Die Walverwandtschaft

Folge 7: Im Spiegelkabinett

Jonas betrat das Badezimmer, einen Raum, in dem er seit seinem Einzug noch nicht allzu viel Zeit verbracht hatte. Wozu auch? Ein Ort, an dem die Gesellschaft bis in die Sphären der Intimität vorzudringen pflegt, hatte für ihn wenig Nutzen. Im Bad macht man sich bereit für die Außenwelt, reibt, frottiert, stutzt und legt alles zurecht, was man in Kürze den Blicken der anderen ausgesetzt weiß. Man tritt gleichsam aus sich selbst heraus und betrachtet sich im Spiegel mit den Augen derer, deren Achtung und Anerkennung man erhofft. Dies jedoch verlangt meist erhebliche Anstrengungen.

Es ist notwendig, sich selbst mit verschiedenen Augen zu betrachten. Denen des ersten Passanten, der den Weg kreuzt, den vielen Augen jener, denen man auf dem Weg zur Arbeit oder zu einer Verabredung begegnet, den Augen der Menschen, denen man zu begegnen hofft, aber auch den scheinbar beiläufigen Blicken derer, denen man heute nicht begegnen möchte. Es gilt, auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein, denn an einem nachlässigen oder verlotterten Tag gesehen zu werden, kann jahrelange Anstrengungen und gesellschaftliche Stellungen zunichte machen. Nein, man musste vorbereitet sein und hier war der Ort, an dem diese Vorbereitungen stattzufinden hatten. Hier musste man zunächst alle Mängel schonungslos beschauen, um sie dann gekonnt verdecken zu können. Hier mussten Szenen geprobt, Blicke und Minen eingeübt werden: Erfreute Überraschung, anerkennendes Nicken, aufmerksames Zuhören. Hier vor dem Spiegel war man sicher und gleichzeitig tausenden schonungslosen Augenpaaren ausgesetzt. Hier galt es, sich zu bewähren.
Jonas wusch die Hände. Die Spitzen seiner Finger hatten durch den permanenten Tabakkonsum einen gelblichen Stich erhalten, der sich mit Wasser nicht beseitigen ließ. Seife hatte er keine. Auch kein Handtuch. Nichts Derartiges hatte sich in dem leichten Gepäck befunden, mit dem er dieses trostlose Haus bezogen hatte. Er brauchte so etwas nicht. Langsam wanderte sein Blick vom verstaubten Waschbecken hinauf. Im Spiegel erblickte er gerötete Augen mit dunklen Ringen, fettiges Haar und ein schmutziges, bleiches Gesicht. Jonas war betrunken, so wie immer seit einigen Tagen. Er lächelte, als er dachte, wie heruntergekommen und verbraucht er nach so kurzer Zeit bereits wirken musste. Doch dieses Lächeln verriet ihm, dass er weiterhin in seinem perfekten Leben gefangen war. Darüber konnten auch die belegten Zähne und der scheußliche Geschmack am Gaumen nicht hinwegtäuschen. Es würde noch lange dauern, bis er sich wieder eine Zahnbürste wünschen würde. Doch er war zuversichtlich. Der Tag sollte kommen. Wer oder was war er? So dachte er, während er sich immer noch lächelnd mit getrübtem Blick im Spiegel betrachtete. War er eine Art Messias? Er könnte es sein, doch er hatte die Sendung verweigert. Für so etwas wusste er zu viel, seit Langem schon. Er hätte einer von Vielen sein können, sich seiner Sendung bewusst. Ja, er hatte einen Zustand erreicht, in dem ihn keine Ängste plagten, keine Furcht um die Existenz, um die eigenen Fähigkeiten, nicht einmal um seine Stellung in der Gesellschaft, denn er hatte viel erreicht. Er hätte es sich erlauben können, an einem verlotterten Tag angetroffen zu werden, einmal nichts Gescheites von sich zu geben. Es war ihm auch immer gleichgültig gewesen. Er konnte die Ängste, die