Die Tür zum Keller

Aus der Erzählung Unser Jahr mit Gertrude

kellertürSeit wir in dieses Haus gezogen sind, ließ uns Gertrude, unser ebenso schrulliger wie liebenswerter „Hausgeist“, keine Ruhe … so unschätzbar ihre Hilfe bei der Ribisel-Ernte war, so eigenwillig waren ihre Angewohnheiten, die sie aber keinesfalls aufzugeben gedachte.

Und dann war da noch Gertrudes unerklärliche Angst vor dem Keller, den sie nur in den dringensten Fällen zu betreten pflegte; meist erfand sie aber irgendeine Ausrede, um nicht in den Keller gehen zu müssen.

In den Keller hinabzugehen, so behauptete sie, bereite ihr wegen der Stufen zu große Mühe, oder sie gab an, sie könne ihre für das Unterfangen benötigte Hausschuhe nicht finden, irgendjemand müsse diese verstellt haben, wobei sie wechselweise unsere Hunde oder die Kinder verdächtigte. Die Wahrheit war aber, dass Gertrude, die ja von Kind an in diesem Haus wohnte und darin sozusagen aufgewachsen war, sich seit dieser ihrer Kindheit immer geweigert hatte, in den Keller hinabzugehen, da sie, wie sie uns einmal im Vertrauen gestand, seit sie denken könne, stets davor Angst gehabt hatte. Immer, wenn sie als Kind an der Tür, die zum Keller hinabführte, vorbeigekommen sei, habe sie ein unheimliches, ein düsteres Gefühl beschlichen; immer habe sie hinter dieser Tür etwas Grauenerregendes, Bedrohliches, ja Fürchterliches gespürt, ohne dass sie sagen könne, was genau so grauenerregend, bedrohlich und fürchterlich hätte sein können, es sei eben etwas Unaussprechliches, das sie immer hinter dieser Tür zum Keller vermutet habe, und sooft sie an dieser Tür vorbeigekommen sei, war es ihr, als ob ihr jemand oder etwas aus dem Keller heraus etwas zuflüstern wolle, vielleicht jenes Unaussprechliche zuflüstern, das sie hinter der Tür vermutete. Sie habe als Kind eben viel Phantasie gehabt und sich daher immer rechtschaffen davor gefürchtet, in den Keller hinabsteigen zu müssen. Das habe aber damals natürlich niemand verstanden, Phantasie, das haben sich nach Ansicht der Altvorderen nur Wohlhabende leisten können, wir aber, so Gertrude, konnten uns damals keine Phantasie leisten. Heutzutage dürfe ja jeder eine Phantasie haben, aber damals durfte man das nicht, das könne sich heute ja keiner mehr vorstellen. Sie habe auf Geheiß der Altvorderen als Kind andauernd versucht, ihrer Phantasie Einhalt zu gebieten, aber das sei eben nicht immer gelungen, besonders, wenn sie in die Nähe der Kellertür gelangte.
Ob es sein könne, dass sie auch heute noch dieses unheimliche Gefühl vor dem Keller verspüre, hatten wir sie gefragt, aber Gertrude hatte alles abgestritten. Das seien doch alberne Kindereien, hatte sie gemeint, als Kind habe sie sich freilich immer davor gefürchtet, in den Keller hinabzusteigen, jetzt aber sei sie aber doch kein Kind. Als Kind, da habe sie vielleicht von Bergmönchen geträumt und vielleicht von Erdgeistern und ähnlichen Dingen, aber nun sei sie doch schon alt und wünsche nicht, immer noch als Kind angesehen zu werden.

