Die Strottern

Die Strottern

„Ich hab eine irrsinnige Hassliebe zum Wienerlied.“ Der lange Weg und die vielen Umwege der vielleicht interessantesten Band des Landes.

Als die Strottern 1998 ihr Debutalbum veröffentlichen, wissen sie eigentlich noch gar nicht so genau, was sie da machen. Sie sind zu der Zeit hauptsächlich in der Popband Stringbeans aktiv, die sich kurz vor Albumveröffentlichung in Merkes (2002) umbe­nennt – und kurz danach auflöst. Zu Recht. Ich hab versucht, das Album durchzuhören, hab es dann aber nicht geschafft und nur ganz grob drüber geskippt. Der Ball kommt flach … Servus Gschäft!


Nicht nur, daß Klemens Lendl und David Müller 1998 also in einer schmierigen Allerweltsband feststeckten, von der sie glauben, sie könne doch noch den kommerziellen Durchbruch bringen, sondern ihr neues Projekt „die Strottern“ ist zu dem Zeitpunkt alles andere als ausgereift. Zwar habe ich das Album nicht gehört, aber heute sind sie froh, daß der unselige erste Tonträger vergriffen ist. Es finden sich darauf auch Wienerlieder, die Lendl heute („95% der Wienerlieder sind zum Speiben“) aus textlichen Gründen nicht mehr über die Lippen kommen würden. Der „goldene Hamur“ und die „wienerische Weinseligkeit“ sind nach und nach weggefallen und haben sich heute zu einer vehementen Gegenposition in Bezug auf die „guate oide Zeit“ verkehrt. „Wir singen dezidiert nicht über Wein.“
Begonnen hat die Wienerliedermacherei übrigens mehr oder weniger aus einer Geburtstagseinlage für diverse Onkeln und Tanten. Als plötzlich ein Name her muß, entlehnen sie „Strottern“ aus dem Wienerlied-Klassiker „Wenn I amal stirb“ – ohne zu wissen, daß es im Nominativ Plural „die Strotter“ (Dialektlexikon: „Die nach verwertbarem Suchen“ – gemeint: Sandler) heißen müßte. Im genannten Lied ist das Wort aber im Dativ (Tuat’s es den Strottern sogn), und daher kommt auch das N. Zunächst bringt ihnen der falsche Bandname etwas Spott in der Wienerliedszene ein, aber schon bald werden sie sehr ernst genommen. Lendl: „Das war damals exotisch, weil wir so jung waren, aber es war eigentlich nicht der Plan, dabei zu bleiben. Auf Vorschlag eines deutschen Labels haben wir das Debut eingespielt – ohne die Lieder wirklich zu können. Das ist dann aber erstaunlich gut angekommen – auch auf Ö1. Reingebuttert haben wir in die Popband, und da is nix passiert, und dann hast du plötzlich Angebote!“
2001 lernen sie den Peter Ahorner kennen, und 2003 veröffentlichen sie ein Album mit den Vertonungen seiner Texte. „Mea ois gean“ besteht zum Großteil aus Liebesliedern, und genau das ist auch das besondere daran. Lendl: „Im Wienerlied-Umfeld ein Liebeslied zu singen – das ist subversiv. Das einzige, das ich sonst kenne, ist ‚i hob di goa so gean‘, sonst ist die Frau immer ein süßes Maderl oder eine depperte Oide.“ Ab 2006 schreibt Lendl auch eigene Texte, und 2008 veröffentlichen sie mit I gabat Ois ein Album, das noch lange Zeit das Maß aller neuen Wienerlieder sein wird. Es knirscht und knarscht, wiegt und wogt, taumelt, schwelgt und vor allem ist es „heutig – weil sonst kannst du das ganze Genre zusperren. Wenn ein Leid nur Museum ist und ich es nicht schaffe, etwas heute Relevantes mitzunehmen, dann fällt es raus.“ (Lendl)
„Ich hab mit 15 aufgehört mit dem Geigenunterricht, weil ich wußte: Klassik, das wird bei mir nix“. Heute schimpft Lendl sich gern einen Dilettanten, aber die meisten seiner HörerInnen halten ihn wahrscheinlich dennoch zu Recht für einen Virtuosen – auch wenn er alles in der ersten Lage spielt. Mit David Müller war er schon damals gut befreundet, und noch bevor es in den Popbereich geht, erarbeiten sich die beiden ein kleines Jazzrepertoire. Damit spielen sie dann in der Fußgängerzone Klosterneuburg, bei Bällen oder Hochzeiten. Um die Entstehungsgeschichte der Band und die vielen Umwege wirklich zu verstehen, muß man aber sogar noch weiter zurück, und zwar unter anderem in die Kindheit von Clemens Lendl. „Alle Menschen san ma zwider (Kurt Sowinetz Album von 1972) war mein erster Kontakt mit dem Wienerischen. Meine Mama hat die Platte geliebt, und sie hat sie oft aufgelegt – sie bei der Hausarbeit und ich daneben am Matador.“
