Eigentum ist Diebstahl?

Pierre-Joseph Proudhon

Über die Grundlagen aller halbwegs modernen Staatsformen und über den Haken, den sie haben.

Das Zitat aus der Überschrift – wenn auch als These und nicht als Frage verfasst – ist mehr oder weniger allgemein bekannt. Weniger hingegen sein Urheber: Dabei war der Ökonom und Soziologe Pierre-Joseph Proudhon (1809-1865), der als einer der ersten Vertreter des Anarchismus gilt, zu seiner Zeit ein viel gelesener Autor, stand mit Kollegen wie Karl Marx und Michail Bakunin in direktem Kontakt und engagierte sich als Mitglied der französischen Nationalversammlung politisch.

In seinem Schaffen steht der vielzitierte Satz „Eigentum ist Diebstahl“ aber nicht so einsam herum, wie er es heutzutage oft auf empörten Plakaten linker Demonstrationen tut, sondern ist die gut argumentierte Schlussthese eines ganzen Werkes. Qu’est ce que la propriété? Ou recherches sur le principe du droit et du gouvernement (Was ist das Eigentum? Untersuchungen über den Ursprung und die Grundlagen des Rechts und der Herrschaft, 1840) stellt die These zwar gleich zu Beginn vor, führt dann aber in ausführlichen Schlussfolgerungen vor, wie Proudhon letztendlich zu dieser prägnanten, plakativen Aussage kommt.
Im Gegensatz zu Marx, der als zentrale Forderung des Kommunismus’ nur die Aufhebung von Privateigentum postulierte, wandte sich Proudhon generell gegen die Existenz von Eigentum. Seiner Meinung nach sei diese ein prinzipieller Systemfehler, ein Konstrukt das nicht der Realität entspreche und dadurch zu Leid führe. Karl Marx beurteilte das Werk Proudhons in einem Brief (24. Januar 1865 an J.B.v. Schweitzer) folgendermaßen: Sein erstes Werk „Qu‘est-ce que la propriété?“ ist unbedingt sein bestes Werk. Es ist epochemachend, wenn nicht durch neuen Inhalt, so doch durch die neue und kecke Art, Altes zu sagen.
Prinzipiell standen sich Marx und Proudhon aber kritisch gegenüber. Marx hielt den aus einfachen Verhältnissen Stammenden für wenig wissenschaftlich versiert und kleinbürgerlich; seinen Stil bezeichnete er als hochtrabend spekulatives Kauderwelsch. Proudhon wiederum kritisierte an Marx die Forderung nach Einsatz von revolutionärer Gewalt und warnte vor der Anwendung autoritärer Mittel, die letztendlich wieder dieselbe Situation wie zuvor, nur unter verkehrten Vorzeichen, erzeugen würde. Während die Theorien des Franzosen nie zu direkter Anwendung kamen, kann mau ihm bezüglich seiner Einschätzung von Marx’ Lehren am Beispiel des real existierenden Kommunismus’ durchaus eine gute Voraussicht zuerkennen.

Besitz und Eigentum

Was hat es nun aber mit seiner These der „Unmöglichkeit des Eigentums auf sich“? Ist Eigentum nicht eine der natürlichsten Sachen der Welt? Spätestens seit der Sesshaftwerdung und dem Beginn des Ackerbaus tendiert der Mensch dazu, Güter zu akkumulieren und das Land, das er bebaut, als sein eigenes zu betrachten – entweder persönlich oder als Kollektiv.
Juristisch gesehen unterscheidet mau in Europa eigentlich seit dem Römischen Reich Besitz von Eigentum. Ersteres bezeichnet hier nur die tatsächliche, aktuelle Verknüpfung zwischen einer Person und einem Objekt (das kann auch eine Mietwohnung sein), schließt aber keine Eigentumsrechte mit ein. Diese, die nur für tatsächliches Eigentum gelten, bedeuten unumschränkte Verwendungsrechte, die das Recht auf Vermietung, Beleihung und Verpfändung, aber auch auf Missbrauch und Zerstörung des Eigentums inkludieren. Gegen diese zweite Kategorie wendet sich nun Proudhon und verlangt, zum Schutze der Allgemeininteressen nur Besitz zuzulassen. Ein Hauptargument betrifft hierbei die Problematik, dass Eigentum dazu genutzt werden kann, sich selbst zu akkumulieren und es so für Ungleichheit unter den Menschen sorgt.