Wir wussten damals nichts mehr darauf zu erwidern, zumal Gertrude schon in einen etwas aufgebrachten Zustand geraten war und wir ja schon aus reiner Höflichkeit einen Konflikt vermeiden wollten. Angesichts ihrer Beteuerungen aber, sie habe nunmehr keinerlei Bedenken mehr, in den Keller hinabzusteigen, erschien es uns aber als höchst merkwürdig, dass sie dieses noch immer tunlichst vermied und sich mit den unsinnigsten Ausflüchten vor dem Betreten des Kellers drückte. Entgegen Gertrudes vorgeblicher Furchtlosigkeit, was das Aufsuchen dieses Kellers betraf, mutmaßten wir, in Ermangelung einer anderen Erklärung, dass Gertrude, möglicherweise aus Scham, uns gegenüber unehrlich gewesen war, als sie abstritt, sich noch immer vor dem Keller zu fürchten. Was aus unserer Sicht dafür sprach, war Gertrudes doch hin und wieder offensichtliche kindliche Unbefangenheit, die sie zuweilen an den Tag legte. So war es früher zum Beispiel vorgekommen, dass sie sich vormittags in unserer Küche aufhielt und währenddessen Kreuzworträtsel löste, wobei sie oft aus für uns nicht nachvollziehbaren Gründen unablässig kicherte; die Kreuzworträtsel waren hinterher immer ganz falsch ausgefüllt gewesen, oder sie hatte in die leeren Kästchen Blumen und kleine Tiere oder Äpfel hineingezeichnet, was uns aber nicht weiter verwunderte, zumal Gertrude uns gerne weismachte, sie sei so einfach gestrickt, dass sie die einfachsten Kreuzworträtselfragen nicht beantworten konnte; in Wahrheit war Gertrude aber so klug, dass sie längst auf alle Fragen eine Antwort hatte und das Kreuzworträtsellösen ihr daher die unerträglichste Langeweile bereitete.
Mitunter fanden wir sie im Garten, wohin sie zum Wäscheaufhängen geschickt worden war, nachdem wir die gewaschene Wäsche meist selbst aus dem Keller, wo die Waschmaschine stand, geholt hatten, wie ein kleines Mädchen selbstvergessen im Gras unter dem alten Apfelbaum sitzend und wilde Margeriten zu einem Kranz bindend, unterdessen sie fröhlich vor sich hin summte. Wir hatten uns an Gertrudes Tollheiten gewöhnt, von denen es noch einige zu erwähnen gäbe, die durchaus als liebenswert zu bezeichnen sind, abgesehen vielleicht von ihrer Angewohnheit, unseren Hunden dann und wann heimlich eine Dose Weinbeuschel zu verabreichen, Gertrudes eigenem, von ihr als ‚Lungenhaschee‘ bezeichneten Leibgericht, was bei den Tieren zu deren wie unserem Unbehagen zumeist eine schlagartig verdauungsbeschleunigende Wirkung zeitigte.

Je mehr wir aber unsere Verwunderung über Gertrudes Eigenarten mit der Zeit ablegten, umso stärker wuchs unsere Neugier, was die Hintergründe von Gertrudes Abneigung gegenüber dem Keller betraf, sodass wir uns zuweilen selbst schon vor der Tür zum Keller wiederfanden, verstohlen in den Keller hineinhorchend, oder unserem eigenen bangen Herz lauschend, währenddessen wir uns fragten, um welche grauenerregenden, unaussprechlichen Vorgänge es sich handelte, die Gertrude in der Nähe der Kellertür offenbar noch immer in einen ängstlichen Zustand versetzten. Immer öfter horchten wir mit gespannten Sinnen an der Kellertüre, in den Keller hinein, und mitunter glaubten wir selbst schon, dass es tatsächlich aus der Tiefe des Kellers zu uns heraufflüsterte, wiewohl es doch, wie wir erschaudernd feststellten, in Wahrheit aus den Abgründen unserer eigenen Seelen heraufflüsterte.

Lassen wir uns überraschen, liebe Lesefreunde, was im nächsten „Bagger“ auf uns wartet! Erfahren wir mehr über jenes Abgrundtiefe, Unaussprechliche, das uns im Keller und letztlich in uns selbst begegnete? Oder werden uns die verantwortlichen Herren Chefredakteure abermals einen neuen Autor, eine neue Autorin bescheren?

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