Dass die Tradition der Wienerlieder generell zwischenzeitlich so ganz und gar eingebrochen oder auch eingeschlafen ist, hat wahrscheinlich auch mit dem Dritten Reich zu tun. Alles was auch nur ansatzweise national war – und auf einen guten Teil der Lieder, die in den Kremseralben (Anm: Dreibändige Wienerliedersammlung um 1910) abgedruckt sind, trifft das zu –, war über Jahrzehnte hinweg tabu. Das galt leider auch für die Lieder, die den Nazis nicht in den Kram gepasst haben oder hätten. Lendl: „Das greifen erst wieder Generationen an, die weit genug weg sind davon. Jetzt greifst du wieder unbeschwerter rein, in die Kiste. Aber eine gewisse Kraft brauchst du, um das Wienerlied zu legitimieren. Wir haben das immer aufladen müssen, mit einem gewißen Zorn. (…) Ich hab eine irrsinnige Haßliebe zum Wienerlied“.
Seit rund zwei Jahren können die Strottern von ihrer Musik leben. Davor war Lendl Redakteur bzw. Texter bei Siemens und hat von der Mitarbeiterzeitung bis zur „Bedienungsanleitung für Spülmaschinen“ alles Mögliche geschrieben. Müller hat Klaviermacher gelernt und insgesamt 12 Jahre für Bösendorfer gearbeitet. Nach 10 Jahren nimmt er von 2000 bis 2002 eine Auszeit, um die String­beans/Merkes-Produktion voranzutreiben bzw. weil er es leid ist, als einziger im Freundeskreis zu hackeln, während sich die anderen einen studentischen Lenz genehmigen. Schon seit 1994 betreibt er ein kleines Heimstudio, das er 2003 großteils auf analog umgestellt hat.
Müller hat als Kind Klavier gelernt. Der Vater hatte 4 Klaviere und wäre am liebsten selbst auch Musiker geworden – was der Schwiegermutter aber nicht recht war. Dennoch: Seine Leidenschaft blieb der Jazz, und den gab er an seinen Sohn weiter. Auch in der Familie Lendl wurde immer schon fleißig musiziert. Man gestaltete die klassische Messe in der Pfarre St. Martin (Klosterneuburg), während die Familie Müller die Jazzmesse gestaltete. Die beiden Familien gingen ausdrücklich nicht zu den Messen der jeweils anderen. Wie Lendl und Müller dann doch noch aus diesem Romeo+Julia-Dilemma gefunden haben und Freunde wurden, wissen Sie heute nicht mehr so genau.
Der letzte Release Das große Glück (Live-Album 2010) wurde auch deshalb veröffentlicht, um die Fehler bzw. die patzige Liedwahl des Debuts wieder gutzumachen. Entstanden ist ein Album mit den alten Wienerliedern, die die Band bei Konzerten zwischen die Eigenkompositionen streut. Lendl: „Es wertet das eine das andere total auf – das Alte und das Neue. Das macht mir auch großen Spaß: die Alten auf die junge Fährte zu bekommen und umgekehrt.“ Live ist die Band nicht zu schlagen. Kein akustisches Duo macht so viel Wind und ist so im besten Sinn unterhaltsam, ohne auch nur eine Sekunde ins Halb­lustige abzudriften. Die Performance ist charmant, energetisch und dramaturgisch perfekt. Dennoch wehrt sich Lendl vehement gegen alles Künstliche in seiner Performance: „Das größte Nicht-Kompliment, das ich manchmal höre, ist: Du bist so ein toller Schauspieler! Weil ich nicht schauspiele. Schauspiel ist ein darstellerisches Hilfsmittel, um Text zu transportieren, und das beschränkt sich bei mir auf ganz wenige Gesten.“
Beim kommenden Album wird personell aufgestockt – um zwei Bläser. Müller: „Der Blechsound schwebt uns schon sehr lang vor, und das ist noch verstärkt worden durch die Zusammenarbeit mit der Jazzwerkstatt. Wir haben lange überlegt, und dann sind wir bei Posaune und Flügelhorn angekommen.“ Das ganze wird wahrscheinlich unter dem Namen Strottern + Blech firmieren.
Die Strottern sind nicht die einzige Band, die dem Wienerlied seine Existenzberechtigung für das 21ste Jahrhundert ausstellt. Um eine sehr radikale Frischzellenkur macht sich auch das Kollegium Kalksburg verdient, und in Walther Soykas legendärer Non Food Factory gibt sich das neue Wien gegenseitig die Klinke in die Hand. Ich weiß mit Sicherheit, daß wir unmittelbar vor einer neuen Blütezeit des Wienerlieds stehen, die das Genre herausholen wird aus dem undankbaren Platz als Hintergrundmusik für besoffene Heurigenbesucher. Die Strottern sind hundertmal „heutiger“ als die FM4-Charts es jemals sein könnten.
Anfänglich gab es wie bereits Angesprochen auch kritische Stimmen aus dem Wienerliedumfeld. Neben dem falsch geschriebenen Namen waren den altehrwürdigen InterpretInnen bzw. HüterInnen des staubigen Grals auch die Moderationen auf Hochdeutsch zunächst hochsuspekt. Lendl: „Diesen Gegenwind verspüren wir jetzt nicht mehr – aber wir erhalten uns das Gefühl.“

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