Die Talisman-Sensation

Offene Münder! Vor Überraschung ergraute Sommerpelze! Ganz was Neues: Nestroy in der Josefstadt! Am 21. Mai hat unter der Regie von Michael Gampe die Posse „Der Talisman“ von Johann Nestroy Premiere. Warum auch Aktuelles spielen, wenn Otto Schenk seinen Rollentext noch im Langzeitgedächtnis gespeichert hat. Aber nicht nur das hat sich das uraltehrwürdige Theater in der Josefstadt gedacht, es erkennt in dem Stück über die soziale Wirklichkeit im Biedermeier auch eine der „reizvollsten und aktuellsten“ Satiren Nestroys. Der Glücksritter Titus Feuerfuchs, der aufgrund seiner roten Haare gemieden wird, erklimmt die Karriereleiter zum Gärtner, Sekretär und schließlich Universalerben mithilfe einer schwarzen, blonden und grauen Perücke. Schlussendlich kehrt er zur Wahrheit, zur großen Liebe und zum Rotschopf zurück. Da menschliche Charakterschwächen nicht der Mode unterworfen sind, hat man mit dem Verweis auf die Aktualität des Stücks sogar auf Umwegen Recht, aber sozialkritisches Theater im achten Bezirk zu erwarten, wäre dennoch mehr als übertrieben. Erstens traut die Josefstadt ihrem Publikum anscheinend nicht zu, die Aktualität zu erkennen, und empfindet die Notwendigkeit, die Analogie zwischen farbigen Perücken und Hautfarben zu erklären. Und außerdem ist ja das Stammpublikum der Wiener Josefstadt allseits bekannt dafür, nichts mehr zu wünschen, als im Theater auf die Ungerechtigkeiten der Welt aufmerksam gemacht zu werden. Um dann allabendlich von der Josefstädterstraße bis zum Parlament zu marschieren, wo sie für eine bessere Existenz kämpfen, damit solche Theaterstücke nicht mehr gezeigt werden müssen.

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