Du seliges Österreich …

Alles in allem könnten wir ganz zufrieden sein mit unserer Zufriedenheit. Aber zu welchem Preis? Und auf wessen Kosten?

„Gross National Happiness is more important than Gross National Product.“ So antwortete der junge König von Bhutan Jigme Singye Wangchuck 1976 auf die provokative Frage eines Journalisten der Financial Times nach dem Bruttoinlandsprodukt (BIP) seines Staates. Dieses lag damals bei 50 US-Dollar pro Kopf im Jahr und war somit das niedrigste der Welt. Es blieb jedoch nicht bei dieser schlagfertigen Antwort. Bhutan, ein nach europäischen Vorstellungen äußerst rückständiges Land, das bisher ziemlich abgeschottet von der restlichen Welt existiert hatte, entwickelte Theorien und Methoden, um das Glück seiner Bevölkerung zu messen, um es zu verbessern.

LebenszufriedenheitZufriedenheit als Regierungsziel

Es wurde eine Kommission für Bruttonationalglück gegründet und vier Faktoren, die besonders zur Förderung des Glücks der Bevölkerung beitragen sollten, wurden definiert:

  • Die Förderung einer sozial gerechten Gesellschafts- und Wirtschaftsentwicklung.
  • Die Bewahrung und Förderung kultureller Werte.
  • Der Schutz der Umwelt.
  • Die Errichtung von guten Regierungs- und Verwaltungsstrukturen.

Das Ziel war, einen ungeordneten, fluchtartigen Übergang von einem traditionellen, abgeschlossenen Land hin zur Existenz als Teil der großen, globalisierten Welt zu verhindern und somit wenigstens einige der Probleme, die dieser Wandel für viele der sogenannten Entwicklungsländer mit sich gebracht hat, zu verhindern.
Heute hat Bhutan immerhin ein BIP von ungefähr 2000 US-Dollar pro Kopf und liegt damit weltweit ungefähr im Durchschnitt. Und die Lebenserwartung ist seit den siebziger Jahren von ungefähr 47 auf heute 65,5 Jahre gestiegen. Müsste nun folgerichtig Bhutan nicht das glücklichste Land der Erde sein? Nicht ganz. In den meisten Studien liegt der Himalayastaat eher im guten Mittelfeld. Im asiatischen Vergleich betrachtet ist er aber doch einer der besten. Dass die Gesamtbevölkerung nicht ganz so glücklich ist, wie die offenbare Fürsorge ihrer Regierung denken lassen könnte, liegt vielleicht daran, dass die Fürsorge nur einem Teil der Bevölkerung zugute kommt.

Glück und Nationalismus

1980 wurde bei einer Volkszählung offenbar, dass nepalesische Immigranten, die seit Ende des 19. Jahrhunderts auf Arbeitssuche ins Land geströmt waren, inzwischen die Mehrheit der Bevölkerung bildeten. Ursprünglich waren diese als billige Arbeitskräfte willkommen; bis 1958 standen ihnen die Grenzen offen. Dann aber war der Markt offenbar gesättigt. In einer Generalerklärung wurde den bis dahin Eingewanderten die bhutanische Staatsbürgerschaft angeboten und der weitere Zuzug verboten. Allerdings war die Grenze nicht vollkommen kontrollierbar und so gab es weiterhin, nun aber als illegal deklarierten Zuzug.
Das Ergebnis der Volkszählung versetzte die Volksgruppe der Ngalong, der auch das Königshaus angehört, in Angst vor Überfremdung. Die Regierung ging dazu über, Zugewanderte, die keine Aufenthaltserlaubnis aus der Zeit vor 1958 vorweisen konnten, auszuweisen, und betrieb ab 1988 eine Politik der Assimilierung in Sprache und Kultur. Dies führte zu Revolten unter den Eingewanderten, die mit Gewalt niedergeschlagen wurden und Flüchtlingsbewegungen in größerem Rahmen zur Folge hatten. Noch immer gibt es im Osten Nepals Flüchtlingslager mit über 100.000 Bewohnern. Wenn also die in Bhutan Zurückgebliebenen dieser Bevölkerungsgruppe bei den Befragungen überhaupt einbezogen wurden, so ist es durchaus naheliegend, dass sie den Schnitt der Zufriedenheit etwas drückten.
Dies zeigt, wie schwierig es ist, allgemeine Voraussetzungen für Zufriedenheit zu definieren – insbesondere sobald es um Kultur und kulturelle Werte geht und unterschiedliche Identitäten unter einen Hut gebracht werden sollen.

