Die uferlose Suche nach dem Selbst

Was uns Selbsthilfebücher über unsere Gegenwartskultur erzählen.
*Eine Analyse anhand Robert Pfallers Kulturtheorie. *

Der Erfolg ist in dir, du schaffst es – nämlich alles, was du willst, du musst nur ganz fest daran glauben und so oft wie möglich positiv denken. Sei ganz du selbst und die Welt liegt dir zu Füßen. Sorge dich nicht, lebe – als kleine Draufgabe erfährst du, wie man Freunde gewinnt. 5 Wege zum Glück, 77 Schritte zum Erfolg, 1000 Arten, du selbst zu werden – die Wege zum persönlichen Glück sind wahrlich vielfältig, die Ratgeberliteratur dementsprechend zahlreich. Kaum eine Buchhandlung, die nicht eine eigene Abteilung für „Selbsthilfe“ oder „Lebenshilfe“ führt, gefüllt mit allerlei Weisheiten darüber, wie das eigene Leben zu gestalten ist.

Doch so zahlreich die Selbsthilfebücher auch erscheinen und so verschieden die darin aufgezeigten Glückswege sind, lässt sich dennoch ein gemeinsamer Nenner finden: Sie kreisen um das eigene Selbst, das es zu finden gilt. Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied – so das dem Großteil an Ratgebern zugrunde gelegte Paradigma. Selbsthilfebücher boomen – wie lässt sich dieses Phänomen erklären? Deutet die Fixierung auf das eigene Ich in der Ratgeberliteratur auf einen generellen Narzissmus in der Gegenwartskultur hin?
Geht es nach Robert Pfaller, Philosoph und Kulturtheoretiker, leben wir derzeit in einer narzisstischen Kultur. Pfaller beruft sich dabei auf den amerikanischen Soziologen Richard Sennett, der erkannte, dass sich westliche Gesellschaften seit den späten 60er Jahren von „außen-geleiteten zu innen-geleiteten Verhältnissen“ (Sennett 1974, S. 18) entwickeln. Äußere Beobachtung wurde durch innere Selbstbeobachtung ersetzt. Gemäß Sennett ist die europäische Kultur seit der Renaissance durch eine Trennung zwischen der öffentlichen und der privaten Person gekennzeichnet: In der Öffentlichkeit gilt es, eine bestimmte Rolle einzunehmen, Codes von Erziehung, Höflichkeit, zivilisiertem Benehmen etc. gehören zum Spiel dieser Rolle. Sorgfältig getrennt davon wurde die private, intime Person. In den späten 60er Jahren begann die junge Erwachsenengeneration dieses Spielen einer Rolle in der Öffentlichkeit anzuprangern: Vor allem auch deshalb, weil es als Teil der öffentlichen Rolle zum guten Ton gehörte, über bestimmte Dinge besser nicht zu sprechen, beispielsweise über die Gräueltaten des Zweiten Weltkrieges. Die 68er-Generation forderte stattdessen: „Sag, was du dir wirklich denkst; sei ganz du selbst“ – Leitsprüche, die seit den 60er und 70er Jahren zu Verhaltensmaximen geworden sind. In der Öffentlichkeit eine Rolle zu spielen, wurde hingegen gleichgesetzt damit, sich in die Macht der anderen zu übergeben, fremdbestimmt zu handeln. Das Anprangern der öffentlichen Rolle hatte zur Folge, dass sich die Trennung zwischen einem theatralischen öffentlichen und einem intimen Raum mehr und mehr aufzuheben begann.
Laut Robert Pfaller wurde so der öffentliche Raum durch die wahre Natur der Person verdrängt: „Nicht gekonntes Auftreten ist es, was zählt, sondern vielmehr Authentizität, so unverdorben durch jegliche Fertigkeit wie nur möglich.“ Die Fixierung auf das eigene Ich lässt alle Aufmerksamkeit für die Außenwelt unmöglich machen. In dieser Grundhaltung sieht Pfaller einen mitentscheidenden Faktor für die derzeitige Finanzkrise: „Das ist der Grund, weshalb westliche Bevölkerungen unfähig wurden, sich gegen das neoliberale ‚dealing und stealing‘ zu wehren. Die meisten wollten nun ganz sie selbst sein. So achteten sie weniger auf das, was andere von ihnen haben wollten.“
Besonders deutlich zeigen sich die Auswirkungen einer verstärkten Fixierung auf das Ich in der Arbeitswelt: Die vermehrte Verinnerlichung bedingt eine Subjektivierung, d.h. jeder Vorgang wird nicht mehr nach objektiven Kriterien beurteilt (z.B. wie viel Geld bekomme ich für welche Arbeit?), sondern nach subjektiven (z.B. kann ich mich mit meiner Arbeit identifizieren?). Gerade in der Kreativbranche nehmen viele ArbeitnehmerInnen in Kauf ,für wenig Geld und auf Basis prekärer Arbeitsverhältnisse das zu machen, was sie wirklich wollen. Die Identifikation mit der Arbeit ist wichtiger als ein gerechter Verdienst etwa.
Die Selbstverwirklichung hat also durchaus ihren Preis. Dazu kommt, dass die Selbstfindung im Grunde genommen nie ihr Ziel erreichen kann, wie Robert Pfaller zurückgreifend auf Sennett bemerkt: „Die Suche nach dem wahren Selbst ist uferlos und kann […] niemals zufriedengestellt werden.“ (Pfaller 2008, S. 153) Womit sich die tatsächliche Wirkkraft von Selbsthilfebüchern um einiges relativiert.

Literatur:

  • Pfaller, Robert: Das schmutzige Heilige und die reine Vernunft. Symptome der Gegenwartskultur. Frankfurt am Main, 2008.
  • Sennett, Richard [1974]: Verfall und Ende des öffentlichen Lebens. Die Tyrannei der Intimität. 12. Aufl. Frankfurt am Main, 2001.
  • Fernsehinterview „Sternstunde Philosophie“: Das schmutzige Heilige und die reine Vernunft. Die Kulturkritik des österreichischen Philosophen Robert Pfaller. Schweizer Fernsehen, Dezember 2008.
  • http://www.teleboy.tv/video/SternstundePhilosophieDasSchmu/feature/8532/...

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