Ein Cola für die Menschlichkeit

„Barren, silent, godless … Everything paling away into the murk.“

Vater und Sohn, beide unbestimmten Alters, kämpfen sich durch die Asche eines zerstörten Amerika südwärts, um den Winter zu überleben. Sie sind nicht die letzten Menschen, aber fast alle anderen sind „die Bösen“. Es gilt: Hai frißt Hai, keiner hilft keinem. Ungefähr das steht in Cormac McCarthys Roman „The Road“ (dt. „Die Straße“, ausgezeichnet mit dem Pulitzer Prize for Fiction 2007).

Nicht daß jemand glaubt, das sei ein apokalyptischer Thriller. Art und Ausmaß der Katastrophe bleiben unklar – ein Atomkrieg war es schon mal nicht, weil nichts verstrahlt ist; und ist eigentlich die Welt verbrannt, oder nur ein Großteil der USA? Eine Science-Fiction-Leserschaft würde den Autor erschlagen. McCarthy läßt man es durchgehen, weil es darauf nicht ankommt: Sein Marsch durch Hungersnot, Frost und Entmenschtheit dient bloß als Hintergrund für die Vater-Sohn-Beziehung. Hätten die beiden ihre Problemchen nur wegen Zähneputzen, Volksschulstoff und gesunder Ernährung für den Knaben (all das kommt im Text vor!), würde überhaupt niemand das Buch lesen. Eine mäßig geschmacklose Inszenierung – denn wieviele Menschen wurden tatsächlich in eine solche Lebenslage gebombt, sagen wir, in Vietnam oder Afghanistan?

the road McCarthy bekennt sich dazu, fast nur Naturwissenschaftliches zu lesen; daher sein weitgespannter und präzise einge­setzter Wortschatz, der ihn vom Mittelfeld der Romanciers wohltuend abhebt. Nur drückt er dann dem Leser Pflanzennamen wie kudzu oder pipsissewa aufs Auge und ergeht sich leicht streberhaft über Mekonium, Colliculus und Schallgeschwindigkeit, wo es nicht zur Sache gehört. Anfang und Ende ringen um poetischen Schwung; dazwischen sinkt das Werk zu einem Teenager-Tagebuchstil herab. Soll man vielleicht nicht das Ganze lesen? Die peinlich kurzen Absätze, getrennt durch massenhaft Leerzeilen, laden auf 287 Seiten gut 300mal zum Aufhören ein.
Hat jemand das Ganze gelesen? Oder schreibt ein Kritiker vom anderen ab, wenn sie immer wieder behaupten, der Text hätte Ähnlichkeit mit dem Alten Testament? Hat er nicht. Das Alte Testament steckt voll von Sex, Crime und Poesie (eventuell merkt man das nicht, wenn es bei einem Baptistengottesdienst in halbverständlichem Englisch heruntergebrabbelt wird). Höchstens die Art der Nahrungsbeschaffung – der Vater fürchtet sich fünf Seiten lang vorm Verhungern, dann entdeckt er zufällig eine verlassene Speisekammer voll brauchbarer Konserven – hat etwas vom Manna in der Wüste. Ohne solche Zivilisationsreste wären die beiden übrigens verloren; bestenfalls finden sie zufällig ein paar Pilze im Wald, Survival geht anders. Das wahre literarische Vorbild: Jim und Huckleberry Finn auf dem Mississippi! Nur hatten die einen humorvollen Autor. McCarthy hingegen gelingt es wohl als erstem, entstellte Leichen und Notkannibalismus so zu schildern, daß sie den Leser langweilen.
Ein Greis namens Ely tritt auf; das Weltanschauliche bleibt insgesamt so unscharf, daß er wirklich der Prophet Elias sein könnte, aber sein Auftritt bewirkt letztlich nichts. Und mitten im Nichts findet der Vater – man halte sich fest! – die vielleicht allerletzte Dose Cola. Welch erhabene Szene, wie die beiden diese Köstlichkeit aus der versunkenen Welt teilen… für die Verfilmung wird Coca Cola viel Geld zahlen müssen, oder hat es das schon?
Übrigens stirbt der Vater zum Schluß (sonst käme das Buch zu keinem Ende). Das Söhn­chen landet in der Obhut eines pionierzeitlichen Ehepaars, mit Flinte im Arm und Bibel im Hinterkopf. Das ist die Welt, die der alte Luftwaffensoldat McCarthy seinem Sohn gern hinterließe: die der Pilgerväter, wo ein Mann noch ein Mann war, „God on our side“ (wie bei Bob Dylan) und das Abendessen ein Fisch aus dem Gebirgsbach – verschärft durch Frontkame­radschaft (die Buchwelt ist wie ein Militärcamp praktisch frauenlos, höchstens erscheinen Mama und Oma in Rückblenden) und Kinderträume vom Indianerspielen. Klar, daß man dafür in den USA einen Preis bekommt. Oder?

Kommentare

Einschätzung

DANKE! Endlich hat jemand den Inhalt des Buches ohne ewiges geschleime wiedergegeben. Egal welche Kritiken man auch liest, immer gehört "die Straße" zu einem der literarischen Hauptwerke dieser Zeit. Ich frag mich wirklich, ob die das gelesen habe?! Ich hab das Buch geschätzte hundertmal weggelegt und gefühlte 3 Monate daran gelesen. Wie kann ein Buch, welches Kannibalismus und die Zerstörung der Welt beinhaltet, so extrem langweilig sein?! Da frag ich mich doch ernsthaft, wie der Film (welcher angeblich grade gedreht wird oder vielleicht schon fertig ist) dazu ist? Muss man dann pünklich nach Filmende im Kino die Wecker stellen, um die Kinobesucher aus ihrem Tiefschlaf zu wecken? Der absolute Hit sind ja auch diese sinnfreien Dialoge. Hat jemand gezählt, wie oft das Wort "OKAY" oder der Satz "Ich weiß nicht" vorkam? Ich musste ja schon viel Mist von der Schule aus lesen, aber das ist wirklich der Gipfel! Wie konnte so ein Buch mit dem Pulitzer Preis ausgezeichnet werden? Da ist ja "Hänsel und Gretel" noch bedeutender. Alternativ würde ich "Die Stadt der Blinden" oder "die Pest" empfehlen. Diese Bücher beschäftigen sich ebenfalls mit Menschen in Notsituation, nur mit dem dezenten Unterschied, dass diese Bücher sehr spannden sind.

holla! willkommen in der

holla! willkommen in der bagger-literaturecke.

ich hatte auch den eindruck, daß meine rezension die einzige schlechte von diesem buch ist... scheint sich nach wie vor zu bestätigen :-)

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