Die wirklich Glücklichen

Wenn es also Bhutan nicht ist, welche sind nun die glücklichsten Länder der Erde? Welch Überraschung: Es sind im Großen und Ganzen die reichsten.
Länder wie Dänemark, die Schweiz, Luxemburg, Norwegen, Finnland, Schweden, Irland und auch Österreich füllen die Top 20 sowohl im Bereich der subjektiv gefühlten Zufriedenheit als auch beim BIP. Am unteren Ende der Listen finden sich vorwiegend afrikanische Staaten aus der Sub-Sahara-Region wie Burundi, die Demokratische Republik Kongo oder Zimbabwe. Geld macht also ganz offensichtlich glücklich. Wir können uns also glücklich schätzen, im ungefähr zehntreichsten Land zu leben, dessen Bevölkerung weltweit die drittglücklichste ist.
Das sieht auf den ersten Blick ganz gut aus, allerdings wurde da die Frage nach der Effizienz noch nicht gestellt. Und da schlägt Bhutan Österreich um Längen. Wenn nämlich weltweit jeder und jede verbrauchen würde, womit wir uns unser Leben so schön machen, wären die Rohstoffe von annähernd 5 Planeten Erde notwendig. Mit der bhutanischen Lebensweise hingegen würde die Weltbevölkerung mit unserem einen Himmelskörper gerade ihr Auslangen finden. Zu diesem Ergebnis kommt das Global Footprint Network, welches hierbei misst, wie viele Erden notwendig wären, um die gesamte Menschheit beim gegebenen Lebensstandard eines bestimmten Landes dauerhaft mit nachwachsenden Ressourcen zu versorgen.
Ökologischer Fußabdruck

Die rücksichtsvoll Glücklichen

Nun besteht natürlich die Möglichkeit, diese beiden Werte – die gefühlte, in Umfragen erfasste durchschnittliche Lebenszufriedenheit und den ökologischen Fußabdruck – zu kombinieren, um zu messen, welche Staaten am ehesten im Sinne von globaler Zufriedenheit und Nachhaltigkeit funktionieren. Das Ergebnis wird (un)Happy Planet Index genannt und zeichnet ein etwas überraschendes Bild. Den global rücksichtsvollsten Erfolgskurs fahren offenbar Staaten wie Costa Rica (auch genannt die Schweiz Mittelamerikas) und die Dominikanische Republik. Aber auch Länder, die eher für politische Instabilität, wirtschaftliche Schwäche oder korrupte Verwaltung bekannt sind, befinden sich auf den vordersten Plätzen: die ehemaligen Bürgerkriegsländer Guatemala und Nicaragua, das Auswanderungsland Jamaika, das armuts- und konfliktgeplagte Kolumbien, das isolierte Kuba oder das autoritär regierte Ägypten. Bhutan findet sich an 17. Stelle, Österreich an 57., die USA an 114. zwischen Madagaskar und Nigeria.
Was auffällt, ist die große Dichte an ökologisch nachhaltiger Zufriedenheit in Mittelamerika. Eine Mentalitätsfrage? Vielleicht. Sicher ist aber auch zu berücksichtigen, dass zum Beispiel nordeuropäische Staaten schon allein durch klimatisch ungünstigere Bedingungen einen hohen Energieaufwand haben. Generell macht die Statistik den Eindruck, als ob die sogenannte hoch entwickelte Welt hier eher chancenlos ist. Das liegt vor allem daran, dass die moralisch-erzieherische Komponente, die der ökologische Fußabdruck mit sich bringt, voll erhalten bleibt, während die relativ unexakte Ermittlung der Zufriedenheit, die nur nach dem subjektivem Gefühl bezüglich der Lebensumstände fragt, wesentliche Details außer Acht lässt und wohl auch oft irreführende Ergebnisse bewirkt.
Happy Planet Index
So kann ich zum Beispiel mit meinen Lebensumständen eigentlich ganz zufrieden sein und mich dennoch über verlogenen Migrationspopulismus, manipulierende Massenmedien, unfähige Bildungs­politik, allgemein traurige Polit-Kultur usw. maßlos ärgern. Insbesondere wenn im Großen und Ganzen sehr zufriedenstellende Umstände herrschen und nur die aktuelle Entwicklung als eine negative wahrgenommen wird und sich die eigentlich angenehmen Umstände dadurch verschlechtern (könnten), ist das Unwohlsein schwieriger glaubhaft zu artikulieren und fließt in solche Umfragen weniger ein.

