Die Mutter aller Erfindungen

Nikola TeslaWie bringt man einen Physiklehrer auf die Palme? Indem man ihm ein Perpetuum mobile vorführt.

Vor etwas mehr als drei Jahren war eine andere Welt nicht nur möglich, sondern zum Greifen nahe. Die Lösung für so ziemlich alle Probleme wurde gefunden – eigentlich zwar nur für das Energieproblem, aber da man für so ziemlich alles in der Welt (Wohlstand zum Beispiel) Energie benötigt, sieht dagegen selbst das tapfere Schneiderlein mit seinen läppischen sieben Fliegen alt aus. Damals ließ die irische Firma Steorn Enterprise eher unläppische 125.000 Euro für ein ganzseitiges Inserat im „Economist“ springen, in dem eine technische Errungenschaft angepriesen wurde, die es eigentlich laut den Gesetzen der Natur nicht geben kann.

Eine wundersame Maschine namens „Orbo“ sollte das Vierfache der hineingesteckten Energie wieder ausspucken und damit Energie gewissermaßen aus dem Nichts herbeizaubern – noch dazu ohne Atommüll oder CO2-Belastung. Nachdem allerdings eine im Juli 2007 öffentlich präsentierte Demonstration aufgrund „intensiver Hitze durch die Kamerabeleuchtung“ gehörig misslang, wurde es still um das Unternehmen. Es sieht so aus, als ob der Kampf gegen die Physik wieder einmal verloren wurde …

Und sie bewegt sich doch

Dabei scheint die Physik nicht unbezwingbar zu sein. Drei Monate vor dem Jungfernflug der Gebrüder Wright im Dezember 1903 hatte noch ein Mathematiker „bewiesen“, dass eine Maschine, die schwerer als Luft ist, nicht fliegen kann. Was es nicht geben kann, darf es aber anscheinend auch nicht geben: Ganze zwei Jahre danach wurde der Flugbericht im renommierten „Scientific American“ noch als Zeitungsente abgetan. Tja, die Wahrheit kann ganz schön weh tun – wovon besonders die ein Liedchen singen können, die dafür im Feuer des Scheiterhaufens schmoren mussten. Schließlich wurde Galileo Galilei (der seine Lehren auf Druck der Inquisition widerrufen musste) erst 1992 von Papst Johannes Paul II. rehabilitiert, und dass sich unser Heimatplanet „doch“ im All bewegt, wird heute ebenso wenig bezweifelt wie die Flugtauglichkeit von AUA-Maschinen. Selbst wenn sich neue wissenschaftliche „Wahrheiten“ auch dieser Tage oft nicht durch Überzeugung, sondern – wie Max Planck anmerkte – durch das allmähliche Aussterben ihrer Gegner durchsetzen, so sind es gerade wissenschaftliche Revolutionen wie die Quanten- oder Relativitätstheorie, die immer wieder für den Nährboden neuer Fragestellungen und Weltsichten sorgen. Eine bessere Motivation für den Forschungsdrang kann es doch kaum geben – also immer her mit einer (funktionierenden) Zaubermaschine!

Aus der Traum

Einen entscheidenden Haken hat die Geschichte: Was auch immer eine Zaubermaschine fabriziert, es handelt sich mit Sicherheit NICHT um ein Perpetuum mobile – sofern damit eine Maschine gemeint ist, die Energie erzeugt. Das klingt auf den ersten Blick eigenartig, da in den Medien immer wieder von Energieerzeugung die Rede ist. Falls aber Wasser-, Wind-, Kern- oder Kohlekraftwerke wirklich Energie erzeugen sollten, dann müsste man ohnehin kein Perpetuum mobile mehr erfinden. Wenn hier etwas gewonnen wird, dann höchstens eine spezielle Energieform (elektrische Energie), die allerdings zuvor in anderer Form bereits vorhanden war: als Bewegungsenergie von Wasser und Wind, als Kernenergie oder in Form von chemisch gespeicherter Energie in Kohle. Die „gewonnene“ elektrische Energie wird dann in Form von Strom genutzt und schließlich wieder umgewandelt – je nach Elektrogerät in mechanische Energie, Strahlung und (oft unerwünscht) in Wärme. Dabei wird weder Energie erzeugt noch welche „verbraucht“ – die Gesamtenergie bleibt erhalten, wie ein_e Physiker_in sagen würde. Erhält man bei der Energiebilanz jedoch mehr Energie, als vorher da war (Orbo lässt grüßen), so gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder benötigt man Mathenachhilfe, oder es wurde eine Energieform angezapft, die man in der Rechnung nicht berücksichtigt hat. Wem etwa nicht bekannt ist, dass durch die Sonneneinstrahlung Energie transportiert wird, der_die müsste einen Solartaschenrechner unverzüglich beim Patentamt als Perpetuum mobile anmelden – Spott und Hohn garantiert. Und wer glaubt, die Physik mit einer Zaubermaschine ausgetrickst zu haben, hat sie eben wiederum nur mit Physik ausgetrickst. Ohne Ursache keine Wirkung, oder anders gesagt: Von nix kommt nix.

