Die Revolution

Wohin gehen wir? Wer kommt mit? Der Blick auf die neue Generation lässt Stimmen laut werden, die von verantwortungs- und orientierungslosen Jugendlichen berichten. Statt Kindern machen sie Partys. Politisch desinteressiert taumeln sie kinderlos zwischen Disco und Arbeitsplatz einher und verschwenden keinen Gedanken daran, Familien zu gründen. Darf man den „Stimmen der öffentlichen Meinung“ Glauben schenken?
Ein Bericht über Wege, Möglichkeiten und Krisen der letzten Handvoll Generationen.

Als Vikor Frankl 1977 über „Das Leiden am sinnlosen Leben“ schrieb, umriss er damit nicht nur den Weg einer Gesellschaft. Er schuf ­damit einen Begriff, welcher einer ganzen Generation persönlich einleuchtend schien. Den Begriff der „Existentiellen Frustration“.
Frankl rückt in seinen Thesen die Anfälligkeit der Gesellschaft auf ein „Gefühl der Sinnlosigkeit und inneren Leere“ ins Licht.

Wer waren also die Menschen, denen Frankl den Verlust des „Lebenssinns“ diagnostizierte?
Zweifellos war er als Dozent der Psychologie in Wien und Kalifornien eher mit der jüngeren Generation der Siebziger im Gespräch.
Anders als ihre Eltern, welche (zumindest in Wien) das klar erkenntliche Ziel Wiederaufbau und Berufsausübung zum Familienerhalt vor Augen hatten, standen sie vor einer Pers­pektivenvielfalt, die es selten zuvor gegeben hatte. Papst Paul VI. nannte Österreich im Jahre 71 bei seinem Besuch gar die „Insel der ­Seligen“. Sie fanden sich mit 8mm-Kamera im Urlaub wieder. Der Wiederaufbau war geschafft. Die Baustellen ihrer Eltern hatten sie nie betreten, den Staatsvertrag nicht unterzeichnet. Neutrali­tät und Sozialstaat schufen ein Milieu, das der neuen Generation Stabilität und Sicherheit in die Wiege legte. Und doch schien sich die Sinnsuche bedeutend schwieriger zu gestallten.

Auch auf sozialer Ebene hatte sich einiges geändert. Traditionen wichen einer individu­ellen Lebensgestaltung. Das Familienbild des Vaters, der die Familie finanziell absicherte, und der Mutter, die den Haushalt führte, war nicht mehr aktuell. Hochschulen und Studien waren für Menschen aus den unterschiedlichsten Schichten erreichbar.
Doch die Möglichkeit, sich aus mannigfaltigen Aufgaben eine zu wählen, scheint viele vor ein Problem zu stellen. Viel größer scheint die Aufgabe, seine Aufgabe zu finden, als sie bloß zu erfüllen. Frankl zitiert Harvey Bailey: „Es gibt nur eine einzige Art und Weise, das Leben auszuhalten: immer eine Aufgabe zu erfüllen haben.“

Das Leben in der alten Tradition ist neben dem Faktor „veraltet“ auch noch durch Tatsachen wie Lohngestaltung, welche den Alleiner­halt einer Familie unmachbar erscheinen lässt, geprägt. Das Wirtschaftswachstum der Nachkriegszeit macht mittlerweile kleinere Schritte. Arbeits­losigkeit kommt langsam aber sicher auf’s Tapet. Frankl kennt den Begriff der „existentiellen Leere“ auch in der Arbeitslosigkeitsneurose. Es gibt nicht nur eine Freizeit von etwas, sagt er, sondern auch eine Freizeit zu etwas. Schon Schopenhauer hatte gemeint, die Menschheit pendle zwischen Not und Langeweile.