Teure Stagnation

Ein weiterer Makel lässt sich bezüglich unserer verhältnismäßig hohen Zufriedenheit ausmachen: Sie stagniert – seit Jahrzehnten. Wie bereits erwähnt besteht ein Zusammenhang zwischen Lebenszufriedenheit und der Höhe des BIP. Allerdings steigt Erstere nur solange der Reichtum noch eher gering ist, mit wachsendem Wohlstand an, beginnt aber ab einem bestimmten Punkt plötzlich zu stagnieren – meist bei einem Pro-Kopf-BIP von ungefähr 10.000 US-Dollar. So hat auch Österreich seine Wirtschaftsleistung seit den sechziger Jahren mehr als verdreifacht, glücklicher wurde die Bevölkerung aber dadurch offenbar nicht. Was sich mitgesteigert hat, ist der Ressourcenverbrauch.
Wir investieren also heutzutage für dieselbe Zufriedenheit mehr Wirtschaftsleistung und verbrauchen mehr Ressourcen als vor 50 Jahren. Ist diese Steigerung der Wirtschaftsleistung und des Ressourcenverbrauchs notwendig, um unseren Grad an Zufriedenheit zu halten? Aufschluss bringt ein Blick auf die Phase rund um den EU-Beitritt Österreichs: Der Ressourcenverbrauch stagnierte hierzulande seit Anfang der Siebziger, machte dann nach dem Beitritt 1995 einen großen Sprung nach vorne, um sich in Folge wieder auf dem neuen Niveau einzupendeln – ohne eine merkbare Veränderung der Stimmung der Bevölkerung in der gesamten Phase. Ähnliches lässt sich auch über die beiden Beitrittskompagnons Schweden und Finnland sagen, bei denen der Hunger nach Rohstoffen phasenweise sogar deutlich zurückging, ohne ihre Einwohner und Einwohnerinnen ins Unglück zu stürzen.

Staaten wie Österreich könnten also ihren Ressourcenverbrauch deutlich drosseln, ohne Revolten befürchten zu müssen. Insbesondere wäre es angebracht, wenn nicht sogar dringend notwendig, auf die Güter und Rohstoffe, die mengenmäßig über die eigene Produktions-Kapazität des Landes hinausgehen, so weit wie möglich zu verzichten. Diese sind es nämlich, die global gesehen für Raubbau am Planeten und soziale Ungerechtigkeit sorgen.
Nicht dass durch einen solchen Paradigmenwechsel alle Probleme gelöst wären, aber zumindest würde das Vorhaben einer möglichst „neutralen Ressourcenbilanz“ eine Grundlage für ein friedlicheres globales Zusammenleben, für weniger Migration und für weniger Bedarf an wirtschaftlich motivierten Kriegen bilden.

Weiterführendes:
http://www.grossnationalhappiness.com
http://www.bhutanstudies.org.bt
http://www.mein-fussabdruck.at
http://www.happyplanetindex.org
http://www.footprintnetwork.org

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