Warum also nicht einfach mal eine Tour durch abgelegene Orte in Sibirien machen, wo im ganzen Jahr nur ein einziges Fest stattfindet, dort hat man dann bestimmt die ungeteilte Aufmerksamkeit des Publikums für sich.
Bevor uns das Thema nun aber entgleitet, zurück zu By Heart. Mindestens noch einmal so interessant wie ihre bisherige Erfolgsgeschichte wird wohl ihr weiterer Weg zu beobachten sein. Inwieweit ist es möglich festgefahrene Strukturen zu brechen und ohne Unterstützung der großen Plattenfirmen, Songs in Radio und Fernsehen zu bringen. Werden sie ihren Kurs beibehalten oder irgendwann doch nachgeben und einen Vertrag mit der Musikindustrie schließen, auf dass das entflohene Vieh zurück in die Herde kommt und nicht auf fremdem Grund Unruhe stiftet? Städte, Straßen und Plätze gibt es jedenfalls noch genug, da können sie sich in Ruhe austoben, ihre Holzkiste aufstellen und den Leuten zulächeln, die sich etwas Gutes tun wollen und eine CD daraus entnehmen.

Kommentare

Hey Sergant Pluck, Immer

Hey Sergant Pluck,
Immer wieder gern les ich deine texte...und bewundere deine Worte!!

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