Freiheit, Gleichheit, Eigentum!

Genau diese Eigenschaften des Eigentums – die Möglichkeit es zu verleihen und zu verpfänden, seine Fähigkeit zur Wertsteigerung, seine Tendenz zur Akkumulierung sind Basis für jenen bürgerlichen Kapitalismus, der uns in den letzten Jahrzehnten zuvor unvorstellbaren Wohlstand sowie auch einen verhältnismäßig hohen Lebensstandard der unteren Gesellschaftsschichten beschert hat. Ja, sogar seine Eigenschaft, materielle Ungleichheit zu erzeugen, muss als wichtiger Faktor hierfür anerkannt werden, da genau diese Ungleichheit den Antrieb zu Wettbewerb und Produktivität und somit zum gesellschaftlichen Aufstieg gibt. Ermöglicht wird dieser Aufstieg durch die Festschreibung prinzipieller Gleichheit unter den Menschen (Wahlrecht, Rechtssprechung, ...) sowie maßgeblicher persönlicher Freiheitsrechte.
Genau diese Elemente – Recht auf Freiheit, Gleichheit und Eigentum – sind auch die ursprünglichen Elemente der Parole der Französischen Revolution; erst später wurde letzteres durch fraternité – Brüderlichkeit – ersetzt. Das Recht auf persönliches Eigentum stellt also auch eine elementare Grundlage moderner demokratischer Gesellschaften dar. Im Vergleich mit den beiden anderen Grundrechten fällt aber ein wesentlicher Unterschied auf: Besonders die Freiheit, aber auch die Gleichheit (im Sinn der Gleichheit vor dem Gesetz) sind tatsächliche Rechte, welche die NutznießerInnen auch direkt in den Genuss ihrer Vorteile bringen. Das Recht auf Eigentum hingegen ist nur ein potentielles. Das bedeutet: alle haben prinzipiell die Möglichkeit, Eigentum innezuhaben, Eigentum wird aber im Gegensatz zu Freiheit und Gleichheit nicht zugesichert. Im Gegenteil: Mau kann sich diesbezüglich sogar verschulden! Dies wiederum beeinträchtigt die Gleichheit, da ihr nur die ideelle Verwirklichung bleibt, die materielle Gleichheit aber durch die Eigenschaften des Eigentums bedroht und zersetzt wird.

Faulheit oder Gier?

Wie erwähnt hat genau diese Ungleichheit auch ihren Wert für eine Gesellschaft und es gibt genügend Beispiele, die klarmachen, dass eine Einschränkung der Eigentumsrechte für die Individuen demotivierend und in Folge für die Gesellschaft lähmend und schädlich wirken können.
Als in den 90er Jahren nach dem Zusammenbruch und Zerfall der Sowjetunion die liberalistisch geprägte, demokratisch fundierte Marktwirtschaft augenscheinlich den globalen Sieg im Wettstreit der Wirtschaftssysteme errungen hatte, schien zunächst alles geklärt: Die Guten hatten gewonnen – ein System, welches jeder und jedem die Möglichkeit zum erfolgreichen, selbstbestimmten Leben gibt, hatte eine zur Diktatur degenerierte Ideologie niedergerungen, die statt versprochener Gleichheit und Prosperität nur Unfreiheit und Misswirtschaft hervorgebracht hatte.
Dann aber, als das Spiel entschieden schien, die Märkte jubilierten und expandierten, unbeschränktes globales Wachstum mit einhergehendem allgemeinem Wohlstand sowie der Garantie entsprechender Rechte möglich schien, während die letzten Rückzugsgebiete der Unfreiheit und Armut offenbar nur noch auf ihre Eroberung warteten, geschah etwas Unerwartetes: Das vormals strahlende Gesicht des Kapitalismus wandelte sich zur Fratze. Das unumschränkte Recht auf Eigentum brachte bei der Speerspitze der Armeen des Kapitalismus’ eine unumschränkte Gier nach Eigentum hervor. Die unbeschränkten Verwendungsrechte, die dem Eigentum inhärent sind, wurden zum Werkzeug zur unbeschränkten Bereicherung. Unbeschränkt?