Dummheiten, Unzulänglichkeiten und Leidenschaften der Menschen verstehen und er wusste, wie sie auszumerzen waren, denn er selbst hatte dies getan. Man hätte ihm zugehört, hätte er jemals davon gesprochen. Viele wären ihm gefolgt, denn es war schlicht und einfach, was er gepredigt hätte. Man hätte sich die Augen gerieben und die Welt aus einem neuen Blickwinkel gesehen, wenn er nur aufgestanden wäre und das Wort ergriffen hätte. Er hatte es nicht getan. Er wusste zu viel. Wie der Spiegel, in den er nun blickte, an manchen Stellen nicht mehr ganz durchsichtig war – es gab Schlieren und verblichene Muster, an denen man das zurückgeworfene Bild in Gedanken ergänzen musste –, war ihm von Anfang an bewusst, dass seine Botschaft lückenhaft bleiben musste. Das Spiegelbild eines Erleuchteten bleibt ein matter Abglanz der Erleuchtung und so würde es immer sein. Die Augen der Gesellschaft, die man durch alle möglichen Winkelzüge und ihre Antizipation hier vor dem Spiegel zu täuschen gedachte, würden am Ende mehr oder auch weniger sehen, als man für möglich gehalten hätte. Nein, Jonas war kein Messias. Davon gab es genug und es würden immer neue folgen. Jene, die ihre vergilbten Spiegelbilder für ihre wahrhafte messianische Existenz halten, werden erst im Spiegel selbst illuminiert. Ein Erleuchteter blickt nicht in den Spiegel, es sei denn, in einem heruntergekommenen Badezimmer in einem trostlosen Haus an einem Abhang. Diese Anmerkung gestattete er sich aus Gründen einfacher Sentimentalität, obwohl er wusste, dass sie bedeutungslos war.
Jonas verließ das Badzimmer und trat in jenen Raum, der wohl eine Art Wohnzimmer darstellen sollte. Zumindest war es der größte Raum dieses verwinkelten und ein wenig baufälligen Hauses, das er für wenig Geld erworben hatte. Er erinnerte sich an den ungläubigen Blick des Immobilienmaklers, der das Haus in diesem Zustand wohl für unverkäuflich gehalten hatte, als Jonas prompt seine Zusage erteilt und den geforderten Betrag sogleich und ohne Umschweife in bar übergeben hatte. Verdutzt und fast mitleidig hatte der scheinbar weltgewandte Vertreter etwas von notwendigen Renovierungsmaßnahmen gemurmelt und noch erwähnt, dass man sich hier sicher schön einrichten könnte, bevor er sich kopfschüttelnd, fast ein wenig angewidert aus dem Staub gemacht hatte. Das war noch nicht lange her. Der Fernseher, die einzige wirkliche Einrichtung dieses Zimmers, lief beständig. Irgendeine Talkshow oder eine seichte Alltagsgeschichte war immer zu finden. Sonst lagen nur ein schmutziger Schlafsack und jede Menge leerer Flachen sowie ein übervoller Aschenbecher auf dem Boden herum.
Jonas trat durch die Haustüre. Er zündete eine Zigarette an und blickte in die Dämmerung, die sich hier wie ein grauer Schleier über die trostlose Umgebung legte. Die Sonne bekam man hier aufgrund der schluchtartigen Lage am Rande eines erdigen Baches auch tagsüber kaum zu sehen. Jonas lächelte und wusste, dass er das öde Rauschen des Baches noch lange Zeit hören würde.

Was trieb Jonas dazu, sich hier niederzulassen? Was ist in seinem „perfekten“ Leben schief gelaufen? Hat er Freunde oder Verwandte, die ihn besuchen werden? Ist Jonas wahnsinnig geworden? Und wann wird er sich endlich die Zähne putzen? Alle diese Fragen werden unter Umständen, eventuell und unter noch unbekannten Voraussetzungen in keiner weiteren Folge beantwortet.

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