Die Verzehrung der Gerichtsmedizinerin

“‘Gessen wird das, was am Tisch kommt, selbst wenn’s die Schwiegermutter ist”, lautet zwar ein Sprücherl meines Vaters (Nachkriegsgeneration!) – ob er jedoch zu seinem geflügelten Wort stünde, wenn man ihm das auftischte, was die Gerichtsmedizinerin damals vor unseren Augen schnabulierte, bleibt zweifelsfrei zweifelhaft.
Dagegen war das von meinem Kindergarten-Sitznachbarn ausgespuckte, flachsig fette Riesenbröckerl Reisfleisch ein Lercherl. Angeekelt würgte ich es hinunter, aus Angst, die Tante könnte mich für den schlatzigen Klumpen totes Tier, der da neben meinem Teller lag, rügen und mich zurück zu den kleinen Hosenscheißern versetzen.
Nun gut, also bitte zu Tisch.

Es begab sich Silvesters vor circa vier Jahren, als uns der Gastgeber einer Jahreswechselfeier sein bereits seit Tagen totes Haustier präsentierte: Eine handgroße Eidechse mit hängendem Schwanz und verfärbter Schuppenhaut – die Leichenstarre dürfte bereits einer schlaffen Zersetzung gewichen sein. Die kleine Agame war nämlich ausgebüchst, verhungert und erst am Partytag hinter einem Kasten wiederentdeckt worden.
Ob die Gerichtsmedizinerin mit dem, was sie tat, ihre vorherige Erzählung untermauern oder uns einfach nur zeigen wollte, dass ihr vor gar nichts graust, weiß keiner so genau. Uns grauste dafür umso mehr, als sie der toten Echse plötzlich den Kopf abzubeißen begann. Nicht nur, weil beim Abbeißen bestialischer Gestank in unsere Nasenlöcher drang (mindestens so bestialisch stinkend wie der Basilisk in der letzten Bagger-Ausgabe). Auch, weil abgebissener Kopf und Reptilienhals mit schlierigen Fäden verbunden waren, die sich aus dem Mund der Gerichtsmedizinerin wie fauler, schwarzer Kaugummi in die Länge zogen und schließlich abrissen, um auf dem Kinn der Gerichtsmedizinerin kleben zu bleiben, noch immer aus ihrem Mund hängend wohlgemerkt, während sie an dem verwesenden Stück Reptil kaute. Spätestens als das Kopferl mit samt den Fäden irgendwo im Kropf der Gerichtsmedizinerin entschwunden war – gulp! – und die Eidechsenfresserin sich gleich einer blutverschmierten Vampirin das Kinn abwischte, glaubten wir ihr aufs Wort: Dass sie schon mal, einer Wette wegen, ein Stück von einer gerichtsmedizinischen Leiche abgebissen hatte.

Ein Glück, dass die Gerichtsmedizinerin sich dieser Verzehrung hingab, die selbst die väterliche Schwiegermutter im Schatten liegen lässt – genau solche Schnurren braucht es in der Bagger-Abrissbirne!

Kommentare

Wääähhhhhh

Bisher mit Abstand die grauslichste Abrissbirne. Weiter so!

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