Janusgesichtiges Eigentum

Beständiges Wachstum ist eine der Grundmaximen der marktwirtschaftlichen Ökonomie. Die Verleihung, Verpfändung und Wertsteigerung von Eigentum sind ihre Werkzeuge. Spätestens ab dem Augenblick aber, in dem die Mehrung des Eigentums gewisser Teile der Gesellschaft die Mehrung der Produktion an Wert übersteigt, muss diese Bereicherung auf Kosten anderer Gesellschaftsteile gehen.
Durch Umverteilungsmodelle und andere Tricks lassen sich solche Schräglagen einige Zeit verschleiern. Das ändert aber nichts daran, dass die benachteiligten Schichten zunehmend perspektivlos werden, was unabwendbar zu Unzufriedenheit führt. Nun kann mau diese Gesellschaftsteile einige Zeit mit Zuckerbrot besänftigen, ihr mit der Peitsche drohen. Längerfristig bleibt aber, wenn dem materiellen Ungleichgewicht (welches, wenn wir ehrlich sind, immer auch ein Ungleichgewicht bezüglich der Rechte und Möglichkeiten erzeugt) nicht gegengesteuert wird, kein anderer Ausweg als der letztendliche Sturz der Eliten: Die Neuverteilung der Karten, und das Spiel kann von vorne beginnen.
Das Recht auf Eigentum ist also in der heute gehandhabten Form sowohl Grundlage für allgemeinen Wohlstand als auch der Ursprung aller Ungleichheit, oder wie Proudhon in seinem späteren Werk Système des contradictions économiques ou Philosophie de la misère (1846) sagt: „Das Eigentum ist eine Institution der Gerechtigkeit und das Eigentum ist Diebstahl“.

Als Frage bleibt: Ist ein Konzept – jenseits des derzeitigen Eigentumsverständnisses – möglich, das sowohl Gleichheit als auch Wohlstand im selben Maße fördert?
Ein Konzept, das den ewigen Kreislauf von Wachstum, Krise und Zusammenbruch durchbrechen kann? Nur weil der Kommunismus mit der (zudem schäbig durchgeführten) Aufhebung des Privateigentums scheiterte, bedeutet das, dass eine Modifizierung, Einschränkung oder gar Aufhebung des Eigentumsrechts prinzipiell negativ verlaufen muss?

 

Literatur:

  • Pierre-Joseph Proudhon: Qu’est ce que la propriété? Ou recherches sur le principe du droit et du gouvernement (Was ist das Eigentum? Untersuchungen über den Ursprung und die Grundlagen des Rechts und der Herrschaft),1840
    Dt. Ausgabe derzeit vergriffen; engl. Ausg. (What is Property? …): ISBN 978-0217420969; frz. Ausg.: ISBN 978-0543942593
  • www.taz.de/!28649/ - Proudhon-Portrait zum 200. Geburtstag.

Randnotiz:
Vielleicht ist es auch an der Zeit, sich vom Dogma des beständigen Wachstums zu lösen – zumindest solange, bis ein Weg gefunden wird, Wachstum zu generieren, das nicht auf Kosten anderer fußt. Bis dahin nämlich ist und bleibt die Mehrung von Eigentum Diebstahl.

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