Verborgene Energie

Wer bereits mit dicken Geldbeuteln vor Augen ein bestimmtes Perpetuum mobile in Planung hatte, sollte jetzt nicht gleich den Kopf in den Sand stecken. Auch wenn keine zusätzliche Energie gewonnen werden kann, so verbietet die Physik immerhin nicht, Energie einer bis dato unbekannten Form in eine so genannte „freie Energiemaschine“ einzuspeisen. So wusste man vor 200 Jahren auch noch nicht, dass Wärme eine Form von Energie darstellt; ebenso wenig Ahnung hatte man davon, dass man jegliche Materie als Energieform betrachten kann (Sie wissen vermutlich schon von der berühmten Einstein-Formel). Bauen Sie also getrost Ihre Suchmaschine für verborgene Energieformen zusammen – bloß ein anderer Name als „Perpetuum mobile“ wäre empfehlenswert, falls Sie zum Patentamt schreiten. Allerdings sollten Sie sich ohnehin darauf einstellen, dass man Sie dort nicht unbedingt mit offenen Armen empfangen wird. Zu viele waren vor Ihnen von der Gier nach Ruhm und Reichtum befallen, von welcher man sich gerne zur einen oder anderen Schwindelei verleiten lässt. So wie Charles Redheffer zum Beispiel, der 1813 mit einer Maschine Aufsehen erregte, welche unbegrenzt Energie zur Verfügung stellen sollte – bis man später entdeckte, dass sie mittels eines versteckten Riemens aus Katzendarm von einem Komplizen am Dachboden angetrieben wurde. So viel also zu „verborgenen“ Energieformen …

Dunkle Mächte

Stichwort Reichtum – mit einer freien Energiemaschine würden Sie sich bestimmt in kürzester Zeit nicht nur Geld, sondern auch viele Freunde schaffen. Andererseits wird es auch viele geben, die nur wenig Freude mit einem Gerät haben, welches Öl und Gas so wertvoll macht wie einen Sack voll Luft. Möglicherweise würden einige großes Interesse daran haben, Sie und Ihre technische Errungenschaft schnellstens aus dem Verkehr zu ziehen. Oder wie sollte man sich sonst erklären, dass Erfinder_innen bzw. Unternehmen wie Steorn Enterprise der große Durchbruch stets verwehrt bleibt, wenn ihre Wunderwerke die Welt revolutionieren würden? So gibt es immer wieder selbsternannte Augen- und Ohrenzeugen, die von Laborverwüstungen und Attentaten in besagtem Zusammenhang erzählen. Der Physiker Nikola Tesla, Vater von Rundfunk und Wechselstromtechnologie, wurde etwa am 8. Januar 1943 in seinem New Yorker Hotelzimmer tot aufgefunden – tags darauf hätte er laut Gerüchteküche US-Präsident Roosevelt von seinem neuen Energiekonverter informieren sollen. Durchforstet man einschlägige Internetseiten zum Thema „freie Energie“, so stößt man mitunter auf zumindest bedenkliche Verschwörungstheorien, die das Grundübel der Welt an der „Ostküste“ ansiedeln. Nicht wenige sind bekanntlich der Meinung, dass auch Jörg Haiders Tod eher dem Mossad als dem Alkohol zuzuschreiben ist – ob der damalige Kärntner Landeshauptmann etwa auch Zaubermaschinen entwickelt hat? Außer Gott kennt nur einer die Wahrheit: Gerhard Wisnewski.

Sollten Sie ein Leben fernab von Verschwörungen präferieren, so sei Ihnen also von der Konstruktion freier Energie- oder sonstiger Zaubermaschinen abgeraten. Alternativ dazu wären Ihnen viele sehr verbunden, wenn Sie sich für eine etwas weniger abenteuerliche Lösung des Energieproblems engagieren würden. Dieses besteht ohnehin eher im viel zu hohen Bedarf (aus höherem Energiebedarf folgt höhere Umweltbelastung) denn im geringen Vorrat – immerhin erreichen uns Tag für Tag durch die Sonnenstrahlung im Mittel ca. 20 Megajoule (entspricht in etwa dem Energieinhalt von einem Kilogramm Braunkohle) – pro Quadratmeter Erdoberfläche! Und das noch dazu kostenlos! Also Ärmel hochkrempeln und Gehirnzellen anstrengen – denn wie heißt es so schön: Von nix kommt nix!

*Weiterführendes:*
– Kaku, Michio: Die Physik des Unmöglichen. Rowohlt (2008).
– Eine ausführliche Website über das Perpetuum Mobile und seine Geschichte: http://www.hp-gramatke.de/perpetuum/index.htm
– Steorn Enterprises: http://www.steorn.com
– „Journalistische“ Ausdünstungen des Herrn Wisnewski gibt es unter anderem beim Kopp-Verlag oder unter http://www.gerhard-wisnewski.de. Es empfiehlt sich allerdings, Zeit, Geld und Kopfschütteln sinnvoller zu investieren.
– Wichtige Tipps für solche, die sich partout nicht vom Bau eines Perpetuum mobile bzw. einer freien Energiemaschine abbringen lassen: http://www.phact.org/e/con_man.htm

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