Doch wie sieht das Leben der „neuen Generation“, der Generation der Jahrtausendwende aus?
Das Vorurteil „Jugend interessiere sich nicht für Politik“ sollte so mancher angesichts der Wahlbeteiligung von Jugendlichen zwischen 16 und 18 neu überdenken. Satte 85 Prozent der Jugend­lichen hatten den Weg zur Wahlurne gefunden.
Sowohl Vorstellungen als auch Erwartungen an die Zukunft im Berufsleben weisen bei jungen Männern und Frauen verblüffende Ähnlichkeiten auf. Einzig in der Frage nach der Vereinbarkeit von Familie und Beruf trifft man hier auf ein Gender-Gap. Betrachtet man die Frage nach der Baby-Pause, ist diese bei den weiblichen Vertretern der neuen Generation wesentlich ausgeprägter. Dem steht eine Be­vorzugung von jungen Frauen am Arbeitsmarkt gegenüber, die weder Kinder im Kleinkindalter haben noch in nächster Zeit welche wollen.
Sieht die neue Marktwirtschaft den Menschen als soziales Wesen überhaupt noch vor?

Schlagworte wie Globalisierung, Working-Poor und die New Economy sind längst kein Zukunftsgeschwätz mehr. Der Begriff des Sozialromanti­kers reift langsam aber stetig zur Metapher des leichtgläubigen Optimisten. Pensionen scheinen immer mehr Ähnlichkeiten mit Wahlversprechen aufzuweisen. Die Zahl der Eheschließungen – auf 1000 Einwohner – fiel von 8,5 (1961) auf 5,1 (1997), begleitet von drastisch rückläufigen Geburtenraten. Der längere Verbleib der Jugendlichen im Bildungssystem über die Pflichtschule hinaus ist rapide gestiegen, er zählt fast schon zur Norm. Verständlich, dass sich hier auch der Kinderwunsch oft Zeit lässt. Familien der Jugendlichen finanzieren teils unter großen Anstrengungen die Ausbildung. Und doch wartet die Angst vor Arbeitslosigkeit schon am Gipfel der Lehr- oder Studienzeit. In Anspielung auf ihre praktische und kostenlose verwendbarkeit in der freien Marktwirtschaft bekommt die neue Generation den liebevollen Kosenamen „Generation Praktikum“. Wer da noch an die Haltbarkeit eines Sozialstaates glauben möchte, braucht tatsächlich einen gewissen Hang zur Romantik.

Die Reaktionen auf die vorherrschenden Möglich­keiten der jungen Generation sind vielfältig.
Man kennt hier die „Orientierungslosen“, die in Bezug auf Lebensplanung und Zukunft keine konkreten Ziele verfolgen. Man sagt ihnen Mangel an Selbstmanagementfähigkeit und Unter­qualifizierung nach. Ihre Perspektive: Mo­dernisierungsverlierer. Ihnen schließen sich die „Nicht-jetzt-AkteurInnen“ an. Man erkenne sie an wenig Reflexionsniveau und Reflexionsbe­reitschaft, Fatalismus, Informationsdefizit und Naivität. Sie zögerten Berufsentscheidungen hin­aus. Passives Abwarten präge ihre Handlungsweise. Im Wesentlichen erkenne man sie aber an ihrem sozialromantisch verklärten Blick auf ihre berufliche Zukunft.
Erfreulicher ist denn schon der Blick auf die „Eigeninitiativen“. Sie setzen auf Eigenverantwortung und positives Denken. Leitsprüche wie „Man muss nur wollen“ und „Wer suchet, der findet“ begleiten ihr effizientes Selbstmanagement. An ihrer Seite die „Traditionell Soliden“, die sich an ihrer Eltern und Großelterngeneration orien­tieren. Sie schmieden sich einen Lebens­plan, der langfristige Sicherheit, Planbarkeit und Stabili­tät sichern soll. Dafür seien sie wesentlich unflexibler und bedürftiger, was Kontinuität be­trifft.

War es damals besser? Wird es morgen gut sein? Wohl kaum. Vielmehr gilt es aktuelle Fragen aufzuwerfen und Antworten zu finden. Auf in den Kampf!
Denn: „Der Mensch lebt nicht von der Arbeits­losenunterstützung allein.“

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